Bamberg
Fußball

Die Leidenschaft hat sich vererbt

Karl und Helmut Fleischer sind zwei der bekanntesten Schiedsrichter der Gruppe Bamberg. Der Sohn hat früh gelernt, seinen Weg zu gehen.
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Charismatisch und humorvoll: Karl Fleischer gehört seit 60 Jahren der Schiedsrichtergruppe Bamberg an. Die Leidenschaft für sein Hobby gab er   an Sohn Helmut weiter. Dieser startete dann richtig durch. anpfiff.info
Charismatisch und humorvoll: Karl Fleischer gehört seit 60 Jahren der Schiedsrichtergruppe Bamberg an. Die Leidenschaft für sein Hobby gab er an Sohn Helmut weiter. Dieser startete dann richtig durch. anpfiff.info
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In den vergangenen Jahrzehnten prägten viele Schiedsrichter das Bild der Bamberger Gruppe. Zwei von ihnen sind sogar in gerader Linie verwandt: Vater Karl und Sohn Dr. Helmut Fleischer aus Hallstadt. Letzterer ist der erfolgreichste Bamberger Schiri.

Kürzlich wurde Karl Fleischer für 60 Jahre Zugehörigkeit zur Bamberger Gruppe geehrt. Was er alles erlebt hat, lässt sich in wenigen Worten nicht ansatzweise erfassen. Der 79-jährige pensionierte Bahnbeamte war mit 27 Jahren der damals jüngste Schiedsrichter auf der DFB-Liste, pfiff 13 Jahre in der 2. Liga, assistierte in der Bundesliga und war als Verbandsschiedsrichterobmann, Kreisspielleiter oder Bezirksvorsitzender tätig. "Ich bin sowohl als Schiedsrichter, als auch als Funktionär die Treppe hochgefallen", sagt er mit einem Grinsen, für das er so bekannt ist und das seinen humorvollen und offenen Charakter wiedergibt.

"Natürlich hat unter diesem enormen Zeitaufwand die Familie gelitten", gibt er zu. "Und man muss die richtige Frau haben, die das alles mitmacht. Die hatte ich ganz sicher", sagt der seit etwa vier Jahren verwitwete Karl Fleischer.

So war es nicht ungewöhnlich, dass er die ganze Woche beruflich unterwegs war und nur heimkam, um fürs Wochenende die Koffer zu wechseln. Am Samstag leitete er ein Spiel in der 2. Liga, kam erst am Sonntag zum Mittagessen zurück. "Und am Nachmittag ging es weiter. Teilweise war es so, dass wir - ich vorn, meine Frau hinten, unser Sohn in der Mitte - gemeinsam auf dem Motorrad zu einem Kreis- oder Bezirksligaspiel gefahren sind", erinnert er sich. "Helmut hat immer geschimpft, wenn er als Kind manchmal mit zu den Einsätzen musste", lacht er. "Deswegen hätte ich damals nie gedacht, dass er selbst die Schiedsrichter-Laufbahn einschlägt, weil er sah, wie viel Zeit das in Anspruch nahm - schlussendlich wurde es dann bei ihm noch schlimmer als bei mir. Nur, wer sich dem Ganzen ganz verschreibt, kann es weit bringen."

Der Rückblick von Karl Fleischer auf die eigene Karriere fällt positiv aus: "Die Schiedsrichterei hat mein Leben bereichert und meine Persönlichkeit geprägt. Ich möchte keine Sekunde missen", ist er dankbar für das Erlebte. "Noch heute bin ich gern bei den Lehrabenden der Gruppe", hält er die Verbindung aufrecht. Einmal Schiri, immer Schiri.

Sohn überflügelt den Vater

Ungewöhnlich ist, dass es Vater und Sohn als Referees zu höchsten Weihen gebracht haben. Helmut war ab 1990 DFB-Schiedsrichter, ab 1995 leitete er Spiele in der Bundesliga und war 2006 Fifa-Schiedsrichter. Am 30. Mai 2009 leitete er das DFB-Pokalendspiel zwischen Bayer Leverkusen und Werder Bremen (0:1). Heute ist der 55-Jährige beruflich als Oberfeldarzt beim Taktischen Luftwaffengeschwader der Bundeswehr in Neuburg an der Donau tätig. Im Interview blickt er auf seine beeindruckende Laufbahn als Schiri zurück.

Herr Fleischer, welchen Anteil hatte Ihr Vater daran, dass sie ebenfalls Schiedsrichter wurden?

Dr. Helmut Fleischer: Die Entscheidung war meine eigene. Aber es ist natürlich so, dass ich auf die Idee ohne meinen Vater sicher nicht gekommen wäre. Er hat da aber nie gedrängt oder etwas erwartet, dazu war ich viel zu stur. Ich habe schnell festgestellt, dass ich als 14-Jähriger das Taschengeld mit der Schiedsrichtertätigkeit ordentlich aufstocken konnte.

Wissen Sie noch, welches Ihr erstes Spiel war?

Daran erinnere ich mich so leidlich. Es war ein C-Jugend-Spiel in Geisfeld. Ich war alleine unterwegs, weil ich nicht wollte, dass meine Mutter mich dort hinfährt. Mein Vater war selbst als Schiedsrichter unterwegs, konnte somit auch nicht dabei sein. An das Spiel selbst habe ich keine echte Erinnerung mehr. Aber schlimm kann es nicht gewesen sein, weil ich mich nicht abschrecken ließ.

Gab es mit dem damals bereits erfolgreichen Vater auch schon mal kontroverse Diskussionen über die eine oder andere Entscheidung?

Ich bin mir nicht sicher, wann mein Vater mich zum ersten Mal als Schiedsrichter gesehen hat, aber das war sicher nicht im ersten Jahr. Wahrscheinlich wollte er mich nicht zu sehr unter Druck setzen. Das war damals noch anders. Schiedsrichter durften erst ab 18 Jahren erste Herrenmannschaften pfeifen. Man begann in der C-Klasse und konnte sich jedes Jahr maximal eine Klasse nach oben arbeiten. Ich habe das gar nicht als schlimm empfunden, da man schon mit ein wenig Erfahrung in den Herrenbereich kam.

Wann haben Sie gemerkt, dass die Schiedsrichterei mehr werden könnte als nur ein Hobby?

Das war in der damals noch drittklassigen Bayernliga. Ich brauchte drei Jahre, um aus der Landesliga dorthin aufzusteigen, nachdem es vorher im Eiltempo vorangegangen war. Dann stand ich nach dem ersten Jahr gleich auf Platz 1 der Rangliste. Ich bin zwar nicht aufgestiegen, weil man sich für einen erfahreneren Schiedsrichter entschied, habe mich aber als Assistent für die 2. Liga bei Siegbert Rubel aus Kronach qualifiziert. Das war, zusammen mit Reinhard Lorenz, der damals noch für die Gruppe Ebern pfiff, ein tolles Jahr. Ich wusste vom ersten Spiel an: Da will ich auch hin. Im Jahr drauf klappte das.

Was waren die für Sie unvergesslichen Spiele: Barcelona international? Das DFB-Pokal-Finale?

Die beiden Spiele waren Highlights. Es ist toll, in Barcelona am ersten Spieltag der Champions League als Neuling ein Spiel zu bekommen. Eigentlich hatten die Verantwortlichen von Barca erzählt, dass sie nur 40 000 Zuschauer erwarten. Beim Warmlaufen war das Stadion fast leer. Dann geht man raus - und es ist mit 95 000 Fans komplett voll. Ein unglaubliches Gefühl. Und dann muss man nach 20 Minuten einen Strafstoß gegen Barca zum 0:1 geben. Da ist der Spaß dann erst mal vorbei. Die Spanier gewannen dann noch mit 3:1. Ähnlich ergeht es einem in Berlin beim Pokalfinale. Aber es gibt noch viele andere tolle Erinnerungen, zum Beispiel an das ägyptische Pokalendspiel in Kairo, an das Finale der K-League in südkoreanischen Seoul oder an das Endspiel im damaligen UI-Cup in Malaga.

Ihr Vater kann die eine oder andere Anekdote aus seiner Zeit schildern. Gibt es auch bei Ihnen eine kuriose Begebenheit, die Sie erlebt haben?

Man erlebt immer wieder kuriose Dinge. Ich hatte ein Spiel in Kaiserslautern gegen den HSV. Bei der Trikotkontrolle stellten wir fest, dass die Ärmel inklusive des Schulterbereichs genau die gleiche Farbe hatten wie das FCK-Trikot. Das macht es für Schiedsrichter und Assistenten unnötig schwierig. Der HSV hatte aber sein Ausweichtrikot nicht dabei. Nun war guter Rat teuer, da die Mannschaft auf keinen Fall in einem Trikot der Lauterer spielen wollte. Also meinte ich: Dann müsst ihr eben die langen Ärmel abschneiden. Kurze Überlegung und lange Gesichter bei den HSV-Verantwortlichen, aber ihnen erschien diese Lösung immer noch als die beste. Die Spieler waren weniger begeistert: Es war ein bitterkalter Freitagabend im Dezember mit Minustemperaturen im zweistelligen Bereich. Ich glaube, Bernd Hollerbach trägt mir das heute noch nach.

Mittlerweile gibt es den Videobeweis: Sind Sie froh, dass es ihn zu Ihrer Zeit noch nicht gab?

Nein, bin ich nicht. Der Videobeweis verhindert die ganz großen Katastrophen, die dir als Schiedsrichter monatelang oder manchmal auch deine ganze Karriere lang nachhängen. Insofern ist dies für Schiedsrichter ein Segen. Ich für meine Begriffe hätte allerdings eine Challenge-Lösung bevorzugt, bei der die Teams die Möglichkeit gehabt hätten, ein oder zwei Situationen pro Halbzeit nachprüfen zu lassen. Das wäre für mich deutlich näher am sonstigen Fußball.

Sie wohnen und arbeiten einige Kilometer entfernt von der alten Heimat: Wie sind heute Ihre Kontakte zur Schiedsrichtergruppe?

Ich bin zu meinem Leidwesen viel zu selten bei der Schiedsrichtergruppe, insbesondere, weil mir der Montag als Tag der Pfichtsitzung natürlich nicht entgegenkommt, da die Anreise aus Ingolstadt einfach zu weit ist. Aber über meinen Vater und über Günther Reitzner und den einen oder anderen Kontakt aus früherer Zeit fühle ich mich immer noch gut informiert und auch im Geschehen. Ich freue mich schon auf den Ruhestand, wenn ich wirklich wieder regelmäßig bei ,meiner‘ Gruppe sein kann. Das dauert aber leider noch ein paar Jahre.

Bambergs beste Schiedsrichter

Die "Bestenliste" der Bamberger Schiedsrichter aus den vergangenen Jahrzehnten in loser Reihenfolge: Robert Schauer (Süddeutsche Regionalliga), Dr. Helmut Fleischer (Fifa), Erwin Nitsche (2. Liga), Markus Pflaum (3. Liga), Peter Schirner (Assistent, 1. Liga), Siegfried Brehm (1. Liga), Gertrud Gebhard (Fifa), Günther Reitzner (Assistent, 1. Liga), Reinhard Lorenz (Assistent, 1. Liga), Karl Fleischer (2. Liga), Elke Günthner (Fifa). red Info: Die Schiedsrichtergruppe Bamberg feiert ihr 100-jähriges Bestehen. In Zusammenarbeit mit unserem Partnerportal anpfiff.info begleiten wir das Jubiläumsjahr mit regelmäßigen Geschichten rund um die Unparteiischen.

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