Bamberg
Großer Sport in Franken

Auf der Jagd nach der Scheibe - Ultimate Frisbee im Selbstversuch

Sieben gegen sieben auf die komplette Länge eines Fußballfeldes - da ist man immer in Bewegung und kommt als untrainierter Redakteur schnell außer Atem.
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Redakteur Benjamin Kemmer im Zweikampf mit der Wurfkultur-Spielerin Pia Hepple - anschließende Aufmunterung inklusive. Fotos: Ronald Rinklef
Redakteur Benjamin Kemmer im Zweikampf mit der Wurfkultur-Spielerin Pia Hepple - anschließende Aufmunterung inklusive. Fotos: Ronald Rinklef
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Ende Juli - es ist einer dieser Tage, die später unter dem Begriff Hitzesommer zusammengefasst werden. Ein Tag, an dem man schon schwitzt, wenn man sich nur Sport im TV anschaut. Doch mit Zuschauen allein gebe ich mich heute nicht zufrieden. Ich bin zu Gast bei der Wurfkultur Bamberg und will mit ihr eine mir völlig unbekannte Sportart ausprobieren: Ultimate Frisbee.

Schon bei meiner Ankunft sehe ich, dass diese Sportart so gar nichts mit dem zu tun hat, was ich unter "Frisbee spielen" verstehe. Während unsereins am Mittelmeer-Strand ein wenig die Scheibe - wahlweise mit Sparkassenlogo oder mit dem Logo der örtlichen Metzgerei bedruckt - hin und her wirft, fliegt hier die Frisbee in einem anderen Tempo teilweise über die komplette Länge eines Fußballfeldes.

Und hier merke ich auch, dass ich die völlig falschen Klamotten dabeihabe. "Ohne Stollenschuhe wird es ganz schön rutschig", begrüßt mich auch gleich der Trainer des Teams, Jan Schollän. Er ist auch Ultimate-Frisbee-Nationalspieler, und spielt beim Zweitligisten Wurfkultur sowie im Bundesligateam "FrankN". Doch ich habe Glück. Ein weiterer Mitspieler borgt mir seine ausgedienten Fußballschuhe - das Training kann beginnen.

Bloß nicht das Standbein verlassen

Während sich das restliche Team dehnt und bei geschmeidigen 30 Grad warmläuft, erklärt mir mein Trainingspartner das richtige Werfen. Wir üben Vorhand und Rückhand und gleich merke ich, dass ich doch ein wenig hüftsteif bin. Um die Scheibe mit viel Kraft über eine große Distanz werfen zu können, muss der komplette Körper mitmachen - und das aus dem Stand. "Der Spieler muss sein Standbein immer am Boden stehen lassen und kann nur durch einen Sternschritt versuchen, sich von seinem Gegner freizumachen", erklärt Jan. "Außerdem bekommt man durch die Drehung des Oberkörpers Kraft in den Wurf, die es erlaubt, die Scheibe auch über eine große Distanz zu werfen."

Ich begnüge mich fürs erste auf die paar Meter zwischen Jan und mir und bekomme langsam ein Gefühl für die Frisbee. Als nächstes geht es für mich schon in den Zweikampf. Bei einer Übung soll ich versuchen, meinem Gegner das Werfen schwer zu machen und im Anschluss selbst die Scheibe zum Mitspieler zu bringen. Mein Gegner ist Jan - ein unfaires Duell, denn der Nationalspieler macht zwei Finten und ich bin meilenweit weg von ihm, während er in Ruhe werfen kann.

Nun habe ich die Scheibe und stehe Mitspielerin Pia Hepple gegenüber. Doch wer jetzt an einen Geschlechter-Vorteil für mich denkt, hat weit gefehlt. Ich muss mich wahnsinnig anstrengen, überhaupt an meiner Gegnerin vorbeizukommen, geschweige denn, die Scheibe überhaupt ans Ziel zu befördern. Den Satz "das war schon ziemlich perfekt" werte ich eher als Aufmunterung, denn als ernstgemeinte Analyse.

Trotzdem werde ich zum beim Trainingsspiel in eines der Teams gewählt. Hier merkt man gleich, dass Ultimate Frisbee eine sehr faire Sportart ist. Immer wieder erklären mir - auch während des Spiels - Mitspieler und sogar Gegner, was ich tun oder lassen soll. Persönlicher Höhepunkt ist eine - wenn auch über kurze Distanz geworfene - Scheibe, die ich fangen kann.

Doch der Tiefpunkt lässt nicht lange auf sich warten. Ich will meinem Gegner, der einen Haken nach dem anderen schlägt, irgendwie folgen und tue es ihm gleich. Und zack - zwickt es mich im Oberschenkel. Weiterlaufen unmöglich.

Ich verfolge das restliche Training einer ziemlich coolen, aber auch anstrengenden Sportart von draußen, klatsche danach mit allen ab. Jan lädt mich ein, doch mal wieder vorbeizuschauen. "Aber dann wärmst Du Dich auch mit uns auf", sagt er zum Abschied ...

Mannschaftssport ohne Berührung und Schir

Böse Zungen behaupten, amerikanische Studenten erfanden Ultimate Frisbee, weil sie sonntags im Park Football spielen wollten, statt eines Balles aber nur eine Frisbee-Scheibe dabei hatten. Und tatsächlich - Ultimate Frisbee hat einige Parallelen zur US-Sportart Nummer 1.

Immerhin spielen zwei Teams gegeneinander, starten das Spiel mit einem Anwurf (im Football Kick off) und müssen durch Passen das Objekt der Begierde in die Endzone des Gegners bringen. Doch dann hört es auch schon auf mit den Gemeinsamkeiten. Der gravierendste Unterschied ist sicher der Körpereinsatz. Obwohl beim Ultimate Frisbee hart verteidigt wird, kommt es doch nie zur Berührung von Spielern gegnerischer Teams. Allein durch gutes Stellungsspiel wird versucht, dem angreifenden Team die 175 Gramm leichte und genormte Kunststoffscheibe abzunehmen und selbst zu Punkten zu kommen.

Sollte es doch einmal zu einem Foul kommen, wird man dennoch keinen Pfiff hören. Ultimate Frisbee wird immer - bis hinauf zu Weltmeisterschaften - ohne Schiedsrichter gespielt. Die Sportart zeichnet sich durch den Spirit of the Game ("Geist des Spieles") aus, der die Prinzipien des Fair Play und den Spaß am Spiel in den Vordergrund stellt.

So ist es auch der angreifende Spieler, der es ansagt, wenn er meint, gefoult worden zu sein. Akzeptiert sein Gegner diesen "Call", geht es an gleicher Stelle von Neuem los. Ist er damit nicht einverstanden, geht die Scheibe eine Station zurück und das Spiel wird von dort neu begonnen.

Gewechselt wird fliegend, was auch wichtig ist, denn auf einem Spielfeld von 100 Metern Länge und 37 Metern Breite kommt man beim Sieben-gegen-sieben schnell aus der Puste. Zumal ein Spiel bis zu 100 Minuten dauern kann und erst beendet ist, wenn eine Mannschaft 15 Punkte erreicht hat.

Dabei zählt jeder Fang in der Endzone einen Punkt. Als zusätzlicher Bonus muss die angreifende Mannschaft nicht mehr in ihre Endzone zurück. Sie darf stehenbleiben, die Spielrichtung wechselt und der Gegner muss zum anderen Ende des Spielfelds zurücklaufen.

Hallen-Mixed-Meister zeltet bei Auswärtsspielen am Sportplatz

2014 war das erfolgreichste Jahr in der noch jungen Geschichte der Wurfkultur Bamberg. 2006 als eine Abteilung des FC Wacker Bamberg gegründet, holte sie acht Jahre später die Deutsche Meisterschaft in der Kategorie Indoor-Mixed. Seit dem vergangenen Jahr spielt die Outdoor-Mixed-Mannschaft wieder in der zweiten Liga Süd.

Dafür sind eine Menge organisatorischer Dinge zu bewältigen. Denn die Spieler müssen sich um alle Abläufe selbst kümmern - auf und neben dem Spielfeld. Fahrten zu den Ligaturnieren müssen organisiert, Übernachtungsmöglichkeiten abgeklärt und vor allem Finanzierungen auf die Beine gestellt werden. "Für jedes Turnier müssen wir ein Antrittsgeld für die Mannschaft sowie für jeden Spieler zahlen", erklärt Spielerin und Trainerin Anne Link. Sponsoren sind dabei kaum zu gewinnen. "Bei unserem Turnier kommen schon unsere Eltern und Freunde. Dann verkaufen wir auch Essen und Getränke. So nehmen wir etwas Geld ein. Aber einen Sponsor haben wir leider nicht", weiß die 27-Jährige, die aber nicht jammern will. "Es ist toll zu sehen, wie wir das immer hinbekommen und wir sind auch eine richtig verschworene Gemeinschaft."

Das muss man auch sein. Zu den Turnieren reist die Wurfkultur meist Freitag an, spielt Samstag und Sonntag je zwei Spiele und fährt dann wieder nach Hause. Um Kosten zu sparen wird meist neben den Spielfeldern gezeltet. "Da sitzt man schon viel aufeinander. Da ist es wichtig, dass wir uns gut verstehen. Daher machen wir auch abseits des Trainings viel miteinander."



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