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Basketball

Bamberg - Vechta: Ex-Serienmeister gegen Sensationsaufsteiger

Ohne Heimvorteil startet der deutsche Pokalsieger in die diesjährigen Play-offs am Sonntag gegen die Überraschungsmannschaft der Liga. InFranken.de vergleicht die beiden Teams.
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Bambergs Tyrese Rice steigt zum Korbleger gegen Vechtas Center Michael Kessens hoch; links Aufbauspieler Josh Young. Daniel Löb
Bambergs Tyrese Rice steigt zum Korbleger gegen Vechtas Center Michael Kessens hoch; links Aufbauspieler Josh Young. Daniel Löb

Erstmals seit neun Jahren startet Brose Bamberg am Sonntag bei Rasta Vechta wieder ohne Heimvorteil in die Play-offs. Die Niedersachsen spielen eine bemerkenswerte Saison, haben aber mit Verletzungsproblemen zu kämpfen. Die Franken werfen Erfahrung und einen tiefen Kader in den Ring. Ein Teamvergleich:

Die Guards - Vechtas Balldiebe fordern routiniertes Trio

Lehrgeld mussten vor allem die Bamberger Aufbauspieler bei der 67:85-Heimniederlage in der Hauptrunde gegen Vechta im Januar zahlen. Gegen das überfallartige Doppeln der Vechta-Guards kurz nach dem Überqueren der Mittellinie fanden Nikos Zisis & Co. kein Rezept und verloren in der letzten Partie unter Ex-Trainer Ainars Bagatskis 21 Mal den Ball. Im Rückspiel (101:95 n.V. für Brose) knackte Bamberg unter der Leitung von Federico Perego den "Vechta-Code" bei "nur" noch zwölf Ballverlusten zumindest über weite Phasen der Partie. In Vechtas Backcourt greifen Automatismen: Josh Young und Chris Carter gehörten bereits in der letztjährigen Aufstiegssaison zu den Säulen der Norddeutschen.

Mit der Verpflichtung des 26-jährigen Combo-Guards T. J. Bray landete Rasta einen Volltreffer. Der vielseitige US-Amerikaner legt mit 14,8 Punkten (Platz 13 in der Liga) und 7,9 Assists (Platz 1) pro Spiel beeindruckende Zahlen auf. Bray nimmt genauso wie seine Teamkollegen Young und Austin Hollins mehr Dreier- als Zweierversuche und trifft von jenseits der 6,75-Meter-Linie starke 41 Prozent. Young kommt in der Regel von der Bank und kann schnell heißlaufen, während Max DiLeo und Carter offensiv nichts erzwingen und ihre Energien vornehmlich in die aggressive Verteidigungsarbeit investieren.

Bissige Verteidiger auf Bamberger Seite für Bray oder Young wären Daniel Schmidt und Maurice Stuckey. Wie groß die Rolle der beiden Deutschen in den Play-offs ausfallen wird, muss aber abgewartet werden. Während Perego in den letzten Hauptrundenspielen eifrig rotierte, ist der Italiener in wichtigen Spielen eher dafür bekannt, mit einer kleinen Rotation zu agieren. So kamen Schmidt und Stuckey in den vier "Do-or-die"-Spielen gegen Bandirma, Athen, Berlin und Bologna insgesamt zusammen gerade mal auf neun Minuten Einsatzzeit. Dem Dreigestirn Tyrese Rice, Ricky Hickman und Nikos Zisis macht in puncto Play-off-Erfahrung keiner was vor, doch müssen insbesondere die zwei Letztgenannten ihre zweifellos noch vorhandene Klasse konstant abrufen, um das Guard-Duell erfolgreich zu gestalten. Unentschieden 1:1

Die Forwards - Individuelle Überlegenheit der Bamberger

Austin Hollins, der vor der Saison vom Ligakonkurrenten Gießen 46ers nach Vechta kam, nimmt im Rasta-Spiel eine Schlüsselrolle ein. Die Bedeutung des athletischen Small Forwards für das Team wird nach den verletzungsbedingten Ausfällen der drei großen Spieler (siehe "Die Center") noch größer, da Rasta-Coach Pedro Calles wohl teilweise mit einer "Small-Ball"-Variante agieren wird und Hollins mit seinen lediglich 1,93 Metern auch mal auf der Position 4 aushelfen muss.

Am wohlsten fühlt sich der beste Werfer der Norddeutschen (16,1 Punkte pro Spiel) aber rund um die Dreierlinie, wo er von Bray & Co. regelmäßig in Szene gesetzt wird. Voraus gehen diesen meist offenen Würfen zwei oder drei Blöcke abseits des Balles in Zonennähe - Schwerstarbeit also für Patrick Heckmann und Bryce Taylor, die es wohl vornehmlich mit Hollins zu tun bekommen. Ständiges Kommunizieren in der Verteidigung - in dieser Spielzeit nicht unbedingt das Bamberger Steckenpferd - ist gegen die rastlosen Rastaner von besonderer Bedeutung. Der Inbegriff des soliden Rollenspielers ist Robin Christen (4,1 Punkte in 15 Minuten), der nach vielen Jahren in der 2. Liga in dieser Spielzeit mit 27 Jahren seine BBL-Premiere feierte. Hinten arbeitet der Starter auf der Power-Forward-Position hart, vorne beschränkt er sich in der Regel auf offene Dreipunktewürfe. Ein Versprechen für die Zukunft ist der 2,02 Meter große Luc van Slooten, der vor einem Monat seinen 17. Geburtstag feierte und in den letzten drei Hauptrundenspielen zwangsläufig zur festen Rotation gehörte. Individuell kann der Aufsteiger den Bambergern bei den Forwards bei Weitem nicht das Wasser reichen.

Hauptaugenmerk des Brose-Teams dürfte in der Offensive sein, den Ball zu Augustine Rubit (14,5 Punkte pro Spiel, 63 Prozent Feldwurfquote) zu bringen, der im Eins-gegen-eins wohl von keinem Rasta-Akteur zu stoppen sein wird. Wird Rubit am Zonenrand gedoppelt, sind eine schnelle Ballbewegung und die Treffsicherheit der Schützen gefragt. Die scheint vor allem bei Bryce Taylor zurückgekehrt zu sein. In den letzten sieben Hauptrundenspielen traf der 32-Jährige 16 seiner 23 Dreierversuche. Vorteil Bamberg 1:0

Die Center - Brose-Power unter den Brettern

Die Ausfälle ihrer großen Spieler Clint Chapman (2,08 Meter), Tyrone Nash (2,03) und Seth Hinrichs (1,99) treffen die Niedersachsen schwer. Das Trio erzielte zusammen im Schnitt 36,5 Punkte pro Spiel und holte 13,8 Rebounds. Für die drei Amerikaner müssen nun die deutschen Michael Kessens und der 19-jährige Philipp Herkenhoff in die Bresche springen, wobei der 2,08 Meter große Jungnationalspieler Herkenhoff eigentlich kein Center ist, sondern gerne und recht erfolgreich (39 Prozent) von der Dreier-Linie punktet.

Nun muss sich das Talent zusammen mit dem 28-jährigen Kessens mit der Power von Elias Harris und Cliff Alexander auf Bamberger Seite auseinandersetzen. Vor allem mit der Cleverness von Harris, seinem Ballhandling innerhalb der Zone und seinen Passqualitäten aus Doppelsituationen heraus hatten die Rastaner bei ihrer Heimniederlage Probleme. Dabei erzielte der Brose-Center 16 Punkte. Alexander, der gegen eine Doppelverteidigung gerne mal den Ball abgibt, wird, wenn er das Leder am Brett erhält, ein echtes Problem für die Vechta-Defensive darstellen. Andererseits haben beide Bamberger Großen Probleme an der Dreierlinie ihren Gegenspieler zu halten, insbesondere wenn sie nach Switches quirlige Forwards vor sich haben. Im Rebound besitzen die Oberfranken dagegen klare Vorteile. Bei Foulproblemen auf den großen Positionen hat Bamberg mit Rubit, Olinde oder Heckmann zudem größere Alternativen. Vorteil Bamberg 1:0

Die Trainer - Wer überrascht mit taktischen Kniffen?

"Geht's raus und spielt's", die Anweisung von Franz Beckenbauer bei der Fußball-WM 1990 wird es in den Basketball-Play-offs wohl kaum geben. Die taktische Einstellung der Mannschaften ist - neben der individuellen Qualität der Spieler - ein wichtiger Punkt. Das Duell auf der Trainerbank zwischen den beiden jüngsten Coaches der Liga, auf Brose-Seite Federico Perego (34), bei den Niedersachsen der elf Monate ältere Pedro Calles, wird spannend. Die Ausfälle der drei Rasta-Leistungsträger (siehe oben) macht die Vorbereitung auf den Gegner für den Bamberger Coaching-Staff nicht einfacher. Die Oberfranken werden sicher die Videos der letzten beiden Vechta-Partien und das vom Brose-Sieg im März in Vechta intensiv studieren. Was lassen sich der zum Trainer des Jahres gewählte Calles und seine Assistenten gegen die Bamberger einfallen, um sie zu überraschen?

Zu den Play-offs werden gerne Feinheiten in der Taktik geändert, neue Einwurfsysteme angewandt, andere Ausstiege aus den Plays gewählt. Die Trainer spielen Schach auf dem Parkett, nur mit fünf Figuren, die sie austauschen können. Das Zusammenspiel in Angriff wie Verteidigung spricht für Vechta, die längere Bank für Bamberg, so sie denn vom Italiener genutzt wird. Perego hat - zumindest als Assistent - viel Play-off-Erfahrung. Calles - in seiner ersten Saison als Cheftrainer in Deutschland - setzt auf das Überraschungsmoment. Unentschieden 1:1

Endstand: 4:2 für Bamberg

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