Laden...
Bamberg
Gesundheit

Alternative zum Fitnessstudio: Corona lässt Trimm-Dich-Pfade boomen

Vor 50 Jahren kam die Trimm-Dich-Bewegung auf. Rund 1500 Pfade gab es in Deutschland. Angesichts geschlossener Sportstätten eine willkommene Abwechslung für viele, die aktiv bleiben wollen.
Artikel drucken Artikel einbetten
Die Brüder Sebastian (graues Shirt), Christoph (blau) und Alexander Rosenberger (grün) aus Stegaurach bei gemeinsamen Kniebeugen mit Holzgewicht. Fotos: Udo Schilling
Die Brüder Sebastian (graues Shirt), Christoph (blau) und Alexander Rosenberger (grün) aus Stegaurach bei gemeinsamen Kniebeugen mit Holzgewicht. Fotos: Udo Schilling
+6 Bilder

Die Bolzplätze abgesperrt, die Basketball-Courts verrammelt, Sport in Vereinen - ob auf Plätzen oder in Hallen - verboten. Kein Tennis, keine Skateparks und keine Fitness- und Gesundheits-Center. Deren Betreiber hofften in den vergangenen Wochen vergeblich auf eine Öffnung ihrer Studios.

Den Sportlern bleiben kaum Alternativen. Eine gibt es jedoch - und die ist 50 Jahre alt: Der Trimm-Dich-Pfad.

Wenn man derzeit in die fränkischen Wälder geht, wo es noch einen solchen Selbstertüchtigungsparcours gibt, trifft man auf einige - ach was - Horden von Menschen. Exemplarisch wagten wir uns in den Hauptsmoorwald in Bamberg. Die Vögel im Forst, sonst eher einsam vor sich herzwitschernd, wundern sich ob der vielen bunt gekleideten, schwer schnaufenden und mit rotem Kopf durch ihren Wald trabenden Menschen. Man geht wieder joggen.

Das ist neben Fahrradfahren der wohl einzig verbliebene Sport in Corona-Zeiten, der "gefahrlos" und legal ausgeübt werden kann. Vor 50 Jahren sprach man noch von einem Waldlauf, seit den 80er Jahren joggt man. Außer ein paar Laufschuhen braucht man dazu nichts.

Und wer es nicht schafft, über mehrere Minuten am Stück zu laufen, dem sei ein Trimm-Dich-Pfad empfohlen. Denn die gibt es noch. Zwar nicht mehr so viele wie in den 70er und 80er Jahren, doch hier und da werden sie von Städten und Gemeinden noch unterhalten.

Im Abstand von wenigen hundert Metern sind Stationen aufgebaut, an denen Schilder zu Übungen auffordern. Nach einigen Beweglichkeits- und Dehnübungen, wie noch aus Turnvater-Jahn-Zeiten, wird's schwieriger. Sprünge, Klimmzüge, Kraft-, Turn- und Koordinationsübungen wechseln sich ab. Annemarie Schabbehard, selbst Sportlehrerin an einem Bamberger Gymnasium, bezeichnet manche Übungen als "nicht mehr den aktuellen sportwissenschaftlichen Erkenntnissen entsprechend", doch die meisten Übungen absolviert sie, und das bravourös - sogar Klimmzüge. Fit wie ein Turnschuh ist die Diplom-Sportlehrerin.

Gegen den Wohlstandsbauch

Die Übungen auf den in die Jahre gekommenen blauen Schildern dürften seit 50 Jahren nicht geändert worden sein. 1970 kam die Trimm-Dich-Bewegung als Vorläufer des heutigen Fitness-Booms auf. Der Deutsche Sportbund (damals noch ohne den Einschub "Olympischer") initiierte die Aktion, die von der Politik, den Krankenkassen und der Wirtschaft gefördert wurde, da Übergewicht und damit verbundene Krankheiten in der Bevölkerung zunahmen. Die bei unserer Visite im Bamberger Hauptsmoorwald übenden Menschen waren aber alles andere als übergewichtig. Die Brüder Sebastian, Christoph und Alexander Rosenberger aus Stegaurach treffen wir an Station 16. Die Übung "Kniebeugen mit Holzstange" absolvieren sie zwar nicht ganz so wie in der Vorgabe, doch die drei Fußballer haben offensichtlich Spaß dabei.

Und als Mitglieder einer Familie verstoßen sie nicht einmal gegen die Gruppengröße von einer Begleitperson. Das Trio hält sich fit, bis der Ball für sie wieder rollen darf.

Andere Fitnessparcours gesperrt

An der letzten Übung, dem "Wanderhangeln an Holmen" unterbrechen die Rosenbergers den Bamberger Julian Hölzer bei seinen Übungen. "Ich trainiere sonst an den Geräten bei der Bamberger Konzerthalle oder in der Boulderhalle. Doch beide Stätten sind derzeit gesperrt", sagt der Kletterer, der sich an seinen an Gurten befestigten Holzringen hochzieht.

Wenn die Jogger ihre Runde beendet haben, sind gut zwei Kilometer bewältigt. Eine der wenigen Alternativen zum Training auf Plätzen und in Hallen sorgt vielleicht wieder für neue Läufer - wie 1970, als die Trimm-Dich-Bewegung quasi Auslöser für die vielen Volks- und Marathonläufe war. Die finden landauf, landab an jedem Wochenende statt - außer es ist Corona-Krise.

Die Trimm-Dich-Bewegung wird 50 Jahre alt

Der Deutsche Sportbund (DSB) startete die Trimm-Dich-Bewegung am 16. März 1970 mit dem Slogan "Trimm Dich durch Sport". Dadurch sollte die in der bundesdeutschen Wohlstandsgesellschaft durch das "Wirtschaftswunder" stark gestiegene Zahl Herzinfarktgefährdeter durch sportliche Betätigung verringert werden.

Mit den Olympischen Spielen 1972 erlebte die Trimm-Dich-Bewegung einen Boom. 94 Prozent der Bevölkerung und sogar 99 Prozent aller Jugendlichen kannten die Trimm-Dich-Aktion. Zahlreiche Städte und Gemeinden sprangen auf die Trimm-Dich-Welle auf und richteten Trimm-Dich-Pfade ein. Vorbild war der Schweizer Vitaparcours. In den 1980er Jahren gab es etwa 1500 Trimm-Dich-Anlagen in Deutschland.

Trimmy, ein freundliches Männchen mit hochgerecktem Daumen, war das Maskottchen der Trimm-Dich-Kampagnen des DSB und ist heute das Maskottchen des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB). Trimmy sollte Bürger aller Altersgruppen mit Botschaften wie "Lauf mal wieder", "Schwimm mal wieder" und "Fahr mal wieder Rad" zu mehr Bewegung im Alltag animieren.

Trimm-Dich-Pfade in der Region

Oberhaid An der Johannishofer Straße gibt es einen schönen Pfad am Waldrand. Kitzingen Gut erhalten ist der Pfad zwischen Kitzingen und Albertshofen. Coburg Als wunderschöne Laufstrecke wird der Pfad im Callenberger Forst an der Falkeneggstraße bezeichnet. Ebern An der Losbergstraße können sich Sportler auf dem 2,5 Kilometer langen Pfad in gutem Zustand trimmen. Kulmbach Am Flugplatz, erreichbar über Oberpurbach, findet man einen sehr gepflegten Pfad der Stadt. Lonnerstadt Der Pfad bei Höchstadt/Aisch ist in gutem Zustand und 2,5 Kilometer lang. Forchheim-Reuth Im Forchheimer Stadtteil gibt es in der Nähe des Sportplatzes einen gut erhaltenen Pfad. Geiselwind Relativ neu ist der Pfad Am Tannenberg im Ortsteil Gräfenneuses. Ein steiler Anstieg zu Beginn sollte die Sportler aber nicht abschrecken. Quelle: trimm-dich-pfad.com

Verwandte Artikel