Bayreuth
Festspiele Bayreuth

Siegfried Wagner, das Chamäleon

"Siegfried" als Schauspiel: Zwei grandiose Schauspieler verkörpern im Monolog von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel nicht nur den Titelhelden. Das Publikum bejubelt die Uraufführung.
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Felix Axel Preißler (l.) und Felix Römer als der aufgespaltene Titelheld in dem Monolog "Siegfried".  Foto: Bayreuther Festspiele/Konrad Fersterer
Felix Axel Preißler (l.) und Felix Römer als der aufgespaltene Titelheld in dem Monolog "Siegfried". Foto: Bayreuther Festspiele/Konrad Fersterer

Ohne Frauen geht eben nichts. Auch und besonders bei den Wagners. Siegfried Wagner, der vor 150 Jahren geborene einzige Sohn von Cosima und Richard Wagner, steht zwar im Mittelpunkt des Auftragswerks "Siegfried", das jetzt im ehemaligen Reichshof-Kino uraufgeführt wurde. Aber obwohl in diesem Monolog nur zwei Männer auf der Bühne agieren, mischen Wagnerinnen kräftig mit.

Der Abend beginnt - wo sonst? - in Wahnfried, mit Videobildern zweier Gestalten, die durch Haus und Garten geistern: Es handelt sich um Siegfried und Winifred Wagner, gespielt von Felix Axel Preißler und Felix Römer, zwei großartigen Schauspielern, die zwei Stunden lang immer wieder Rollen, Kleidung und Geschlecht wechseln, um uns jenen schwer fassbaren, gespaltenen, zerrissenen, chamäleonhaften Charakter näher zu bringen, der Siegfried Wagner war.

Strafbare Sexualität

Der Stücktext stammt von dem Autorenduo Feridun Zaimoglu und Günter Senkel, das zuletzt durch seine poetische und wirkungsmächtige Sprache bei den Nibelungenfestspielen in Worms auffiel.

Der für das Bayreuther Diskurs-Rahmenprogramm bestellte Monolog ist keine herkömmliche Biografie, sondern fokussiert sich auf zwei Schlüsseljahre im Leben Siegfrieds - auf 1914 und 1930.

Denn nur der Ausbruch des ersten Weltkriegs verhindert, dass Siegfrieds ruchbar gewordene, damals strafbare Homosexualität dem ohnehin prekären Familienbetrieb den Garaus macht. Der Komponist, Librettist, Dirigent, Regisseur und seit 1908 allein verantwortliche Festspielleiter ergibt sich in sein Schicksal, heiratet wenig später die 28 Jahre jüngere Winifred Williams und sorgt für Nachwuchs.

1930 stirbt er im Alter von 61 Jahren, keine fünf Monate nach dem Tod der greisen Mutter. Sein Testament wirkt bis in die Gegenwart. Die antisemitische, rassistische und völkische Ausrichtung der Festspiele, wie sie von Cosima, Winifred, Halbschwester Daniela, Schwester Eva und deren Mann Houston Stewart Chamberlain zementiert wird, trägt er hier deutlich zweifelnd mit.

Weibliche Dominanz

Während der Blick der Autoren auf Siegfried spürbar offen und zumindest in Hinblick auf die Beidler-Affaire zu empathisch ist, gehen der Regisseur Philipp Preuss und sein kongeniales Team das Stück konziser an: Sie haben den durch die Besetzung mit zwei Darstellern ohnehin aufgespaltenen Monolog zügig gekürzt und erweitert.

Nicht nur Siegfried ist dadurch mit witzigen Ausschnitten aus eigenen Werken besser präsent, sondern vor allem Winifred, die unter anderem in köstlich nachgespielten Audiosequenzen aus dem Syberberg-Film zu Wort kommt. Die dunkle Erde, die Ausstatterin Ramallah Sara Aubrecht auf die Bühne mit Heiligenscheinleuchte gekippt hat, färbt das aus Unterwäsche bestehende Grundkostüm natürlich braun ein.

Das Erdrückende des väterlichen Erbes präsentiert die Inszenierung schon eingangs durch einen Defekt: Das Wort Vater wird stotternd aufgeteilt in Vffff . . . ater. Nicht weniger erdrückend die weibliche Dominanz. Wie Pinocchio trägt der junge schwule Siegfried eine sexualisierte Lügennase, die so viel mehr sagt als jedes Klischee. Erst recht, wenn nach Reformkleidern und Kittelschürzen auch noch der über dem Kopf geschlossene Tütü ins Spiel kommt.

Unglückselige Erben

Immer wieder gelingt es dem Stück, der mit furiosen Theater- und Video-Bildern, mit mal säuselnden, mal dröhnenden Klängen spielenden Inszenierung und den zwei in Sprache, Mimik und Gestik überzeugenden Akteuren, den Zuschauern die inneren Dramen dieses zwar privilegierten, aber unglückseligen Erben nahe zu bringen.

Am Ende macht die kugelrund aufgeblasene, surrealistische Wahnfriedwelt Siegfried platt. Die im ständigen Rollenwechsel gegebene Uneindeutigkeit entspricht dem Wissensstand über Siegfried Wagner.

Solange seine sicher aufschlussreiche Privatkorrespondenz von der Familie zurückgehalten wird, kann sich niemand ein komplettes Bild von ihm machen. Diese "Siegfried"-Inszenierung ist einstweilen immerhin eine gute Möglichkeit.

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