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Neu bei Brose Bamberg (1)

Christian Sengfelder: Der Andersdenker

Bis zum Saisonstart stellen wir ausgewählte Neuzugänge vor - den Anfang macht Christian Sengfelder. Der Horizont des 24-jährigen Power Forwards mit dem weichen Handgelenk geht weit über das Parkett hinaus.
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Christian Sengfelder hat einen Drei-Jahres-Vertrag in Bamberg unterschrieben. Daniel Löb
Christian Sengfelder hat einen Drei-Jahres-Vertrag in Bamberg unterschrieben. Daniel Löb

Es gibt Tage, die man als Sportler sein Leben lang nicht vergisst. Für Christian Sengfelder war der 4. November 2018 ein solcher. Der Tag, an dem der gebürtige Leverkusener den ersten Bundesliga-Sieg seiner Karriere feierte. "Ich weiß noch genau, wie wir alle nach dem Spiel in der Kabine saßen und uns ungläubig anschauten", erzählt Sengfelder. "Wir dachten uns alle nur: Wow, was ist hier gerade passiert? Haben wir wirklich Bamberg mit über 25 Punkten aus der Halle geschossen?"

Vor allem die Deutlichkeit des 92:66-Heimerfolges der Basketball Löwen Braunschweig gegen Brose Bamberg überraschte, schließlich waren die Niedersachsen mit fünf Niederlagen in die Saison gestartet, während die Oberfranken ungeschlagen angereist waren. "Der Sieg war damals eine Art Startschuss für uns", erinnert sich Sengfelder.

Die Basketball Löwen gewannen im Anschluss acht der nächsten neun Partien und setzten sich in den Play-off-Rängen fest. Dass sich die Braunschweiger auch nach Abschluss der Hauptrunde noch auf Platz 8 wiederfanden, ist auch ein Verdienst des Liganeulings Sengfelder gewesen. Der Power Forward stand in seiner ersten Profisaison in allen 37 Partien in der Startformation und legte mit 11,3 Punkten und 5,9 Rebounds respektable Zahlen auf.

War Sengfelder während der regulären Saison trotz seiner ersten Nominierung für die A-Nationalmannschaft im Februar immer noch etwas unter dem Radar gelaufen, änderte sich das spätestens nach der Play-off-Serie gegen den FC Bayern. Sengfelder musste nach der Verletzung von Scott Eatherton vermehrt auf der Centerposition ran und explodierte mit knapp 19 Punkten pro Spiel. "Wenn man gegen einen international etablierten Klub wie München spielt, steht man natürlich mehr im Rampenlicht", sagt Sengfelder. "Die höhere Aufmerksamkeit habe ich nach der Serie schon gemerkt. Es kamen Teams auf mich zu, die im Sommer zuvor noch nicht wirklich an mir interessiert waren."

Verfechter des Individualtrainings

Letztlich reizte den Nationalspieler das Angebot des neunfachen deutschen Meisters am meisten. " Ich denke, es ist angesichts des Umbruchs mit neuem Geschäftsführer, Sportdirektor und Coach gerade ein guter Zeitpunkt, um hier einzusteigen", sagt Sengfelder, der sich schon vor der ersten persönlichen Kontaktaufnahme mit der Philosophie von Trainer Roel Moors auseinandersetzte. Die "sehr guten und ehrlichen" Gespräche mit dem Belgier hätten seinen positiven Eindruck bestärkt.

Positives kann der 2,06-Meter-Mann bisher über seine neue Wahlheimat berichten. "Bamberg ist noch einmal ein bisschen kleiner als Braunschweig, aber mit den zwei Flüssen und den vielen kleinen Cafés sehr schön, da wird man mich an einigen trainingsfreien Tagen schon sehen", sagt Sengfelder, der in seiner Freizeit gerne Klavier spielt.

Individualbeschäftigung einer anderen Sorte erwartet den 24-Jährigen in der Strullendorfer Trainingshalle. "Ich bin ein Verfechter von individuellem Training, mit Sandro Bencardino und Stefan Weissenböck hat Bamberg zwei Athletik- bzw. Individualtrainer, die sehr gut arbeiten." Mit Weissenböck arbeitet Sengfelder bereits fleißig an der Verbesserung seines Wurfes. "Ich habe einen guten Distanzwurf und kann dadurch Räume für meine Mitspieler kreieren. Ich denke, das hebt mich auch von vielen anderen Power Forwards oder Centern ab. Aber ich muss weiter viel arbeiten, um noch konstanter zu treffen", sagt Sengfelder.

Ein Fehlwurf, der ihn heute noch wurmt, ereignete sich im Viertelfinale der Universiade Anfang Juli in Neapel. Die A2-Nationalmannschaft hatte die USA am Rande einer Niederlage, verlor aber letztlich unglücklich mit 74:76. "Ich hatte mit einem Floater die Chance für die Verlängerung, doch der Ball ging 'in-and-out'. Das war schon sehr frustrierend", erzählt Sengfelder. "Mit Platz 5 kann man zufrieden sein, stolz sollte man darauf aber nicht sein." Mächtig stolz war der Rheinländer hingegen, als er im Februar dieses Jahres im WM-Qualifikationsspiel in Israel zum ersten Mal für das A-Nationalteam auflaufen durfte. "Das war eine enorme Ehre, die ich jeden Tag wieder annehmen würde", sagt Sengfelder, der bei der 77:81-Niederlage in Tel Aviv vier und zwei Tage später gegen Griechenland in Bamberg (63:69) zwei Punkte beisteuerte.

Der perfekte Mitspieler

Auch wenn es in diesem Sommer noch nicht für eine Nominierung für das WM-Team reichte, ist der Leverkusener langfristig als wichtiger Faktor des DBB-Teams vorgesehen. "Christian hat eine perfekte Einstellung und ist damit genau der Spielertyp, den sich jeder Trainer in seinem Team wünscht", sagt DBB-Vizepräsident Armin Andres. "Er ist ein Mannschaftsspieler, der alles für seine Kollegen tut und immer kämpft. Bei der A2 hat er bewiesen, dass er zu den Besten gehört. Für Spieler wie ihn haben wir beim DBB immer Platz."

Seinen Landsleuten drückt Sengfelder bei der am Samstag startenden Weltmeisterschaft die Daumen: "Wir haben einen sehr tiefen Kader und mit Dennis Schröder einen super Anführer. Wir können und sollten uns auch bei diesem Turnier einiges zutrauen." Anknüpfungspunkte mit Schröder hatte Sengfelder bereits in der vergangenen Saison. Als Gesellschafter der Basketball Löwen begleitete der NBA-Star das Team in den Play-offs auf Schritt und Tritt. "Dennis unterstützt das Braunschweiger Team sehr gut. Wir haben auch ein-, zweimal miteinander gesprochen, wie denn mein Plan für diese Saison ausschaut", sagt Sengfelder.

Vom Schwabenland in die Bronx

Während Schröder sein Basketball-ABC in Braunschweig gelernt hatte und 2013 über den großen Teich Richtung NBA zog, war es bei Sengfelder umgekehrt. Nach einer Saison bei Ehingen Urspring in der ProA wagte er 2014 den Sprung ans College, zunächst landete er an der privaten Fordham University in New York City. "Vom kleinen Ehingen im Schwabenland nach New York in die Bronx, das war schon ein extremer Wechsel und eine große Umstellung", erinnert sich Sengfelder. "Der Campus war eingezäunt und behütet, aber als ich dann das erste Mal in Manhattan war und man 30 Sekunden an ein und demselben Gebäude vorbeiläuft, war das schon beeindruckend. Es ist einfach immer was los, auch nachts, man kann nie einschätzen, welche Uhrzeit ist."

Nach drei Jahren hatte Sengfelder seinen Bachelor-Abschluss in Psychologie in der Tasche und wollte sportlich in seinem "Senior"-Jahr noch einmal bei einem ambitionierten College angreifen. So zog es ihn 2017 auf die staatliche Boise State University in den Bundesstaat Idaho. "Da ging es dann wieder von der Großstadt aufs Land. Die Unterstützung dort war unglaublich, es waren 5000 Leute bei unseren Spielen. Es gab drumherum nichts anderes außer College-Football und College-Basketball. Auf der Straße wurde man von jedem sofort erkannt", erzählt Sengfelder. Sportlich blieb der große Wurf aber aus, das Team verpasste den Sprung in das College-Finalturnier "March Madness" knapp.

Mit leeren Händen kehrte Sengfelder nach vier Jahren in den Staaten trotzdem nicht zurück. Nach seinem Psychologie-Bachelor ließ er noch einen Master-Abschluss in Sportpsychologie folgen. "Ich lese auch heute noch viel in der Richtung. Ich denke, dass die mentalen Fähigkeiten auf dem höchsten Level des Profisports den Unterschied ausmachen. Vom Talentlevel unterscheiden sich Spieler oft nur um ein, zwei Prozent", sagt Sengfelder, der trotz seiner erst 24 Jahre schon einen genauen Plan für die Karriere nach der Karriere hat. "Ich möchte mal als Performance Coach arbeiten. Da wird mentales Coaching mit Themen wie Ernährung und Schlaf kombiniert."

Bis es in gut zehn Jahren so weit ist, hat der Rheinländer aber auf dem Parkett Großes vor - bis mindestens 2022 in Bamberg: "Für ein Powerhouse wie Bamberg auflaufen zu dürfen, ist natürlich eine Chance, die man nicht alle Tage bekommt. Wir können in der kommenden Saison definitiv eines der besten drei oder vier Teams der Bundesliga sein."

Christian Sengfelder

Geboren am 28. Februar 1995 in Leverkusen Größe/Gewicht 2,06 Meter/112 Kilogramm Vertrag bis 2022 Trikotnummer 43 Position Power Forward/Center Statistiken 2018/19 11,3 Punkte, 5,9 Rebounds, 0,9 Assists im Schnitt in 27 Minuten; 50,5 % Feldwurfquote (Dreier: 36,1 %, Freiwürfe: 80,3 %) Bisherige Vereine Bayer Leverkusen (bis 2013), Team Ehingen Urspring (2013/14), Fordham University (2014 bis 2017), Boise State University (2017/18), Basketball Löwen Braunschweig (2018/19)

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