Bamberg
Friedensbewegung

So war das, als die Bamberger den Frieden erklärten

Aufrüstung, Krieg, Atomenergie: In der 80er-Jahre-Serie geht es heute darum, was die Bürger zu Hunderttausenden auf die Straße brachte.
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Günter Winkler hat das Material der Friedensbewegung sorgfältig aufbewahrt.Ronald Rinklef
Günter Winkler hat das Material der Friedensbewegung sorgfältig aufbewahrt.Ronald Rinklef

Ende 1979 wurde mit dem Nato-Doppelbeschluss die Stationierung weiterer Atomraketen in Deutschland vorbereitet. Ende 1989 fiel die Mauer und Deutschland begann, Frieden als Selbstverständlichkeit zu sehen. Zwischen diesen beiden Ereignissen lag das Jahrzehnt des Wettrüstens.

"Die weltweit vorhandenen Atomwaffen hatten zu dieser Zeit eine 6000 Mal höhere Sprengwirkung als alle Waffen, die im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurden", sagt Günter Winkler. Von seiner Wohnung aus blickt er auf den über 1000 Jahre alten Bamberger Dom, dem der Kalte Krieg damals so nah war. "Wäre Deutschland zum Schlachtfeld geworden, hätten schon die konventionellen Waffen gereicht, um das ganze Land zu zerstören."

Als die Bamberger den Frieden erklärten

Der heute pensionierte Lehrer interessierte sich schon im Studium für Sicherheits- und Friedenspolitik. 1983 gab er den Anstoß zur "Erklärung der Bamberger Bürger zur Friedenssicherung". Gemeinsam mit Pfarrer Friedemann Jung und Moraltheologie-Professor Volker Eid setzte Winkler sie um. "Es war eine Herzensangelegenheit. Und wir haben ein paar Hundert Leute mitgerissen." Am 5. Februar 1983 wurde die Erklärung als Anzeige im Fränkischen Tag veröffentlicht.

Der 73-Jährige hat sie sorgfältig aufbewahrt. Die Seite mutet heute ungewohnt nüchtern an. Sie besteht ausschließlich aus Text. Argumente, Zahlen, Fakten und Forderungen der Bürger an ihre Abgeordneten und andere Politiker: keine Vergrößerung des Atomwaffenpotenzials in Europa, ernsthafte Verhandlungen über den Abbau der vorhandenen Atomwaffen, die Bereitschaft des Westens dabei in Vorleistungen zu gehen und dass die Bundesregierung gegenüber der Nato erklärt, dass von der BRD aus kein Ersteinsatz von Atomwaffen erfolgt.

"Seriös, nicht wie die Grünen"

230 Menschen aus Stadt und Land hatten unterzeichnet. "Alle gaben neben dem Namen auch den Beruf an. Wir wollten seriös auftreten. Nicht wie die Grünen, die galten damals als radikal. Wir waren sehr bürgerlich ausgerichtet." Umwelt- und Anti-Atomkraftbewegung waren etwas Eigenes, und doch gab es Schnittmengen zur Friedensbewegung. "Die WAA Wackersdorf zum Beispiel hätte Plutonium für Atomwaffen geliefert."

Nato und Warschauer Pakt im Wettlauf

Zu dieser Zeit ging es darum, dass die Amerikaner Pershing-II-Atomraketen und Marschflugkörper vom Typ Cruise Missiles in der BRD aufstellen. Seit 1981 hatten die USA mit dem Republikaner Ronald Reagan einen Präsidenten, dessen erklärtes Ziel war, den Rüstungswettlauf gegen den Warschauer Pakt zu gewinnen. Die Sowjets waren 1979 in Afghanistan einmarschiert und der Krieg zwischen Irak und Iran hatte 1980 begonnen. Frieden war ein großes Thema.

"Unsere Erklärung hat eingeschlagen." Winkler erzählt, wie viele Leute sich meldeten und dass die Erklärung mit 400 neuen Unterzeichnern zwei Wochen später noch einmal veröffentlicht wurde. Es entstanden eine Reihe von Veranstaltungen und Arbeitsgruppen: Ärzte, Künstler, Pädagogen, Medienschaffende, Psychologen, Juristen und Christen für den Frieden - regionale Beispiele für eine Bewegung, die das ganze Land erfasst hatte: "Wir haben auch Großkundgebungen besucht." Mit mehreren Bussen fuhren die Bamberger beispielsweise los, um am 22. Oktober 1983 Teil der über 100 Kilometer langen Menschenkette zwischen Stuttgart und Neu-Ulm zu werden, die eine Stationierung der Pershing-Raketen verhindern sollte. "Die Aufbruchsstimmung war vergleichbar mit dem, was wir jetzt mit ,Fridays for Future‘ erleben."

Die Rüstungsausgaben steigen wieder

Weil jetzt über die Klimakatastrophe diskutiert werde, falle gar nicht so sehr auf, dass heute weltweit wieder aufgerüstet wird. Günter Winkler spricht von einer aktuellen Studie des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri. "Das Geld könnte man gut für die Umwelt brauchen", sagt der Bamberger. Etwa 1,64 Billionen Euro gaben die Länder der Erde vergangenes Jahr für Rüstung aus.

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