Bamberg
Initiative

Solidarische Landwirtschaft: 70 Bamberger unterstützen einen Gärtner

In Bamberg gibt es jetzt eine Solidarische Landwirtschaft. Hier geht es um den wahren Wert von Lebensmitteln - unabhängig vom Markt. Ein Besuch am Feld.
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Durch die Unterstützung der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) hat Gärtner Mathieu Lubiato  ein gesichertes Einkommen - das Prinzip funktioniert bereits im ersten Jahr in Bamberg. Foto: Ronald Rinklef
Durch die Unterstützung der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) hat Gärtner Mathieu Lubiato ein gesichertes Einkommen - das Prinzip funktioniert bereits im ersten Jahr in Bamberg. Foto: Ronald Rinklef
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Heute ist wieder Erntetag: Im Schatten des Vordachs der Gartenhütte hat Gärtner Mathieu Lubiato auf zwei an der Wand befestigten Tafeln geschrieben, was jeder "Kunde" aus den vorbereiteten Körben nehmen darf. Daniela Strecker ist mit ihrer Freundin Annett Weinkamm zu dem Feld der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) an der Galgenfuhr gekommen, wo sich auch die Hütte befindet. Dort können die Gemüsefreunde entweder montags oder donnerstags ein Mal in der Woche "einkaufen".

Jede Woche frisches Gemüse

Die beiden Frauen stellen gerade ihren Ernteanteil zusammen: Zwei Zucchini, 600 Gramm Tomaten, vier Paprika - und vieles mehr. Ihre Kiste wird reichlich voll: "Für eine vierköpfige Familie reicht das locker", sagt Daniela Strecker. Dabei benötigt sie gar nicht mal die ganze Kiste. Die 38-Jährige hat einen sogenannten großen Ernteanteil mit einer anderen Freundin zusammen. Für diesen bezahlen sie gemeinsam jeden Monat 70 Euro - ein kleiner Ernteanteil kostet 35 Euro pro Monat. "Es ist aber auch eine Verpflichtung", erklärt die zweifache Mutter.

Dafür gibt es jede Woche frisches Gemüse direkt vom Feld. "Von der Menge ist das sehr viel", bestätigt auch Jonas Glüsenkamp, der gerade Tomaten wiegt. Für ihn, seine Frau und seinen zweijährigen Sohn reiche ein kleiner Ernteteil üppig aus. Und falls jemand mal etwas nicht möchte, kann man es in die Spendenkiste legen und ein anderer freut sich - oder Familie und Freunde bekommen was ab. Wobei auch jeder weiß, im Winter wird es weniger: Dann gibt es Lauch oder Möhren.

Idee aus der Transition-Gruppe

Doch darum geht es gar nicht: Bei der Solawi gibt es keine Kunden, sie heißen hier Ernteteiler. "Sie sind Teilhaber und Partner", sagt Heike Kettner vom Orga-Team. Die 44-Jährige hatte 2017 die Idee in der "Transition"-Gruppe angestoßen. Die Gruppe will den Wandel hin zu einer solidarischen, nachhaltigen und lebenswerten Gesellschaft mitgestalten.

Seit Anfang des Jahres ist die Solawi nun aktiv. 70 Ernteteiler, vom Rentner bis zum Studenten, werden inzwischen versorgt. Und es gibt noch mehr Interessenten: "Wir haben schon eine Warteliste", sagt Heike Kettner.

Crowdfunding-Aktion bringt 8000 Euro

Ziel ist es, den Lebensmitteln wieder den wahren Wert zu geben - auf ökologische, regionale und saisonale Produkte zu setzen. Und: Es geht darum, Landwirten ein gesichertes Einkommen zu ermöglichen.

Auch Mathieu Lubiato bekommt ein normales Gärtnergehalt. "Für das erste Jahr ist es sehr viel Geld", sagt er. Denn normalerweise müssen Gärtner am Anfang viel Geld investieren. Nach einer Crowdfunding-Aktion, die rund 8000 Euro eingebracht hatte, konnten Geräte und Folientunnel sowie Wasserleitungen für das Feld gekauft werden. Und der 30-jährige Franzose konnte loslegen.

Ernteteiler helfen mit

Lubiato hat ökologische Landwirtschaft studiert und ist froh über die Unterstützung, die er auch von Willi Schubert bekommen hat, dem ehemaligen fachlichen Leiter des ökologischen Versuchsbetriebs. Im Winter hat sich Lubiato einen Plan gemacht, was alles angepflanzt werden soll auf dem einen halben Hektar großen Feld. Dort steht er jetzt, schaut sich die Tomaten prüfend an und erzählt, dass er auch von den Ernteteilern unterstützt wird. So habe es im April eine Aktion mit 15 Helfern gegeben, als 6000 Setzlinge in den Boden kamen - die Ernteteiler holen Buschbohnen vom Feld. "Die Leute helfen auch spontan mit, rupfen Unkraut und gehen wieder", sagt Anna-Sophie Braun vom Solawi-Projekt, die selbst oft bei ihrem Freund Mathieu auf dem Feld ist. Dieses befindet sich neben dem Areal der Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau, die das Projekt begleitet.

Gute Alternative für Gärtner

Bio-Gärtner Sebastian Niedermaier findet den Gedanken der Solawi gut, weil es die Gärtner unterstütze. Er denkt dabei an die Zeiten, als sein Vater noch im Geschäft war, als die Gärtner noch viel stärker vom Großhandel abhängig waren. Heute haben sie Hofläden wie Niedermaier: "Die Marge, die sonst der Handel macht, macht so der Gärtner." Auch die Solawi sei insofern ein spannendes Projekt und eine gute Alternative.

Zurück am Feld: Mathieu Lubiato plant die nächste Pflanzung: Chinakohl, Salat und Spitzkohl kommen in den Boden, rund 3000 Setzlinge. Eine Menge Arbeit bei praller Sonne: "Ich mag die Hitze", sagt der 30-Jährige - auch kommendes Jahr wird er viel zu tun haben.

Stichwort Solawi

Prinzip Bei Solidarischer Landwirtschaft (Solawi) werden Lebensmittel nicht über den Markt vertrieben, sondern fließen in einen Wirtschaftskreislauf, der von Teilnehmern mit organisiert und finanziert wird. Solawi will eine bäuerliche und vielfältige Landwirtschaft fördern und regionale Lebensmittel zur Verfügung stellen.

Infos Wer Interesse hat, kann sich auf solawi-bamberg.de erkundigen oder die Organisatoren unter info@solawi-Bamberg anschreiben.



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