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Basketball

Der Sommer der personellen Härtefälle im DBB-Team

Die deutsche Nationalmannschaft ist vor der WM in China personell so gut aufgestellt wie nie - für den DBB Fluch und Segen zugleich. Vizepräsident Armin Andres spricht über enttäuschte fränkische Spieler, die Zusammenarbeit mit NBA-Klubs und die Führungsqualitäten von Dennis Schröder.
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Armin Andres ist seit 2014 im Präsidium des Deutschen Basketball Bundes.Bertram Wagner
Armin Andres ist seit 2014 im Präsidium des Deutschen Basketball Bundes.Bertram Wagner
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"Wir haben mit den tiefsten Kader jemals." Selbst Dirk Nowitzki, der 2015 zum letzten Mal für das Nationalteam auflief, kommt bei der aktuellen Auswahl des Deutschen Basketball Bundes (DBB) ins Schwärmen. Die Masse an talentierten Spielern gab es zu seiner aktiven Zeit nicht, doch der vermeintliche Luxus bringt für Bundestrainer Henrik Rödl und den Verband auch personelle Härtefälle. Der gebürtige Bamberger Armin Andres, Vizepräsident und Delegationsleiter beim DBB, spricht zehn Tage vor der Weltmeisterschaft in China (31. August bis 15. September) über enttäuschte fränkische Spieler, die Zusammenarbeit mit NBA-Klubs und die Führungsqualitäten von Dennis Schröder.

Herr Andres, im Sommer 2015 hat fast eine zweistellige Anzahl an deutschen Spielern die Teilnahme an der Europameisterschaft in Berlin aus diversen Gründen abgesagt. In diesem Jahr sind mit Ausnahme des verletzten Isaiah Hartenstein alle Mann an Bord. Wie froh sind Sie, endlich mal alle Leistungsträger dabei zu haben?

Armin Andres: Wir sind von Verbandsseite natürlich sehr froh, dass wir eine solche Riesenauswahl haben und deshalb sogar vielen guten Spielern absagen mussten. In den letzten Jahren hat sich abgezeichnet, dass die Spieler unbedingt wollen, aber es im Umfeld nicht gepasst hat. Die NBA-Klubs etwa haben in der Regel kein großes Interesse für den europäischen Basketball und sehen in erster Linie ihre Situation. Gott sei Dank haben alle Spieler schon ihre Verträge unterschrieben und können jetzt beruhigt für die Nationalmannschaft spielen.

Wie aufwendig ist die Zusammenarbeit mit den NBA-Klubs?

Wir sind zwei bis dreimal pro Jahr bei den Vereinen vor Ort, um den Kontakt zu pflegen und gute Beziehungen aufzubauen. Es ist wichtig, dass die NBA-Klubs sehen, dass wir bei der Nationalmannschaft beispielsweise sehr gut im medizinischen oder athletischen Bereich arbeiten. Wir haben uns mittlerweile ein gutes Netzwerk aufgebaut, Klubs wie die Boston Celtics, Washington Wizards und die Dallas Mavericks, zu denen wir ja durch Dirk seit vielen Jahren gute Kontakte haben, unterstützen uns sehr.

Ein nicht vorhergesehener Wechsel, wie der von Moritz Wagner und Isaac Bonga vor wenigen Wochen von den Los Angeles Lakers zu den Washington Wizards, erscheint dann kompliziert ...

In dem Fall haben wir einen Glücksgriff gelandet. Bei den Wizards ist Frank Ross für die Entwicklung der Spieler zuständig. Er ist in Bamberg ein alter Bekannter, ich habe damals in den 80er Jahren mit ihm zusammengespielt. Dazu arbeitet auch Tony DiLeo (Anm. d. Red.: ehemaliger deutscher Damen-Nationaltrainer) bei den Wizards, den ich auch sehr gut kenne. Wir haben also erstklassige Verbindungen nach Washington. So haben die Wizards bereits frühzeitig signalisiert, dass Moritz und Isaac bei der Nationalmannschaft dabei sein können.

Trotz seines großen Talents hat Moritz Wagner den Sprung in den WM-Kader nicht geschafft. Damit ist er auf den großen Positionen in bester Gesellschaft, unter anderem wurden auch Tibor Pleiß und Maik Zirbes gar nicht berücksichtigt. Haben Sie eine Erklärung für das Überangebot auf den großen Positionen, während bei den Guards mit Ausnahme von Dennis Schröder und Maodo Lo Spieler auf absolutem Toplevel fehlen?

Ausschlaggebend für die allgemein höhere Dichte an guten Spielern war sicherlich die Entscheidung der Bundesliga vor einigen Jahren, die "6+6-Regel" einzuführen. In allen Vereinen gibt es mittlerweile hauptamtliche Jugendtrainer, so dass sich die Spieler besser entwickeln können. Warum es aktuell vor allem die großen Spieler sind, weiß ich nicht. Vielleicht, weil die Bevölkerung immer größer wird (lacht). Die Problematik der fehlenden Aufbauspieler in Deutschland gibt es bereits seit meiner Zeit, seit gut 30 Jahren. Mit Ismet Akpinar, Isaac Bonga oder Jonas Mattiseck kommt aber jetzt was nach, wenn auch noch nicht in der Breite wie auf der Centerposition. Nachholbedarf haben wir auch auf der Position 2, wo lange Karsten Tadda gespielt hat. Hier setzen wir vor allem auf Andi Obst, neben Franz Wagner ist er auf dieser Position die Zukunft des deutschen Basketballs.

War Karsten Tadda als Eliteverteidiger kein Thema für die Weltmeisterschaft?

Mir persönlich tut es für Karsten sehr leid, weil ich ihn als Bamberger natürlich schon ewig verfolge und einen sehr guten Kontakt zu seiner Familie pflege. Es gab Überlegungen im Trainerteam, ihn für den vorläufigen Kader zu nominieren. Aber da er kaum eine Chance gehabt hätte, es in das endgültige WM-Team zu schaffen, wäre eine Einladung ins Trainingslager nicht fair gewesen. Stattdessen haben wir jungen Spielern, die nachrutschen, die Chance gegeben, sich weiterzuentwickeln.

Ähnliches gilt dann auch für die Bamberger Routiniers wie Elias Harris oder Maurice Stuckey?

Maurice hat klar kommuniziert, dass er keine Ambitionen mehr in der Nationalmannschaft hat - Elias ebenso. Aber ich finde, Elias hat eine wahnsinnig gute Saison gespielt. Er ist nach wie vor ein interessanter Spieler, aber wir haben den Schnitt mit den jungen Spielern gemacht. Es wäre für das Teamgefüge und die Mannschaftsentwicklung nicht gut, wieder Spieler zurückzuholen, die länger nicht dabei waren.

Bei den Bayreuthern Bastian Doreth und Andreas Seiferth ist die Situation eine andere, da beide in den Nationalmannschaftsfenstern während der Saison regelmäßig dabei waren und möglicherweise auch in Zukunft sind. Wie hält man solche Spieler bei Laune?

Das ist wirklich eine ganz schwierige Situation. Ich freue mich immer, wenn Basti und Andi zur Nationalmannschaft kommen, weil sie mit Herzblut dabei sind. Eine gewisse Enttäuschung kann ich natürlich nachvollziehen. Ich glaube aber, beide wissen, dass es schwer wird, es in den Endkader zu schaffen, wenn alle Mann an Bord sind. Man muss es beiden hoch anrechnen, dass sie immer bereit sind, "auszuhelfen". Für den Trainer ist es natürlich eine große Herausforderung, mit diesen Spielern weiter guten Kontakt zu halten. Man baut ja persönliche Beziehungen auf und hat gemeinsam viele schöne Momente erlebt.

Von den Routiniers zur Jugend zurück: Der gebürtige Bamberger Nils Haßfurther, der nächstes Jahr bei Würzburg in der Bundesliga spielen wird, hat bei der U20-EM im Juli auf sich aufmerksam gemacht. Was trauen Sie ihm in den nächsten Jahren zu?

Nils hat eine extrem gute Entwicklung genommen. Er hat schon letztes Jahr bei der U20-EM in Chemnitz sehr gut gespielt, heuer war er noch einmal wesentlich besser und ein wichtiger Faktor für den Gewinn der Bronzemedaille. Als Bamberger versteht man es natürlich nicht wirklich, warum er nicht für Brose spielt. Ich glaube, er wäre für die Bamberger ein super Back-up auf der Point-Guard-Position gewesen. Er steht auf alle Fälle auf unserer Liste und könnte, genauso wie sein Teamkollege Joshua Obiesie, vielleicht schon im nächsten Nationalmannschaftsfenster eine Chance bekommen.

Haßfurther und Obiesie sind die Zukunft, Dennis Schröder die Gegenwart. Seine sportlichen Qualitäten sind unbestritten, aber ist er der Leader - auf und neben dem Parkett - , der das DBB-Team zu großen Erfolgen führen kann?

Auf alle Fälle. Man hat schon in der letzten NBA-Saison gesehen, dass er mehr Führungsqualität als früher besitzt. Sportlich gesehen hat er seinen Wurf von außen deutlich verbessert, er ist kein reiner "Penetration-Guard" mehr. Bei Oklahoma City Thunder hat er letzte Saison extrem gut verteidigt. Und Dennis weiß einfach, wie er seine Mitspieler in Position bringt, er ist sehr mannschaftsdienlich. Wenn er all das in der Nationalmannschaft zeigt, kann er uns ganz weit führen. Er ist der unumstrittene Anführer der Nationalmannschaft. Natürlich ist er kein Dirk Nowitzki, der Vergleich wäre auch nicht angemessen. Dennis hat seine eigenen Visionen und ist extrem ehrgeizig, vorwärts zu kommen. Das ist so ein Punkt, bei dem viele sagen, er hat seinen eigenen Kopf. Aber er möchte einfach nur Erfolg und geht dafür seinen Weg unbeirrt weiter. Das hat ihm bisher immer geholfen.

Dem DBB stehen spannende Jahre bevor. In diesem Jahr die WM in China mit einem kompletten Kader, nächstes Jahr Olympia in Tokio und 2021 die Heim-EM in Berlin und Köln. Eine große Chance, den Basketball in Deutschland voranzubringen ...

Ja, man hat beim Handball und beim Eishockey gesehen, dass die Nationalmannschaft ausschlaggebend für die Entwicklung einer Sportart ist. Dabei muss man aber relativieren, dass auch bei diesen beiden Sportarten trotz der Erfolge der große Sprung ausgeblieben ist. Wir haben jetzt drei Jahre hintereinander extrem gute Situationen. Die EM 2021 ist für uns das Highlight, und ich denke, mit dem Kern der diesjährigen Mannschaft können wir in zwei Jahren etwas Großes schaffen in Deutschland. Um Basketball weiter voranzubringen, ist natürlich nicht alleine der Verband, sondern auch die Liga gefordert, die weiter neue Maßstäbe setzen muss, um sich in Europa nach vorne zu arbeiten. Mit den Bayern haben wir schon einen Verein, der in der Euroleague Zeichen setzen möchte. Das ist der richtige Weg. Und wir müssen alle gemeinsam versuchen, den Basketball mehr ins Fernsehen zu bringen. Mit Magenta-Sport gibt es eine erstklassige Plattform, aber wir brauchen auch die öffentlich-rechtlichen Sender. Da lege ich auch den Finger bei uns in die Wunde. Denn damit die Öffentlich-Rechtlichen wieder einsteigen, sind wir gefordert, Erfolg zu haben. Und wir setzen uns künftig große Ziele. Wir fahren nicht mehr zu Turnieren, um zu sagen, wir waren dabei. Wir fahren zu Turnieren, um mit den Großen mitzuspielen. Da hat sich das Bewusstsein schon geändert.

Verlosung: DBB-Trikots zu gewinnen

Verlosung Die Zeitungen der Mediengruppe Oberfranken verlosen zwei handsignierte Trikots (je ein Heim- und Auswärtstrikot) der deutschen Basketball-Nationalmannschaft. Unterschrieben haben alle deutschen Spieler und Trainer des WM-Teams. Um an der Verlosung teilzunehmen, schicken Sie bis spätestens Sonntag, 25. August, 20 Uhr, eine Mail an sport@infranken.de mit dem Betreff "DBB-Team" und ihren kompletten Kontaktdaten. Die Gewinner werden schriftlich benachrichtigt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

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