Bamberg
Interview

"Man tut ihr wieder Gewalt an": Andreas Lösche im Interview über das Andenken an seine Schwester Sophia

Andreas Lösche wehrt sich mit juristischen Mitteln gegen die Verwendungen des Bildes seiner Schwester durch AfD, Pegida und Co. Die 28-jährige Sophia war im Juni ermordet worden, tatverdächtig ist ein marokkanischer Lkw-Fahrer.
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Ohne Zustimmung der Angehörigen wurden Bilder von Verstorbenen bei Demonstrationen in Chemnitz gezeigt. Sie sollten als Beweis für Gewalttaten von Ausländern dienen. Dagegen wehrt sich nun der Bamberger Andreas Lösche im Fall seiner ermordeten Schwester. Dieses Bild zeigt, wie sich der Pegida-Gründer Lutz Bachmann vor einem Foto der ermordeten Iulia aus Viersen in Chemnitz fotografiert.   Archivfoto: Ralf Hirschberger/dpa
Ohne Zustimmung der Angehörigen wurden Bilder von Verstorbenen bei Demonstrationen in Chemnitz gezeigt. Sie sollten als Beweis für Gewalttaten von Ausländern dienen. Dagegen wehrt sich nun der Bamberger Andreas Lösche im Fall seiner ermordeten Schwester. Dieses Bild zeigt, wie sich der Pegida-Gründer Lutz Bachmann vor einem Foto der ermordeten Iulia aus Viersen in Chemnitz fotografiert. Archivfoto: Ralf Hirschberger/dpa

Die Veranstalter des sogenannten Trauermarsches von Chemnitz sollen sich vor Gericht verantworten. Das findet Andreas Lösche, Grüner Kreisrat aus Bamberg. Im Rahmen des Marsches hatten die Demonstranten unter anderem das Bild von Lösches Schwester Sophia durch die Straßen getragen. Sophia war im Junimutmaßlich von einem marokkanischen Lkw-Fahrer ermordet worden. Die Familie wehrt sich seitdem gegen die Vereinnahmung durch Rechte.

Sie erstatten Anzeige gegen die AfD Chemnitz, Björn Höcke und unbekannt, was heißt, alle, die das Bild von Ihrer Schwester getragen haben.

Andreas Lösche: Ganz genau. Die Chemnitzer AfD war offensichtlich der Veranstalter dieses sogenannten Trauermarsches. Björn Höcke als Mitveranstalter, der da auch vorne mit dabei war, genauso wie Lutz Bachmann. Und dann geht es gegen die Träger der Plakate.

Welche Straftat werfen Sie dieser Gruppe vor?

Das ist die widerrechtliche Verwendung eines Bildes. Die Herrschaften haben kein Recht an diesem Bild. Wenn ein Bild von der Polizei zur Fahndung genutzt wird, ist es frei verwendbar, zum Beispiel von den Medien, so lange die Fahndung läuft. In dem Moment, in dem das Opfer gefunden wird und der Täter dingfest gemacht wird, das ist ja in unserem Fall so, erlischt dieses Recht. Dass sie das Bild verwendet haben, ohne ein Recht daran zu besitzen, fände ich noch nicht einmal so schlimm - wenn es in einem anderen Kontext wäre. Der Kontext ist die Katastrophe. Ihr Bild wird für etwas verwendet, was ihr nicht entsprochen hätte, sondern ihrer Haltung zu 100 Prozent entgegensteht.

Wie schwer haben Sie sich diese Entscheidung gemacht?

Es ist so, dass uns das Bildmaterial von Journalisten zugespielt wurde. Die haben das von sich aus intern geprüft und daraufhin gesagt: Da müssten Sie eigentlich etwas machen. Ob ich selbst auf die Idee gekommen wäre, weiß ich nicht. In dem Moment haben wir, also meine Eltern und ich, gar nicht mehr lange überlegt.

Um welche Veranstaltungen geht es?

Jetzt geht es erst einmal nur um Chemnitz. Es gibt noch eine zweite Sache, zwei Tage später, die Pegida-Demo in Dresden. Da haben die das gleiche wieder gemacht. Wir überlegen jetzt, ob wir Dresden noch gesondert anzeigen. Außerdem geht es nicht nur um diese Veranstaltung, sondern auch darum, dass Höcke und Bachmann das Bild fleißig in sozialen Medien gepostet haben. Davon haben wir Screenshots.

Haben Sie damit gerechnet, wenn solche Demos stattfinden, dass dann das Bild auch gezeigt wird?

Am Anfang war ich ziemlich fassungslos. Mir war schon im Juni, als irgendwann klar wurde, dass es ein marokkanischer Lkw-Fahrer ist, klar: Das ist das perfekte Fressen für die Rechten. Das war kein Migrant, er war auf dem Weg nach Hause, nach Marokko. Da hätte Merkel 2016 machen können, was sie will, der wäre so oder so gefahren. Sie ist nicht das Opfer eines Flüchtlings oder Einwanderers. Aber was nicht passt, wird passend gemacht. Als dann Höcke im August angefangen hat, sie in seinen Reden durch den Dreck zu ziehen ... Und trotzdem wäre ich nicht auf die Idee gekommen, dass sie da 21 Leute auf Plakaten durch die Gegend tragen.

Was versprechen Sie sich von dem Prozess oder geht es mehr um das Symbol?

Es geht schon eher darum, deutlich zu zeigen, dass das nicht in Ordnung ist und dass wir uns das nicht gefallen lassen. Auf keinen Fall. Dafür bekommen wir auch viel Zuspruch.

Sie haben den Rechten ja von Anfang sehr aktiv und laut widersprochen. Wie würden Sie die Reaktionen darauf beschreiben?

Unser erster Widerspruch war eine Reaktion darauf, dass wir gesehen haben, was in den sozialen Netzwerken passiert und welche Kommentare unter den Artikeln stehen. Teilweise Hunderte, das meiste alles andere als schön, nach dem Motto: selbst schuld. Dann ging es auch direkt mit E-Mails von Fake-Accounts los. Wüste Beschimpfungen. Wir haben zuerst die Zeitungen um einen sensiblen Umgang mit dem Thema gebeten, in der Hoffnung, dass die Kommentarspalten deaktiviert werden. Das hat größtenteils auch funktioniert. Damit war die rechte Hetze erst einmal ausgebremst. Das heißt, dann ging es nur noch direkt oder über Twitter. Das ist in dem Moment aber auch abgeflacht, weil es uns gelungen ist, diese Bühne abzuschaffen. Wir sind sozusagen als Reaktion aufgestanden, nicht vorbeugend.

Nun sind Sie als Person aber auch öffentlich. Wie viel kam direkt bei Ihnen an?

Vor allem E-Mails oder Messenger. Da kam schon einiges. Aber in der Regel von Fake-Accounts. Das hat sich dann relativ schnell beruhigt. Vielleicht weil sie gemerkt haben, ich reagiere auf so etwas nicht. Das ist meistens die beste Reaktion. Dann wird es ihnen zu langweilig. Es waren aber schon ein paar hundert Hassmails. Wenn etwas von normalen Mailadressen kam, waren es eher argumentative Geschichten: Warum ich mit meiner Politik schuld am Tod meiner Schwester bin ...

Gab es auch fruchtbare Auseinandersetzungen?

Nein. Du hast es da mit Leuten zu tun, die jedweden Anstand verloren haben. Die haben keinen Respekt vor dem Opfer und keinen Respekt vor der Wahrheit. Sie lügen, die missbrauchen einen Fall, drehen ihn inhaltlich ins komplette Gegenteil ... Was will ich mit solchen Leuten diskutieren? Was soll ich machen, soll ich Björn Höcke anrufen? Ne. Ich will mit solchen Leuten auch nichts zu tun haben.

Sie setzen sich dem aber nun ja weiter aus. Es ist Ihnen also schon wichtiger, dagegen vorzugehen, als sich selbst zu schützen.

Ja. Das muss ich schon im Namen meiner Schwester machen. Sie hätte das auch gemacht. Sie hätte auf keinen Fall gewollt, dass sie von irgendwelchen Rechten durch den Dreck gezogen wird. Ich habe für mich das Gefühl, dass mir gar nichts anderes übrig bleibt. Das können wir uns und auch ihr nicht gefallen lassen. Man tut ihr damit ja wieder Gewalt an. Und das sind die, die angeblich die deutschen Frauen beschützen wollen. Sie tun das Gegenteil.

Wie begegnen Sie den Kollegen von der AfD auf der lokalpolitischen Ebene?

Mit denen habe ich nichts zu tun, weil sie bislang nicht im Stadtrat oder Kreisrat sitzen. Das wird sich, befürchte ich, 2020 bei der nächsten Kommunalwahl ändern.

Sie haben der SZ gesagt, alles was ermittelt wurde, kam von Angehörigen und Freunden. Das war Ende August. Würden Sie das heute genauso sagen?

Einhundert Prozent der Ermittlungsergebnisse, die dazu geführt haben, den Täter zu finden, sind auf die Ergebnisse der Arbeit der Angehörigen zurückzuführen. Dabei bleibe ich, das ist Fakt. Bis zu dem Zeitpunkt, als wir durch den Kontakt mit der Spedition den Standort des Fahrers ausfindig gemacht haben, hat die deutsche Polizei praktisch nichts getan. Die haben sich noch gestritten, wer zuständig ist, Sachsen oder Bayern. Wenn wir das nicht aus lauter Verzweiflung selbst in die Hand genommen hätten, hätten wir vermutlich nie eine Leiche gefunden und nie einen Täter. Die wären ja noch nicht einmal nach Schkeuditz zu der Tankstelle gefahren und hätten sich die Videobänder angeschaut.

Haben sie das Gefühl, das Thema wird intern aufgearbeitet?

Es gab bis heute zumindest nicht den Punkt, wo man sich bei uns entschuldigt hat und gesagt hätte, ab sofort wollen wir es besser machen. Und das erwarte ich. Insofern kann ich bis jetzt nicht beobachten, dass eine Aufarbeitung passiert. Die Innenminister von Sachsen und Bayern haben beide ein Schreiben mit dem Protokoll der ersten vier Tage von mir bekommen. Darin ist auch beschrieben, dass die Polizei nichts getan hat und zu uns auch gesagt hat, sie unternehme erst einmal nichts. Auf dieses Schreiben habe ich bis jetzt Eingangsbestätigungen. In Sachsen kam diese Bestätigung von der Beschwerdestelle der Polizei Sachsen. Das heißt, genau die Leute, die es zu kontrollieren gilt, sollen mir jetzt antworten. Das scheint mir die falsche Vorgehensweise.

Die Argumentation der Polizei damals war die Statistik, dass die meisten vermissten Personen wieder auftauchen ...?

Nein. Es gab keine Argumentation der Polizei. Man hat einfach nichts gemacht. Ich behaupte und dabei bleibe ich, man hat uns am Anfang nicht richtig zugehört. Man hat das einfach als Routinefall abgeheftet: mal wieder jemand vermisst. Dabei war der Fall klar: Eine Tramperin steigt in einen Lkw, schreibt noch: Sitze beim Marokkaner Bob auf dem Truck. Damit war klar, ihr Zeitplan geht auf. Dann geht das Handy aus und sie kommt nie beim Geburtstag ihres Vaters an. Mein Vater hat gesagt, ich werde meine Tochter nie wiedersehen. Ich habe gesagt, sie müssen zu 99 Prozent von einem schweren Gewaltverbrechen ausgehen. Die Reaktion darauf war, sie als vermisst ins System einzugeben. Das bedeutet, sie hätte am Flughafen ihren Pass auf den Scanner legen müssen, dann hätte aufgeleuchtet, sie wird vermisst. Es hat keine aktive Suche stattgefunden.

Im Nachgang folgte das lange Warten auf das Ende der Obduktion in Spanien. Wissen Sie mittlerweile, warum Sie so lange warten mussten?

Nein. Ich habe aber inzwischen zwei Erfahrungsberichte von Menschen, deren Angehörige in Spanien ums Leben gekommen waren. Einmal auch Mord, einmal ein Unfall. In beiden Fällen hat es sogar noch länger gedauert als bei uns. Die Argumentation der Richterin gegenüber der deutschen Botschaft war die, dass sie erst auf den Obduktionsbericht warten möchte, denn dieser sollte eindeutig belegen, dass Sophia nicht außerhalb Deutschlands gestorben ist.

Mir haben mehrere Forensiker gesagt: Das werden die nie belegen können. Dazu waren die Umstände einfach zu ungünstig. Die Richterin meinte aber, wenn das Gutachten nicht eindeutig wäre, müsste man sie behalten, um vielleicht noch einmal Proben zu nehmen ... Normalerweise nimmst du deine Proben mit Backups, machst Fotos und bist fertig. Vier Stunden dauert das. Und nicht zwei Monate. Als wir die Leiche bekommen haben, mussten wir feststellen, dass die Spanier Sophia bei 8 Grad aufbewahrt haben. Das heißt, sie haben den Verwesungsprozess einfach weiterlaufen lassen. Was die Argumentation ad absurdum führt. Mein Schluss ist, es gibt keinen Grund.

Stehen Sie denn auch in Kontakt mit Angehörigen anderer Opfer, die in Chemnitz auf den Plakaten zu sehen waren?

Nein. Es könnte höchstens sein, dass ich es nicht weiß. Während der letzten Monate haben mich öfter Angehörige von Opfern von Gewalttaten kontaktiert. Gleich am Anfang mehrere. Die haben mir unisono geschrieben: Verlassen Sie sich bloß nicht auf die Polizei. Bis die anfangen zu laufen, ist eh alles zu spät. Und Zeit ist der wichtigste Faktor. Dass die Polizei das nicht versteht, ist mir schleierhaft. Da renne ich lieber vier Mal zu viel als ein Mal zu wenig.

Haben Sie aufgrund dieser Kontakte dann selbst mit den Ermittlungen begonnen?

Das hat uns eher noch motiviert, weiterzumachen. Wir - also die Familie und Sophias großer Freundeskreis, an die hundert Leute - haben relativ schnell gemerkt: Da passiert nichts. Uns blieb gar nichts anderes übrig, als das selbst in die Hand zu nehmen. Dadurch dass wir so viele Leute waren, kamen natürlich auch viele gute Ideen, viele Begabungen zusammen ...

Das heißt, für diese Arbeit gab es kein Vorbild, keinen Plan?

Nur die reine Verzweiflung. Und die Hoffnung, sie vielleicht doch noch irgendwie ... Obwohl uns das eigentlich allen klar war. In der hoffnungslosen Situation klammerst du dich trotzdem an den dünnsten Strohhalm. Also haben wir gesucht, was das Zeug hält, online, in Teams, im Wald, Fährlinien informiert, falls der Lkw auftaucht ...

Haben Sie die Hoffnung, dass sich etwas ändert, indem Sie davon erzählen?

Sonst hätte ich nicht die beiden Innenminister angeschrieben und sie gebeten, das in der Innenministerkonferenz zum Thema zu machen. Es kann nicht sein, dass zwei Bundesländer streiten, wer zuständig ist. Es gibt klare Vorgaben: Zuständig ist immer der Erstwohnsitz. Leipzig wäre zuständig gewesen, hat das bis Montag aber mehrfach abgelehnt. Das darf gar nicht passieren. Wenn Sophias fürchterliches Schicksal irgendetwas Gutes haben sollte, dann vielleicht das, dass es dem nächsten Opfer und seinen Angehörigen nicht wieder genauso ergeht.

So wie es jetzt bei der Polizei läuft, ist es eine einzige Katastrophe. Dass mich diese Leute kontaktiert haben, belegt ja, dass das nicht zum ersten Mal so gelaufen ist. Wenn Sie an Susanna F. in Wiesbaden denken. Es muss also besprochen werden, wie ich eine effektive Polizeiarbeit über Ländergrenzen hinweg hinkriege. Wenn Sie jetzt am Donnerstagabend, das Wochenende steht vor der Tür, von einem Bundesland ins andere verschwinden, haben Sie verloren. So ist das.

In Bayern ist es nicht nur die Polizei Bayern, sondern auch noch die Bezirke: Die ersten, die nichts tun, sind die Oberpfälzer. Dann kommen die Sachsen ins Spiel. Beide machen nichts. Dann wird entschieden, höchstwahrscheinlich ist sie in Oberfranken gestorben. Es wird also ein oberfränkischer Fall. Wenn Sie den Oberfranken sagen, dass ihre Kollegen nichts getan haben, sagen die: Das ist nicht unser Bier, das waren die anderen. Für mich aber stehen die alle für dieselbe Organisation.

Hat diese Erfahrung Ihr Bild von der Polizei in Deutschland stark verändert?

Es wurde schwer erschüttert. Ich habe kein Vertrauen mehr in diese Truppe. Und was mich am meisten ärgert ist, dass es niemand gibt, der den Arsch in der Hose hat, sich hinzustellen und zu sagen, es tut uns leid. Den gibt es nicht. Man kann Fehler machen, klar. Aber wenn man es selbst nicht als Fehler realisiert, lernt man auch nicht daraus. Sophia war in unseren Augen nie ein Vermisstenfall. Es gab vom ersten Moment den Verdacht auf ein schweres Gewaltverbrechen.

Es gibt viele Menschen, die Sophia selbst oder Sie als Politiker der Grünen verantwortlich machen. Was sagen Sie denen?

Bis jetzt gar nichts. Wenn ich etwas sagen müsste, würde ich sagen, die Argumentation ist Unsinn. Mir wird vorgeworfen, Sophia sei ein Opfer der Migrationspolitik, die von den Grünen unterstützt würde. Sie ist aber gar kein Opfer dieser Politik. Dieser Lkw-Fahrer wäre so oder so diese Strecke gefahren. Er ist kein Migrant. Er könnte genauso aus Polen, Österreich, Deutschland kommen. Insofern ist die Behauptung, dass unsere Politik etwas mit dem Tod meiner Schwester zu tun hat, vollkommener Schwachsinn. Es wird aber so passend gemacht, dass es in das eigene krude Weltbild passt. Das ist auch das, was die AfD mit ihr macht, um sie für ihre Hetze zu missbrauchen. Das wäre das, was ich sagen würde. Ich führe aber keine Twitter-Diskussionen, das ist sinnlos. Wenn es mal in einem bestimmten Kreis die Gelegenheit gäbe, würde ich es vielleicht machen. Wobei ich nicht der Meinung bin, dass man der AfD zu viel Platz einräumen sollte. Das ist genau der Fehler, den wir in diesem Land seit Jahren machen.

Das Gespräch führte Andreas Thamm.

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