Hallstadt
Handel

Sie weiß alles über Schätze und Schnäppchen

Über das Thema Secondhand könnte Verena Alexander genauso viel erzählen wie über Menschen. 25 Jahre speisen ihren Fundus.
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Soll es so was sein, oder doch eher eine andere Farbe? Verena Alexander kennt ihre Kundschaft im "Hampelmann recht gut.Foto: Anette Schreiber
Soll es so was sein, oder doch eher eine andere Farbe? Verena Alexander kennt ihre Kundschaft im "Hampelmann recht gut.Foto: Anette Schreiber
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"Ich nehme nur das, was ich meinem Kind oder mir ungewaschen anziehen würde." Verena Alexander hat ihre Prinzipien. Offenbar fährt sie gut damit. 17 Secondhandläden hat die gebürtige Hallstadterin innerhalb der vergangenen 25 Jahre in der Region Bamberg Kommen und Gehen sehen. Geblieben ist sie mit ihrem "Hampelmann". Die letzten acht Jahre davon am Hallstadter Marktplatz. "Seit dieser Woche kann man auch wieder mit dem Auto kommen", merkt sie mehrfach in Anspielung an die Großbaustelle vor ihrer Ladentüre an. Auch das letzte Dreivierteljahr unter erschwerten Bedingungen hat sie überstanden.

"Sehen Sie die Nasenabdrücke an der Scheibe", fragt die Geschäftsfrau dann amüsiert vor ihrem Laden mit den zwei lustigen Schaufenstern. Unten auf dem Fenstersims hat sie die Spuren der Kinderschuhe bereits wieder beseitigt. "Da stehen die Kinder immer und pressen sich die Nase am Schaufenster platt." In der Folge kommen meist Eltern oder Großeltern", um das zu kaufen, was die Kleinen da so fasziniert hat. Jede Woche wird neu dekoriert, denn im Fenstern präsentierte Ware verkauft sich schneller. Das gelte auch bei regulären Kaufhäusern, weiß die Ladenbetreiberin.

Wie bei der Kleidung - für Kinder wie für Damen - achtet die 51-Jährige bei den Spielsachen gleichfalls auf beste Qualität. Die geht offenbar immer mit angesagten Marken einher: Playmobil oder Lego zum Beispiel, erklärt die Geschäftsfrau. Im vergangenen Vierteljahrhundert hat sie viel über den Gebrauchtwarenverkauf gelernt. Und übers Leben. Ein Gang zum Hampelmann bedeutet Kaffee, Plausch, Ware abgeben oder auch erwerben. "Unter einer Stunde bleibt Stammkundschaft selten".

Wie kommt eine gelernte Verwaltungsfachangestellte in die Gebrauchtwarenbranche? Bei Verena Alexander hat es sich irgendwie ergeben. Einerseits war sie begeisterte Flohmarktbesucherin, andererseits enthusiastische Hobby-Schneiderin. Irgendwann war der Sohn immer aus Sachen herausgewachsen oder sie hatte für sich wieder neue Klamotten geschneidert. Für die Altkleidersammlung waren die Sachen mehr als zu schade und so gab sie die Dinge zu eher symbolischen Preisen weiter. Und merkte: "Da gibt es einen Markt." Der nächste Secondhandladen, von dem sie damals wusste, war seinerzeit noch in Nürnberg.

Hatte sie eine Marktlücke in der Region entdeckt? Die Hallstadterin wollte es langsam angehen lassen, wohnte mit Mann und Sohn seinerzeit noch in Merkendorf und mietete - für 50 D-Mark - im nahen Drosendorf ein kleines Haus, ohne Wasser, ohne WC, nur mit Strom. Sie hatte nur ein paar Tage und wenige Stunden geöffnet: Dennoch: "Die Leute standen Schlange".

Nach dem Experiment wagte sie die Dauereinrichtung in Hallstadt zunächst nur wenige Meter vom heutigen Standort entfernt. Dann musste sie erneut in ein abermals größeres Geschäft ziehen. Inzwischen sind viel Kundinnen Freundinnen geworden, hat sie einen festen Stamm, der bis ais dem, Raum Coburg und Lichtenfels kommt. Scondhand-Ware wird also immer noch nachgefragt. Gab es Veränderungen? "Früher war es der Kundschaft wichtig, Sachen zu bekommen, die günstig, sauber und zweckmäßig waren." Marken waren total außen vor. Heute hingegen werde gleich gefragt, ob Verena Alexander was von der oder jener Marke hätte. Gleich geblieben sei hingegen die Kundschaft. Das Spektrum reiche dabei von Arzt-Familien bis hin zu HartzIV-Empfängerinnen oder Seniorinnen mit sehr geringer Rente.

Inzwischen nehme sie nur noch Markensachen in Kommission. "Wenn ein Discounter-T-Shirt im Land nur 2,99 Euro kostet."

Verena Alexander verkauft anteilig etwa genauso viel Spielzeug wie Kleidung. Letzteres allerdings nur für Kinder und Damen. Herrenklamotten gehen gar nicht, lautet die Erfahrung eines halbjährigen Tests.

Warum aber kommt jemand in den Secondhand-Laden, der auch in regulären Geschäften kaufen könnte? Weil bei den Klamotten beispielsweise die Schadstoffe schon herausgewaschen sind, weil Leute etwas im Sine der Nachhaltigkeit und des Umweltschutzes tun wollen, weil sie es nicht einsehen, viel Geld für Klamotten auszugeben. Oder aber wie eine 54-Jährige, auf der Suche nach etwas Besonderem sind und dem Kick, genau so etwas bei ihrer Schatzsuche zu finden. "Es geht nicht um den Preis", sagt sie. Sie möchte Klamotten, die nicht unbedingt jeder hat. Und etwas, das zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, wie die schicke rote Kapuzenjacke, die ihr wie auf den Leib geschneidert scheint und in der Dame aus Ebern heute zur Schatzsuche erschienen ist. "Ich liebe dieses Teil", lässt sie noch zur roten Kapuzenjacke wissen.

Während sie auf Suche ist, möchte eine 37-Jährige wissen, welche ihrer Sachen verkauft wurden. Eine zeitlang hat sie die Sachen, aus denen die beiden Kinder herausgewachsen sind, über Kleinanzeigen abgegeben. Das war ihr dann aber zu stressig. So kam sie auf die Lösung mit dem Secondhand-Laden. Wie so viele Nutzer verkauft und kauft sie hier.

Verena Alexander hat ein ausgeklügeltes System entwickelt, alles noch auf Papierbasis, "mit Computer wäre es zu kompliziert" findet sie. Stichwort Papier: Umweltbewusstsein hat auch hier Einzug gehalten: Ware landet zwar vereinzelt in Plastiktüten, vieles läuft aber über Körbe oder dagelassene Papiertüten. Haufen sich da nicht Berge an Ware an?

Die Chefin verneint, was nach einer bestimmten Zeit nicht verkauft ist, muss wieder abgeholt werden. Denn vor allem Klamotten werden saisonal gehandelt. Vieles, was zu holen wäre, wird aber gespendet - so bestückt Hallstadt Bamberger Sozialkaufhäuser. Keine Konkurrenz für den Hampelmann, winkt Verena Alexander ab. Dort gehe vieles über Berechtigungsscheine. Und andere Konkurrenz, da erkennt sie nicht viel. In Hallstadt gibt es noch einen weiteren Secondhand-Laden, der hat sich aber eher auf Kinderwägen und dergleichen spezialisiert, da komme man sich nicht in die Quere. Weitere Alexander bekannte Secondhand-Läden befänden sich in Bamberg oder beispielsweise in Hirschaid. Viele seien es jedenfalls nicht. Wenn sie davon leben müsste, hätte der Hampelmann nicht so lange überlebt, macht die Secondhand-Laden-Betreiberin deutlich. "Es gibt ein paar gute Monate im Frühjahr und Herbst, das muss für den Rest des Jahres reichen, mehr als ein Taschengeld bleibt unter dem Strich nicht."

Noch fühle sie sich jung genug, weiter zu machen, aus Leidenschaft für den Umgang mit Menschen, lässt sie auch in Richtung Kundin wissen und macht darauf aufmerksam, dass sie doch noch dringend Spielzeug brauche. Da besteht wohl eher Hoffnung als bei Hosen in kindergartenalter-Größen. "Da sind die Knie alle durchgerutscht." Eine letzte Frage, trägt sie auch Klamotten aus ihrem Laden? "Leider kaum." Was aber daran liege, dass Kleidung in größeren Größen kaum auf dem Markt ist.

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