Bamberg
Kommentar

Sperrstunde in Bamberg: Kein Dialog ohne Zuhören

Junge Menschen wollen nur feiern und saufen - dieses Vorurteil scheint sich in Bamberg einmal mehr zu bestätigen. Doch wer das behauptet, hört ihnen einfach nur nicht richtig zu.
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Foto: Matthias Hoch
Foto: Matthias Hoch
Der Unmut über die "heutige Jugend" ist so alt wie die Menschheit. Schon Sokrates ärgerte sich darüber. Und heute ist es nicht anders. Das ist eine kulturelle Konstante und normalerweise eher Anlass zum Schmunzeln.

Schade nur, wenn dieser Unmut in Ungerechtigkeit umschlägt. Da wird jungen Leuten vorgeworfen, dass sie nur Feiern im Kopf haben und am liebsten bis in die frühen Morgenstunden saufen. Um ihnen die angeblichen Flausen auszutreiben, hat sich etwa die Stadt Bamberg entschlossen, alle möglichen und unmöglichen Verbote einzuführen.

Dass diese Verbote nicht nur nichts bringen - seit Einführung der Sperrstunde ist die Zahl alkoholbedingter Straftaten, oh wunder, gestiegen - sondern auch noch die Kulturszene abwürgen, wird ignoriert. Stattdessen werden Klischees und Vorurteile gebetsmühlenartig wiederholt.

Im Fall der gerade laufenden Protestbewegung, die am Montag (1. Juli) um 17 Uhr zur Demonstration aufgerufen hat, laufen diese Vorwürfe allerdings ins Leere. Die Initiatoren betonen stets, sie seien um Ausgleich bemüht und - selbst Innenstadtanwohner - wollen, dass alle friedlich und zufrieden leben können.

Das immer wieder auftauchende Argument, die Jugend sei viel zu verwöhnt und demonstriere hier fürs Saufen, während woanders die Leute verhungern (wer kennt dieses Argument nicht aus Kindertagen, als man zum Aufessen gezwungen wurde), lässt sich übrigens auch umdrehen:

In Bamberg beschweren sich die Leute über laute Studenten - woanders werden sie mit Messern bedroht; die Anwohner in Bamberg sind also ziemlich verwöhnt und haben daher ihr Recht, sich aufzuregen verwirkt, solange sie nicht in Frankfurter Problembezirken gewohnt haben.

Das ist Unfug und daher wenden sich die jungen Menschen, die jetzt protestieren, nicht gegen Personengruppen und suchen nicht die Konfrontation, sondern wollen einfach nur Gehör finden, damit ein Dialog überhaupt möglich ist und nicht weiter zum Monolog verkommt. Und ja: Auch in - relativ - guten materiellen Verhältnissen verwirken Menschen nicht ihr Recht auf eine abweichende Meinung.

Egal, wie man letztlich zum Thema selbst steht, sollte es jeder wohlwollend wahrnehmen, dass sich junge Menschen - so oft als uninteressiert und politikverdrossen verschrien - engagieren und das ganz ohne parteipolitischen Hintergrund.

Hier kommen Sie zum Kommentar von Michael Wehner zu diesem Thema

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