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Bamberg
Die Besten des Jahrzehnts (1)

Daniel Theis: "Ich habe meine Nische gefunden"

In Bamberg war er der Mann für die spektakulären Momente, in der NBA wird er für die Kleinigkeiten gefeiert: Daniel Theis. Der 28-Jährige erinnert sich an sein besonderes Verhältnis zu Andrea Trinchieri, spricht über seinen Durchbruch und die Corona-Krise in den USA.
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Daniel Theis bei seiner Lieblingsbeschäftigung: dem Blocken. Hier hat es den damaligen Münchner und heutigen Brose-Spieler Bryce Taylor in der Finalserie 2015 erwischt.  Foto: Daniel LöbLieblingsbeschäftigung
Daniel Theis bei seiner Lieblingsbeschäftigung: dem Blocken. Hier hat es den damaligen Münchner und heutigen Brose-Spieler Bryce Taylor in der Finalserie 2015 erwischt. Foto: Daniel LöbLieblingsbeschäftigung
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Sportlich lief im April 2017 für Brose Bamberg alles nach Plan. Das Team von Trainer Andrea Trinchieri kämpfte mit Ratiopharm Ulm und dem FC Bayern München im Endspurt der Hauptrunde um die beste Ausgangsposition für die Play-offs. Auf den Rängen war von Play-off-Vorfreude aber nicht viel zu spüren, nach sechs Meisterschaften in den vergangenen sieben Jahren wirkte das Gros des Bamberger Publikums satt - nicht aber die Hardcore-Fans. "Wir wollten wieder mehr Energie in die Rote Wand bringen und hatten überlegt, Daniel Theis und Elias Harris mit ins Boot zu holen", erinnert sich Lukas Winkler, Vorsitzender der Fangruppierung "Sektion Südblock".

Theis, Harris und die Rote Wand

Gesagt, getan: Winkler und Vertreter der zwei anderen Bamberger Fanclubs verabredeten sich mit Theis und Harris in einem Gasthof in Waizendorf, wo die beiden Brose-Spieler damals in einem Doppelhaus Tür an Tür lebten. Die beiden Profis und das Fan-Trio ließen im Nebenzimmer des Gasthofs bei einem guten fränkischen Bier die Köpfe rauchen - und die Ergebnisse konnten sich sehen lassen. Es wurde ein Video produziert, in dem die Brose-Spieler und Maskottchen Freaky die Fans auf eine humorvolle Art auf die wichtigste Phase der Saison einstimmten. Zum ersten Play-off-Spiel wurden rund 1000 rote T-Shirts im Fanblock verteilt - die kompletten Kosten übernahmen Harris und Theis.

Wenige Wochen später sollte sich Theis nach seinem dritten Meistertitel im dritten Jahr aus Bamberg in Richtung Boston in die NBA verabschieden. "Die Stimmung in der ausverkauften Bamberger Arena, insbesondere zu Play-off-Zeiten, vermisse ich schon", sagt Theis noch heute. Der Kontakt nach Bamberg, insbesondere zu Kumpel Harris, riss nie ab. "Ich verbringe nach der Saison im Sommer viel Zeit mit Elias. Dazu gehört auch, die Restaurants in Bamberg abzuklappern", erzählt der 28-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung. Auch die sportliche Entwicklung seines Ex-Klubs verfolgt er: "In Bamberg ist man sehr erfolgsverwöhnt. Und es ist natürlich schon schade, dass das Budget zuletzt kleiner geworden ist und die Ansprüche heruntergeschraubt wurden."

Mit dem Gehalt steigt die Spielzeit

Immer noch hoch im Kurs steht Theis bei den Bamberger Anhängern. Bei unserer Basketball-Umfrage "Die Besten des Jahrzehnts" bekam er auf seiner Position (Center) fast jede zweite Stimme zugesprochen und ließ unter anderem Kyle Hines (ZSKA Moskau) und Tibor Pleiß (Anadolu Efes Istanbul) hinter sich. "Dieses Ergebnis macht mich stolz. Ich denke, die Fans wissen noch, dass ich für das Team immer 110 Prozent gegeben habe", sagt Theis.

Dies schätzen mittlerweile auch die Fans der Boston Celtics. Als der gebürtige Niedersachse im Herbst 2017 aber erstmals die NBA-Bühne betrat, gab er den US-Journalisten noch Rätsel auf - in zweierlei Hinsicht. Einerseits kannten ihn trotz seiner gelegentlich starken Auftritte in der Euroleague die wenigsten, anderseits war der deutsche Nachname mit dem "Th", das aber nicht als "Ti-Eitsch" ausgesprochen wird, an sich suspekt. Knapp drei Jahre und 194 NBA-Spiele später gilt Theis längst als etabliert. Analog zu seiner Gehaltserhöhung im vergangenen Sommer, als er einen Zwei-Jahres-Vertrag für 10 Millionen US-Dollar bei den Boston Celtics unterzeichnete, entwickelte sich auch seine Rolle im Team. "Dass mit Al Horford und Aron Baynes zwei Center den Verein verlassen haben, hat mir in die Karten gespielt. Das war eine Chance, die ich ergreifen musste", sagt Theis.

In der laufenden Saison, die wegen des Coronavirus unterbrochen ist, legte er in durchschnittlich 24 Minuten Spielzeit 9,3 Punkte und 6,6 Rebounds auf. Gute Werte, die Theis' Wert für die Mannschaft aber nicht widerspiegeln. "Ich habe neben mir so viele Spieler, die jedes Spiel 25 Punkte erzielen können, ich dagegen brauche den Ball nicht in den Händen, um meine Rolle zu erfüllen. Ich habe meine Nische gefunden."

Der Mann für die Kleinigkeiten

Gefürchtet wird er in der ganzen Liga für einen Move, der von seinen Teamkollegen liebevoll als "Theis-ing" bezeichnet wird. Nach dem Pick-and-Roll verschafft Theis seinem Mitspieler beim Zug zum Korb Platz, indem er seinen Gegenspieler energisch auf den Rücken nimmt und damit eine Hilfe unterbindet. Nutznießer dieser "Seals" ist in dieser Spielzeit vor allem Flügelspieler Jayson Tatum, der auch aufgrund der indirekten Vorlagen des Deutschen den Sprung zum NBA-Superstar geschafft hat. "Daniel öffnet für mich das Spiel, aber er macht das für jeden. Das ist etwas, was man nicht auf dem Statistikbogen sieht", lobte Tatum den Deutschen nach einem Sieg über Portland Ende Februar über den grünen Klee.

Eine Hassliebe zu Trinchieri

Lob, aber auch viel Kritik musste sich Theis während seiner drei Jahre in Bamberg vom damaligen Coach Andrea Trinchieri anhören. Der Italiener war berüchtigt für seine emotionalen Spieleransprachen und nahm sich an der Seitenlinie für keinen Akteur "mehr Zeit" als für Theis. "Das war eine Hassliebe zwischen uns", sagt Theis grinsend. "Ich bin ehrlich, nach seinen ersten Ansprachen wollte ich einfach nur weg. Er ist so temperamentvoll. Aber über die Zeit habe ich gelernt, die Dinge nicht persönlich zu nehmen. Und ich bin ihm dankbar, denn damals habe ich diese Tritte in den Hintern einfach gebraucht."

Im Februar 2011 feierte Theis als 18-Jähriger im Braunschweiger Trikot sein Bundesliga-Debüt. Bei Ratiopharm Ulm (2012 bis 2014) gelang dem 2,04-Meter-Mann der nationale Durchbruch, ehe Theis mit Bamberg auch international durchstartete und zweimal nur knapp am Top 8 in der Euroleague vorbeischrammte.

Seine erste Spielzeit in Bamberg, die erste in der Post-Fleming-Ära, verlief etwas holprig, aber fand mit dem 3:2-Finalsieg über den FC Bayern in den Play-offs ein gutes Ende. "Mein erster Titelgewinn im Profibereich war ein besonderer Moment", sagt Theis. Unvergessen bleiben für ihn die Schlusssekunden des zweiten Finalspiels in München, als Dawan Robinson mit einem Korbleger in der letzten Sekunde den Bamberger Auswärtssieg und den 1:1-Ausgleich in der Serie sicherte. Im dritten Viertel hatte Brose bereits mit bis zu 16 Punkten zurückgelegen.

"Fühlt sich an wie Hausarrest"

Die Vorlage zum Siegkorb gab damals übrigens Brad Wanamaker, damals wie heute Teamkollege von Theis. Wann die beiden wieder für die Celtics in der NBA auflaufen können, steht in den Sternen. Die Liga ist seit Mitte März aufgrund des Coronavirus unterbrochen, angestrebt wird wie in der BBL eine Saisonfortsetzung an einem (schillernden) Ort ohne Zuschauer - Las Vegas und Disney World in Orlando sind in der Auswahl. "Die Hoffnung, dass die Saison einen Abschluss findet und nicht alles umsonst war, ist noch da", erklärt Theis. "Aber Basketball ist in der aktuellen Situation zweitrangig. Es gilt erst einmal, alles andere in den Griff zu kriegen."

In diesen Tagen sollen die NBA-Spieler nach zwei Monaten wieder die Möglichkeit haben, auf dem Vereinsgelände zu trainieren - aber nur einzeln. Ein gewisses Ballgefühl hat sich Theis in den vergangenen Wochen erhalten, dem Basketballkorb in seinem Garten sei Dank. Ansonsten verlässt er sein Haus vor den Toren Bostons in der Regel nur, um mit seinen Hunden, einem Australian Shepherd und einem Jack Russell, Gassi zu gehen. "Das fühlt sich schon etwas wie Hausarrest an", sagt der 28-Jährige, der mit seiner Frau Lena und seiner Tochter (vier Jahre) sowie seinem Söhnchen (fünf Monate) zusammenlebt.

Noch versteht er kein Spanisch

Neben schweißtreibenden Fitnesseinheiten und geselligen Uno-Abenden mit der Familie hat Theis auch eine neue persönliche Herausforderung angenommen: eine zweite Fremdsprache zu lernen. Die Wahl fiel auf Spanisch. "Meine Frau war mal Au-pair in Spanien und spricht die Sprache deshalb gut. Das möchte ich auch können", sagt Theis. Weiter als bis zum Kapitel "Begrüßung" ist er bislang nicht gekommen. Mit einer Lernpause könnte Theis aber sicher leben, wenn die Herausforderung "NBA" in den nächsten Tagen wieder rufen sollte.