Bamberg
Ideenwettbewerb

So könnten alle US-Wohnungen in Bamberg erhalten bleiben

"Morpho-Logic" aus München schlägt mit einem Ostpark die Brücke über den Berliner Ring. Die Münchner Architekten wollen die Stärken der Konversionsfläche entwickeln - aus ihrer Sicht sind das die Bestandsgebäude.
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Die Bamberger, die in großer Zahl in die Blaue Schule gekommen waren, hielten mit ihrem Urteil nicht hinterm Berg. Der Entwurf von Morpho-Logic war der erste, der bei der Präsentation der Zwischenergebnisse spontanen Beifall erntete. Das wundert wenig: Der Publikumsliebling besticht durch eine Planung, die anders als manche andere der sechs Wettbewerbsteilnehmer die Fläche der ehemaligen US-Kaserne nicht mit Hilfe des Abrissbaggers definiert, sondern "anhand der bestehenden Qualitäten", wie Michael Gebhard formuliert. Dazu zählt der Münchner Architekt gerade die bestehende Wohnbebauung, deren lockere Aneinanderreihung etwa bei der Flynn-Area zusammen mit dem üppigen Baumbestand aus seiner Sicht "ganz wunderbare Stimmungen und Qualitäten" erzeugt. "So etwas kann man nicht wegmachen, sondern muss es weiter entwickeln", lautet der Standpunkt von Morpho-Logic. Sie glauben, dass der Abriss großer Teile ein Fehler wäre und wollen den Wohnraum deshalb fast komplett erhalten, um ihn in einem zweiten Schritt behutsam zu verdichten.

In ihrer Überzeugung sehen sich die Münchner Planer bestärkt, seit sie sich selbst ein Bild von den Wohnungen machen konnten - was vor der Besichtigungstour der Bima Anfang Dezember den Teilnehmern des Wettbewerbs bemerkenswerter Weise verwehrt war. Der Blick hinter die Türen hat den äußeren Eindruck bestätigt: "Die Wohnungen sind gut in Schuss. Sie haben mehr Qualitäten als viele bestehende Wohnungen in Bamberg", sagt Gebhard.

Für Bamberg zu groß?
Dieser Einschätzung zum Trotz fand die Stadtverwaltung den Entwurf der Münchner "nur auf den ersten Blick bestechend". Der hier geplante Erhalt der "kompletten baulichen Erbmasse" stößt im Rathaus auf die bekannten Bedenken, dass dies für Bambergs Attraktivität eine Nummer zu groß sei.

Wie Alexander Schenk vom Konversionsamt sagt, hat die Stadt dem Team empfohlen, die angenommene Einwohnerzahl den Vorgaben des Stadtentwicklungskonzeptes (SEK) entsprechend anzupassen. Gleichzeitig soll ausgerechnet werden, wie schnell die Wohnungen bezogen werden könnten und was ein eventueller Leerstand kosten würde. Im Klartext: Im Rathaus glaubt man nicht, dass diese Planung realistisch ist. Sie benötige weit mehr als 5000 Menschen.

Wird nun also auch Morpho-Logic auf Abbruch setzen, um das Kasernengelände in den Rest der Stadt zu integrieren? Michael Gebhard verweist auf den Mangel an 1500 Wohnungen in Bamberg, den Gutachter wie Klaus-Peter Möller im Stadtentwicklungsplan für Bamberg nachgewiesen hätten. Das einzige Problem, das er sieht: "Es wird zu einem relativ frühen Zeitpunkt relativ viel Wohnraum zur Verfügung stehen. Dafür muss man etwas Geld in die Hand nehmen."

Der sensible Umgang mit den Wohnungen ist nicht das einzige Kennzeichen der Morpho-Logic-Pläne. Am meisten ins Auge fällt wohl der große ca. 20 Hektar umfassende Ostpark, der sich links und rechts des Berliner Rings erstreckt. Er würde beide Teile der ehemaligen Kaserne wie eine grüne Klammer verbinden. Damit dies trotz der lärmumtosten Schnellstraße gelingt, schwebt den Planern eine Landschaftsbrücke vor, die den Berliner Ring auf über 100 Metern Breite überspannen und überhöhen soll. Eine teuere Idee, die aber ihren Grund hat: "Es fehlt an attraktiven Verbindungen, zwischen dem Osten und der Altstadt", sagt Gebhard.

Auch für viele Technikgebäude, ehemalige Garagen und Lagerflächen, haben sich die Münchner Architekten eine Alternative zum Abriss überlegt. So könnte ein Teil von ihnen im Anschluss an den Ostpark zu einem "Kreativzentrum" umfunktioniert werden. Auf dieser Fläche sollen Gewerbetreibende und Freiberufler aller Art günstige Flächen finden. In anderen Städten habe sich gezeigt, dass es dafür großen Bedarf gebe.



Standpunkt des Autors Michael Wehner:


Die Boomstadt gibt sich bescheiden
Nur noch wenige Wochen bis zur Entscheidung der Jury über den Ideenwettbewerb Konversion - und noch immer gibt es vom Stadtrat kein klares Bekenntnis zum Erhalt der 700 Familienwohnungen auf dem Kasernengelände. In einer Stadt mit Mangel an bezahlbarem Wohnraum ist dies schwer zu verstehen.

Diese Appartements, die bis vor kurzem noch belebt und beliebt waren, die sich in einem ausnehmend grünen Viertel befinden, augenscheinlich auch in bestem Zustand, könnten viele von Bambergs Hemmnissen in kurzer Zeit in Luft auflösen.

Endlich Raum für junge Familien mit Normalbudget, die Jahr für Jahr ins Umland abwandern und dafür lange Autofahrten in Kauf nehmen; endlich eine Alternative für Senioren, die es in die Stadt zieht, die aber bislang nichts Preisgünstiges gefunden haben. Eine Chance für Studenten, für Pendler und Geldanleger, die seit Jahren auf den richtigen Zeitpunkt warten.

Und was passiert? Den viel zitierten Lobeshymnen von der Boomstadt Bamberg zum Trotz verfällt man im Rathaus in eine merkwürdige Bescheidenheit, eine defensive Verweigerungshaltung. Bamberg soll nicht attraktiv genug sein, um diese Flächen zu füllen?

Umgekehrt wird ein Schuh draus: Wenn es nicht gelingt, diese Flächen zu füllen, dann, weil der Stadtrat es ablehnt, die Gestaltungsaufgabe anzunehmen. Die Voraussetzungen für eine gelungene Konversion sind kaum irgendwo günstiger. Hier bietet sich die Chance, Bamberg zu einer größeren, einer lebenswerteren Stadt zu machen. Das sollte die Entscheider beflügeln, im Interesse tausender Bürger das Beste zu tun. Intakten Wohnraum in großer Zahl dem Abbruch preiszugeben, gehört nicht dazu.
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