Bamberg
Basketball

Bambergern versagen die Nerven

Brose Bamberg verspielt in den letzten 92 Sekunden einen Vier-Punkte-Vorsprung und muss sich Rasta Vechta mit 86:90 geschlagen geben. Damit ist für den Pokalsieger die Saison bereits nach der ersten Play-off-Runde beendet.
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Der Frust über das Play-off-Aus in eigener Halle ist (von links) Ricky Hickman, Nikos Zisis, Elias Harris, Louis Olinde und Cliff Alexander deutlich anzusehen. Fotos: Daniel Löb
Der Frust über das Play-off-Aus in eigener Halle ist (von links) Ricky Hickman, Nikos Zisis, Elias Harris, Louis Olinde und Cliff Alexander deutlich anzusehen. Fotos: Daniel Löb
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Nicht zum ersten Mal in dieser Saison feierte eine kleine Fanschar des Gästeteams ausgelassen einen Sieg in der Brose-Arena. So außer Rand und Band wie die Anhänger von Rasta Vechta am Dienstagabend war aber keine zuvor. Totenstille herrschte dagegen im Fanblock von Brose Bamberg nach dem 86:90 im vierten Spiel der Viertelfinalserie gegen den Aufsteiger, das für den neunfachen deutschen Meister das unerwartete Play-off-Aus bereits in der ersten Runde bedeutete.

"So gewinnt man Play-off-Spiele. Das haben wir leider nicht hinbekommen", sagte Brose-Flügelspieler Patrick Heckmann. Wie in den Duellen zuvor flitzten die Niedersachsen wie Duracell-Hasen über das Parkett und hechteten nach jedem freien Ball. Das Fehlen von vier Stammspielern steckten sie zum vierten Mal problemlos weg und bewiesen darüber hinaus Nehmerqualitäten. Gegen formverbesserte Bamberger, die in eigener Halle den Kampf diesmal annahmen, machten die wieder nur mit einer Siebener-Rotation spielenden Gäste einen Zehn-Punkte-Rückstand (42:52, 22. Min.) im dritten Viertel wett. Sie schlugen auch 92 Sekunden vor der Schlusssirene zurück, als der Pokalsieger nach Bryce Taylors fünftem Dreier zur 86:82-Führung scheinbar auf die Siegerstraße eingebogen war.

Doch dann versagten den routinierten Gastgebern die Nerven. Ausgerechnet der starke Elias Harris (zwölf Punkte/elf Rebounds) verlor mit einem schlechten Pass auf Nikos Zisis den Ball, Augustine Rubit (14/5) setzte unbedrängt einen Halbdistanzwurf daneben, und Tyrese Rice (19/6 Assists) rutschte der Floater in Bedrängnis aus der Hand. Die Gäste punkteten dagegen bei ihren letzten fünf Angriffen viermal durch Philipp Herkenhoff (15), T. J. Bray (15/14 Assists) und Josh Young (13). "Sie haben sich den Sieg verdient, weil sie an sich glaubten", meinte Zisis anerkennend. Das Auf und Ab in dieser Saison bei den Bambergern spiegelte sich letztlich in diesem letzten Spiel der Saison wider - bezeichnend, dass am Ende eine Niederlage zu Buche stand.

Saisonmärchen geht weiter

"Wir kamen nach Bamberg, um Geschichte zu schreiben", sagte Rasta-Coach Pedro Calles. Im Halbfinale gegen Bayern München kann der Aufsteiger seinem Saisonmärchen ein weiteres Kapitel hinzufügen. Die Bamberger Fans stimmten mit ein, als Rastas Anhänger sangen: "Zieht den Bayern die Lederhosen aus!"

Kommentar: Mehr Tief- als Höhepunkte

Brose Bamberg hat zum sechsten Mal den deutschen Basketball-Pokal gewonnen und ist gleich in seiner Premierensaison ins Final Four der Champions League eingezogen. Doch war die Saison 2018/19 wirklich eine erfolgreiche für die Bamberger? Der letzte Eindruck bleibt bekanntlich am stärksten in Erinnerung. Und was die Brose-Truppe in den vergangenen Wochen bot, war meist schwer verdauliche Kost.

Wirklich überzeugt hat sie nur in wenigen Partien, die man an einer Hand abzählen kann: im Pokalfinale gegen Alba Berlin und in den Play-off-Rückspielen der Champions League gegen Banvit Bandirma sowie AEK Athen. Weitaus größer war die Zahl der teilweise grottenschlechten Vorstellungen: die Heimpleiten gegen Medi Bayreuth und wenig später gegen Rasta Vechta, die Coach Ainars Bagatskis den Job kosteten, jüngst das Final Four in Antwerpen und die beiden Play-off-Partien in Vechta.

Dass sich der Aufsteiger mit einer Rumpftruppe gegen die Bamberger durchsetzte, passt ins Bild dieser Saison, die trotz des Pokalgewinns wieder das Prädikat verkorkst erhält. Und das in mehrfacher Hinsicht: Vier Trainer hat Brose in den vergangenen eineinhalb Jahren schon verschlissen - Federico Peregos Zeit als Headcoach dürfte ebenfalls bald ablaufen. Hinzu kamen finanzielle Schwierigkeiten, die im stillosen Rauswurf von Geschäftsführer Rolf Beyer und im Ärger mit der Liga mündeten.

Seit die Bamberger das Wettrüsten mit dem FC Bayern München für beendet erklärt und ihre europäischen Ambitionen eingedampft haben, sind sie auf der Suche nach ihrem neuen Platz auf der Basketball-Landkarte. Den "Bamberger Weg" will Brose nun gehen und das umsetzen, was schon nach dem Ende der vergangenen Saison versprochen wurde: Talente aus der Region finden und fördern, dazu entwicklungsfähigen Spielern die Gelegenheit geben, in Bamberg den nächsten Karriereschritt zu gehen. Gleichzeitig will Brose weiterhin zur deutschen Spitzenklasse zählen. Das wird ein nur schwer zu schaffender Spagat sein.

Noch so eine unruhige Saison wie die vergangenen beiden darf sich der neunfache Meister nicht leisten. Basketball-Bamberg sehnt sich längst wieder nach dem, was Freak City einst ausgemacht hat: eine Mannschaft, mit der sich die Fans identifizieren können. Es spricht Bände, wenn ein entscheidendes Play-off-Heimspiel wie am Dienstagabend gegen Vechta nicht ausverkauft ist.

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