LKR Forchheim
Sommerserie (14)

Sommerserie: Die Kanal-Radler

Viele Ziele, bunte Geschichten, verschiedene Menschen: Ein Besuch am Fluss.
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Sie wollten  im Urlaub "mal was anderes machen", deshalb radelten  Kathrin, Corvin und Kay Palik   136 Kilometer in zwei Tagesetappen  von Langenzenn  im Landkreis   Fürth  bis zur Oma nach Sonneberg. Foto: Barbara Herbst
Sie wollten im Urlaub "mal was anderes machen", deshalb radelten Kathrin, Corvin und Kay Palik 136 Kilometer in zwei Tagesetappen von Langenzenn im Landkreis Fürth bis zur Oma nach Sonneberg. Foto: Barbara Herbst
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Ein mittelsonniger, mittelwarmer Sommervormittag unter der Woche am Regnitz-Radweg kurz hinter der Schleuse Hausen. Leichter Wind kräuselt die Wellen auf dem Kanal, wo gerade ein riesiger Lastkahn Richtung Erlangen tuckert. Ein Mann mit nacktem Oberkörper und Handtuch um die Schultern streckt seinen Kopf aus der Kajüte in den Fahrtwind. "Haaaallooo, wo fahren Sie hin?" Er versteht nichts, winkt aber herüber. Dann halt Konzentration auf das Waldstück, in dem der Pfeil gelandet ist: Außer Moos nix los. Also zurück auf den Schotterweg, der auf beiden Seiten des Kanals gut ausgebaut von Bamberg nach Nürnberg führt und als "genussreiche Flussradtour" unter www.regnitzradweg.de sogar eine eigene Internetseite hat.

So viele Radfahrer!

Erstaunlich, wie viele Menschen hier an einem Werktag unterwegs sind. Vor allem Radfahrer: Sie knirschen auf normalen oder E-Bikes den Weg entlang, einige haben große Packtaschen dabei, hier und da ein Rucksack, Körbe ... Mal fragen, wo die alle hinwollen. Dicht hintereinander kommen eine Frau und ein Mann und halten auf Zuruf an. "Wenn es schnell geht!?" sagt Kerstin Thiel, dann könne sie kurz Antwort geben. Sie ist viel zu spät dran, ihre beiden Pferde warten aufs Futter. Die Tiere stehen ein paar hundert Meter weiter in einem Selbstversorgerstall bei Hausen.

"Ich habe sie seit 13 Jahren" erzählt Kerstin Thiel, "und seitdem fahre ich von Möhrendorf mit dem Rad hierher." Weil sie freiberuflich tätig ist, kann sie sich ihre Zeit einteilen. Etwa acht Kilometer einfach und dann noch das Reiten - kein Wunder, dass sie eine so drahtige Erscheinung ist. "Das Auto nehme ich nur, wenn es schüttet oder der Radweg vereist ist". Spricht"s, schwingt sich aufs Radl und spurtet mit einem "jetzt muss ich aber wirklich los" davon.

Kein demokratischer Akt

In aller Gemütsruhe hat derweil der zweite Angesprochene gewartet. Als er hörte, dass wir vom Fränkischen Tag kommen (einer der Zeitungstitel der Mediengruppe Oberfranken neben der Bayerischen Rundschau, dem Coburger Tageblatt und der Saale-Zeitung) wollte Rüdiger Kalupner gerne eine Geschichte erzählen. Und zwar die von einem Freund. Der war damals Pfarrer in Neunkirchen am Brand und wollte 1998 beim SPD-Parteitag in Leipzig als Gegenkandidat von Gerhard Schröder auftreten. Das ging den Genossen aber derartig gegen den Strich, dass Franz Müntefering den Mann mit einer Schubkarre aus dem Messegelände geschafft hat.

"Das muss man sich mal vorstellen!", sagt Kalupner. "Von wegen Demokratie." Der Fränkische Tag hatte damals einen Reporter entsandt und wie es der Zufall will: Just am Tag unseres Zusammentreffens mit Kalupner erschien ein Autorenporträt des Leiters unserer Bamberger Lokalredaktion in der Zeitung - jenes Redakteurs, der damals den Bericht aus Leipzig verfasst hat. "Ich bin mit Kalupner und dem Pfarrer zum Parteitag gefahren und während mir die Ohren geklungen haben von den aufgeregten Gesprächen, bin ich auf der Rückfahrt geblitzt worden", erinnert sich Michael Memmel.

Kalupner hat keine guten Erinnerungen an Leipzig. Überhaupt, sagt der ehemalige Wirtschaftsingenieur aus Möhrendorf, sei die SPD am Ende. Von 1972 bis 1977 saß er selbst für die Roten im Erlanger Stadtrat, auch als OB-Kandidat hat er in Erlangen kandidiert. Als Berufsbezeichnung gab er an: Weltrevolutionär. "Wirklich wahr", sagt Kalupner. "Das war wahlamtlich anerkannt."

Eigene Partei gegründet

Mittlerweile ist er aus der SPD ausgetreten und hat eine eigene Partei gegründet. "Die Kreativen" haben vier Mitglieder, Kalupner ist ihr Vorsitzender. In der "ersten evolutionistischen Partei der Welt" kann der 79-Jährige ausleben, was ihn zeitlebens beschäftigt: Er möchte die Weltrevolution des Kreativen anstoßen. "Wir müssen raus aus dem Wachstumszwang" sagt Kalupner, "es ist Zeit für eine Epochenwende." Der Denker veröffentlich seine Erkenntnisse auf seiner Internetseite, er korrespondiert mit Politikern und Botschaftern. In seiner Leidenschaft ist er kaum zu bremsen und erklärt uns seine Überlegungen zur kreativen Weltordnung. Und zur Fahrradeuphorie. Sie bezeichnet das von ihm so benannte "spezifische Bewegungsglück beim Radfahren". Kalupner rezitiert für uns emotional tief bewegt sein Gedicht.

Welch interessanter Mann, welch' außergewöhnliche Begegnung! Es gäbe noch vieles zu philosophieren, aber Kalupner fährt jetzt mal weiter. "Ich muss ja noch mein Schäuferla von gestern abtrainieren." Und wir möchten noch mit weiteren Radfahrern sprechen.

136 Kilometer bis Sonneberg

Geich radeln uns die nächsten vor die Füße: Kathrin und Kay Palik mit ihrem Sohn Corvin. Corvin? Der Junge kennt die erstaunte Nachfrage und erklärt: "Das heißt kleiner Rabe." Mit seinen Eltern fährt er im Sportdress und auf professionell aussehenden Rädern gerade von Langenzenn (Landkreis Fürth) nach Ebing (Landkreis Bamberg) auf den Campingplatz. "81 Kilometer Tagesetappe", erklärt der Papa.

In Ebing treffen sie auf ihre Tochter, die keine Lust zum Radeln hatte, und auf eine befreundete Familie. "Sie reisen mit dem Wohnwagen und transportieren unser Gepäck." Nach der Übernachtung geht es weiter zur Oma nach Sonneberg. Von dort sind Paliks vor einigen Jahren nach Langenzenn umgezogen. "Wir wollten im Urlaub mal was anderes machen. Und die 136 Kilometer sind in zwei Tagen zu schaffen", ist Kay Palik überzeugt. Corvin, der heuer in die Schule kommt, ist voll begeistert von der Tour und freut sich auf die Oma. "Da übernachten wir und kriegen gutes Essen." Zurück fahren dann alle gemeinsam mit dem Auto.

Zwei verbandelte Lebenswege

Auto ist auch für uns das Stichwort. Aber bevor wir einsteigen, sprechen wir noch zwei Herren auf dem Radl an. Hubert Amon und Karl-Heinz Hauenstein, beide 71, kommen gerade vom Klinikum Forchheim. Dort bekommt Amon demnächst ein neues Hüftgelenk und Hauenstein möchte ihn besuchen. Jetzt haben sie den Weg zum Krankenhaus schon einmal erkundet.

Gerne erzählen uns die beiden die Geschichte ihres Lebenswegs: Sie kommen aus Röttenbach (Landkreis Erlangen-Höchstadt) und lernten sich in der Berufsschule kennen. Beide machten eine Ausbildung zum Stukkateur und arbeiteten sieben Jahre - in unterschiedlichen Firmen - in ihrem Beruf. Danach wechselten sie die Branche und liefen sich im OP-Bereich der Erlanger Kopfklinik wieder über den Weg: Amon war zwischenzeitlich Krankenpfleger geworden, Hauenstein zuständig für die Wartung und Pflege der OP-Geräte.

"Wir sind jeden Tag gemeinsam zur Arbeit geradelt", erzählen sie. Auch im Ruhestand sind sie wieder gemeinsam unterwegs. Zwei, drei Stunden, im Winter zu Fuß, im Sommer mit dem Fahrrad. Beide haben Herzprobleme und sind überzeugt vom Sinn und Nutzen der Bewegung. "Wir haben hier sehr gute und sichere Radwege", sagen die Männer, die vorbildlich mit Helm fahren und sich kürzlich jeweils ein E-Bike gekauft haben. Damit treten sie fast täglich in die Pedale. An Wochenenden und Feiertagen nicht - "die gehören der Familie". Hauenstein feierte im August Goldene Hochzeit, Amon steht der Ehrentag im November bevor. "Unsere Frauen sind einmalig", sagen die Rentner. "Sowas gib's heute gar nicht mehr. Sie schauen immer, dass es uns gut geht."

Pfeilserie ist zu Ende

Welch' ein passender Schluss: Wir schauen auch immer, dass es unseren Lesern gut geht. Doch leider ist unsere Pfeilserie jetzt zu Ende. Am Samstag, 14. September, gibt's in unserer Zeitung auf Seite 2 noch eine Nachbetrachtung unserer Reporter.

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