Bamberg
Lebensmittelhilfe

Sie liefern direkt zu Bedürftigen

Nino Ketschagmadse hilft, wo sie helfen kann: Mit ihrem Verein "Retten und Teilen" holt sie Lebensmittel ab, die sonst weggeworfen würden.
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Nino Ketschagmadse und ihre Kollegin Liane verteilen Lebensmittel vor einem Flüchtlingsheim. Fotos: Barbara Herbst
Nino Ketschagmadse und ihre Kollegin Liane verteilen Lebensmittel vor einem Flüchtlingsheim. Fotos: Barbara Herbst
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Nino Ketschagmadse und ihre Kollegin Liane vom Verein "Retten und Teilen" laden die vom Nahkauf in der Gartenstadt bereitgestellten Spenden in einen Twingo. In den normalerweise zwei Bananenkisten voll Lebensmittel finden sich vor allem Milchprodukte, deren Mindesthaltbarkeitsdatum am nächsten Tag abläuft. Aber auch Wurstwaren sowie Drogerieartikel. Sie achte stets darauf, dass die Kühlkette nicht unterbrochen werde, bis die Waren an Hilfsbedürftige übergeben werden. Im Kofferraum des Autos findet sich dafür eine Passiv-Kühlbox bestückt mit Kühlakkus.

Nach wenigen Minuten sind die Lebensmittel eingeladen und es geht zur nächsten Station. Laugenstangen bis Kuchenstücke, die an diesem Tag nicht verkauft wurden, stellt die Bäckerei Loskarn am Troppauplatz zur Verfügung. Neben diesen Produkten gibt es von weiteren Partnerbetrieben des Vereins vor allem Obst, Gemüse, Konserven mit rein mechanischen Schäden oder beispielsweise auch Eierkartons, in denen lediglich ein einzelnes Ei zerbrochen und ausgelaufen, der Rest aber völlig intakt sei.


Anfänge in München

Wie kam Nino Ketschagmadse dazu, sich auf diese Weise sozial zu engagieren? "Ich war erstaunt, dass es fußläufig von meiner damaligen Wohnung im Münchner Westen so viele Obdachlosenheime gab", erzählt die Frau von den Anfängen ihres Projekts. Sie und ihr Mann Oliver Renn hätten im Rahmen ihrer journalistischen Tätigkeit in der Landeshauptstadt mitbekommen, dass die Tafeln in einigen Stadtteilen Münchens an ihre Kapazitätsgrenzen gestoßen sind. Sowohl als Zeichen gegen den "Wegwerfwahn" und vor allem um Bedürftigen zu helfen, rief das Ehepaar im Mai 2014 "Retten und Teilen" ins Leben.

Nun leben sie in Stappenbach, seit Herbst 2015 agiert die Gruppe im Raum Bamberg, seit Sommer 2016 ist "Retten und Teilen" ein eingetragener Verein, die fränkische Sektion als gemeinnützig anerkannt. Im Gegensatz zur Tafel bringt die Gruppe die Lebensmittel stets kostenlos direkt zu den Bedürftigen.

Die großen Ladenketten gäben ihre Waren meist an die Tafel. Ihrem Verein blieben die kleineren Geschäfte, erzählt Ketschagmadse. Doch auch hier gäbe es solche, die ihre Lebensmittel lieber wegwerfen. Manche von ihnen hätten schlechte Erfahrungen mit Hilfsorganisationen gemacht, die für sich selbst die besten Waren heraussammelten, bevor sie den Rest verteilen.

Die Helfer von "Retten und Teilen" geben den Bewohnern Bescheid und reihen die Lebensmittel in gekühlten Styroporkisten am Straßenrand auf. Ketschagmadse grüßt ein Flüchtlingsfrau wie eine gute Bekannte und unterhält sich in einer Fremdsprache mit ihr. Die Kommunikation stellt für die gebürtige Georgierin kaum Probleme dar, da sie ein paar Worte in diversen Fremdsprachen beherrsche. Mit vollen Armen gehen die Bewohner zurück in ihre Wohnungen, manche wechseln noch ein paar Worte mit den Helfern. Dann geht es weiter zu einer Obdachlosenunterkunft.

Die Arbeit "schärft das Auge für die Armut", sagt die Wahl-Bambergerin. Viele Menschen schämen sich, manche seien gar skeptisch, wenn man ihnen das erste Mal gerettete Lebensmittel kostenfrei weitergeben will. Daher achte sie darauf, dass sich die Bedürftigen nicht als Bittsteller degradiert fühlen.

Den ehrenamtlichen Mitstreitern stehe es frei, wem sie die Lebensmittel zukommen lassen - sofern die Menschen in finanzielle Not geraten seien. Wer noch nicht weiß, wer in seinem Umfeld Hilfe gebrauchen könne, der bekomme eine Liste mit Anlaufstellen. Aktuell gäbe es acht aktive Mitstreiter. "Jeder, der Menschen helfen will, monatlich wenigsten zwei, drei Stunden seiner Freizeit aufwenden kann, vorbehaltslos und teamfähig ist und bei der Tätigkeit nicht etwa mit religiösem Eifer herangeht, ist willkommen", sagt Renn.

Neben dem Verteilen von Lebensmitteln veranstalte die Gruppe nach großen Lebensmittelspenden auch Kochabende mit Hilfebedürftigen oder Kinobesuche mit Kindern, die sich diese sonst nicht leisten könnten. Im September gehe es zum Beispiel mit Jugendlichen nach Geiselwind, der Freizeitpark sponsere den Eintritt, sie würden aber noch ein Busunternehmen suchen, das die Fahrt einschließlich Fahrer zum Selbstkostenpreis oder gegen Sachspendenquittung abrechnen könne.

Der Mitgliedsbeitrag des Vereins diene unter anderem für derartige Ausgaben, dennoch wären sie noch immer auf Spenden angewiesen. In einigen Geschäften der Bamberger Innenstadt stünden ebenfalls Spendendosen für den Verein.

Dahinter sitzt Ralf Schubert in seinem Zimmer und stellt den Fernseher leiser, als Ketschagmadse eintritt. Er begrüßt sie freudig. Beim ersten Besuch der Helfer sei er überrascht gewesen, erzählt er. Inzwischen habe man sich daran gewöhnt. Die Stimmung sei gelöst, wenn die Männer und Frauen von "Retten und Teilen" vorbeikommen. Werner, sein Nachbar in der Unterkunft, pflichtet ihm bei. Die meisten Bewohner hätten die Scham für ihre Situation schon vor vielen Jahren abgelegt.

Weitere Informationen zu "Retten und Teilen" finden sich auf www.rettenundteilen.de. Das Spendenkonto des Vereins bei der Skatbank lautet: IBAN DE91830654080004951131, BIC GENODEF1SLR


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