Bamberg
Fechten

Schnell - nicht nur auf den Beinen

Mit Florett und Degen richtig umzugehen, erfordert mehr als flinke Beine. Auch auf die Beweglichkeit im Kopf kommt es an. Ein Selbstversuch.
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Es sieht so unglaublich lässig aus, wenn Zorro in den großen Hollywood-Filmen seinen Degen schwingt und mit einer schnellen Links-Rechts-Kombination seine Gegner entwaffnet. Dann noch schnell ein "Z" auf die Brust ritzen und mit der schönen Frau auf dem Pferd in den Sonnenuntergang reiten.
Die Wirklichkeit ist anstrengender - viel anstrengender. Während meines Besuchs bei den Fechtern der TSG 05 Bamberg merke ich schnell, dass Fechten eine Sportart ist, die zwar super aussieht, aber sehr trainingsintensiv ist, bis man sie beherrscht. Mein Trainingspartner ist diesmal der bayerische Mannschaftsmeister mit dem Florett, Patrick Harman. Dieser bringt seine Sportart auf den Punkt: "Ziel ist es, seinen Gegner zu treffen, bevor man getroffen wird." Was so einfach klingt, ist eine Kombination aus Schnelligkeit, Reaktionsvermögen und Balance. Drei Dinge, die mir nicht unbedingt in die Wiege gelegt wurden. Aber ich versuche mich an der ersten Trainingseinheit.
Den Kampf mit der Waffe traut mir Harman noch nicht zu - zunächst wird nur mit einem Handschuh geübt. Mein Gegenüber lässt diesen unvermittelt fallen und ich muss versuchen, ihn zu fangen, bevor er den Boden erreicht. Nach ein paar erbärmlichen Versuchen schaffe ich es, beide Handschuhe zu schnappen. Übung 1 habe ich damit bestanden.
Nun zeigt mir Patrick Harman einige Schrittfolgen. Schnell merke ich, dass es nicht reicht, auf den Füßen schnell zu sein. Auch der Kopf muss ständig mitarbeiten, was mir mein Trainingspartner bestätigt. "Wenn man dem Gegner im Kopf einen Schritt voraus ist, dann ist man ihm auch mit der Waffe einen Schritt voraus", sagt Harman. Apropos Waffe: Jetzt darf ich endlich ein Florett in die Hand nehmen. Doch zuvor gibt es Schutzkleidung für mich.
Nachdem ich Weste, Handschuh und Fechtmaske angelegt habe, versuche ich, die ersten Fechtstellungen zu absolvieren. Harman zeigt mir, wie ich meine Waffe zu halten habe, was im Fechten immer mit Nummern verbunden ist. Doch auch hier zeigt sich, dass ich im Kopf nicht schnell genug bin. Während ich noch bei zwei bin, trifft er mich schon mit vier. Dennoch bekomme ich Lob: "Für den Anfang passt das schon." Franken loben immer so herzlich ...


Im Duell ohne Chance

Nach dieser Einführung gehe ich in ein "echtes Duell" mit Patrick Harman. Obmann - also der Schiedsrichter - ist Frederik Ullein, der selbst schon an deutschen Meisterschaften teilgenommen hat. Und kaum gibt er grünes Licht für unser Duell, bin ich schon das erste Mal getroffen. Wieder ist es so, dass ich zwar theoretisch weiß, was ich tun muss, doch ich bin längst nicht so schnell, um das Ganze in die Praxis umzusetzen. So geht unser Gefecht ziemlich einseitig mit 1:5 zu Ende - ja, ich hatte einen Treffer, aber der war geschenkt ...
Nach dem Duell schüttle ich Partick Harman die Hand. Nicht, weil es nur ein Trainingsgefecht war, sondern weil man das im Fechten grundsätzlich so macht. "Fechter sind unter sich sehr sozial. Und wohl auch etwas sozialer als beispielsweise Fußballer. Das geht so weit, dass selbst Verstöße im Benehmen mit einer Strafe geahndet werden", erklärt mir Ullein, der zweiter Abteilungsleiter bei der TSG ist. Mit einem großen Strafenkatalog, der bis zur Schwarzen Karte geht, fördere man ein respektvolles Verhalten auf der Planche, der Fechtbahn.
Auch wenn die reine Fechtzeit für mich in dem Duell nur zwei Minuten betrug und öfter durch Treffer meines Gegners unterbrochen wurde, weiß ich am Ende des Trainings, was ich getan habe. Umso erstaunlicher finde ich es, dass den Sport jede Altersgruppe ausübt - bis hinein ins hohe Alter. Bestes Beispiel dafür ist der ehemalige Direktor des Bamberger Künstlerhauses "Villa Concordia", Bernd Goldmann, der mit seinen 72 Jahren immer noch regelmäßig an den Trainingseinheiten teilnimmt. Wer das Ganze übrigens ernsthaft betreiben will, sollte mindestens zweimal die Woche trainieren. Über die Anfrage zu einem Probetraining freut sich sicher jeder Sportverein, der diesen sowohl körperlich anstrengenden als auch geistig fordernden Sport anbietet.


Fechtern ist nicht gleich Fechten

"Ich bin Fechter!" Ein Ausdruck, der im Endeffekt genauso präzise ist wie "Ich bin Schwimmer". Denn ähnlich wie es im Becken Unterschiede in den einzelnen Disziplinen gibt, ist Fechten nicht gleich Fechten. Die Sportler differenzieren zwischen verschiedenen Waffenarten - dem Florett, dem Degen und dem Säbel. So ähnlich die Waffen für einen Laien vielleicht aussehen mögen, so unterschiedlich sind doch die Regeln, unter denen gefochten wird.
Das Florett (vom französischen Begriff "fleur" für Blume) hält man wie eine Pistole. Angriffsflächen beim Gegner sind nur der Rumpf (inklusive Schritt) und der Kopf. Getroffen werden muss mit dem Schutz, der - geformt wie eine Blume - auf der Spitze der Waffe aufgesetzt ist. Die Klinge ist maximal 90 Zentimeter lang und aus federndem Stahl. Damit schlüssig gewertet werden kann, ist die Schutzkuppe auf der Spitze beweglich und wird bei einem Treffer um wenige Millimeter nach hinten verschoben. Das wiederum löst einen Schaltkontakt aus, der mit der Zählanlage verbunden ist.
Der Degen ist die klassische Duell-Waffe. Im Vergleich zum Florett ist er schwerer und mit 110 Zentimetern deutlich länger. Auch die Trefferfläche unterscheidet sich maßgeblich. So werden beim Degenfechten Treffer auf der kompletten Körperfläche als Punkte gewertet. Der Säbel ist mit maximal 88 Zentimetern die kleinste Waffe im Fechtsport. Doch hat man mit ihm eine größere Trefferfläche als mit dem Florett, da auch die Arme als Angriffsfläche zählen. Das Säbelfechten ist in der Regel schneller als das Florettfechten.
Damit den Fechtern beim Kampf nichts passiert, sind sie natürlich gut geschützt. Der Waffenarm ist mit einem Handschuh geschützt, der Kopf mit einer Fechtmaske mit Drahtgitter. Für Frauen gilt zudem eine Brustschutz-Pflicht. Hinzu kommen Unterziehwesten, Jacken und Hosen aus Baumwolle und Nylon - und für den kompletten Schutz wahlweise auch ein Suspensorium.
Gekämpft wird auf einer Fechtbahn, der Planche, die in verschiedene Abschnitte unterteilt ist. Das Duell geht auf Zeit - aber maximal, bis ein Kämpfer 15 Punkte erreicht hat. Außerdem gibt es diverse Regeln, die sich nicht nur auf den Sport, sondern auch auf das Benehmen auf der Planche beziehen und mit Punktstrafen belegt werden.


Der Waffenwart ist immer dabei

Wenn sich die TSG Bamberg in ihrer Halle zum Training trifft, wird erst einmal umgebaut. Denn das technische Equipment, das zum Fechten nötig ist, ist natürlich nicht in einer normalen Turnhalle vorhanden. Also stellen die TSGler, die auf 30 aktive Fechter zurückgreifen können und in den vergangenen Jahren diverse Bezirks- und bayerische Meister stellten, ihre Punkte-Maschinen auf, verlegen Stromkabel und wappnen sich für den Kampf.
Mit dabei ist immer Waffenwart Dieter Moyano, der mit Zange und anderem Werkzeug dafür sorgt, dass den Sportlern einwandfreie Florette und Degen zur Verfügung stehen. "Im Training ist der Waffenwart schon wichtig, im Turnier braucht man ihn eher nicht, da wir bis zu vier Waffen dabeihaben, damit wir immer kampfbereit sind", erklärt der zweite Abteilungsleiter Frederik Ullein. Und was passiert, wenn dann doch alle Waffen nicht einsatzfähig sind? "Dann leihen wir uns schon einmal einen Florett oder Degen von einem Gegner. Wir gehen immer respektvoll miteinander um." In Bamberg ficht man übrigens nur mit den beiden genannten Geräten. "Wir haben zwar zwei Säbel im Verein, allerdings ficht damit niemand", sagt Ullein. "Das ist komischerweise in ganz Oberfranken so. Den Säbel gibt es erst im Großraum Nürnberg."
Mit Florett und Degen sind die TSGler auch am kommenden Sonntag, 21. Mai, zugange. Dann finden ihre Bamberger "Klingenspiele" statt. Hier treten Jugendliche aus der Region gegeneinander an. Wer sich das Gefecht einmal ansehen will, kann gerne in die Halle am Georgendamm in Bamberg kommen.


Boxen, Ringen, Säbelrasseln

Die Geschichte des Fechtens beginnt bereits in der Antike. Sowohl in Rom als auch im alten Athen galt der Zweikampf mit Blankwaffen mit langer Klinge als eine Art des Duells - neben Boxen und Ringen. Auch in Mitteleuropa setzte sich das Duell im Spätmittelalter durch. Damals war es ein Privileg, ein Schwert oder einen Degen zu tragen, um sich zu verteidigen. Nicht selten wurden Duelle damals gefochten, um sich vom Adel zu emanzipieren.


Auch der IOC-Präsident war einst Fechter

Die bekanntesten aktiven deutschen Fechter dürften derzeit wohl Britta Heidemann (Degen) und Peter Joppich (Florett) sein. Doch die Erfolge deutscher Fechter gehen weit zurück. Selbst IOC-Präsident Thomas Bach stand einst für Deutschland auf der olympischen Planche und holte 1976 in Montreal Gold mit der Florett-Mannschaft.


Mit dem Handy auf die Planche?

Beim olympischen Fechtturnier 2016 zwischen dem Franzosen Enzo Lefort und dem Deutschen Peter Joppich ging es hoch her, als plötzlich etwas Unerwartetes passierte. Mitten im Gefecht knallte ein Handy auf die Planche. Es war Lefort aus der Gesäßtasche gefallen. Einen dringenden Anruf hatte der Florettfechter nicht erwartet, sondern schlicht vergessen, das Telefon vor dem Kampf aus der Tasche zu nehmen. Das IOC dürfte erfreut gewesen sein, da es sich um ein Gerät des Hauptsponsors der Spiele handelte...
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