Bamberg
Prozess

Seniorenresidenz Gleusdorf: Bewohner lief der Eiter aus dem Kehlkopf - schockierende Details vor Gericht

Die Hauptbelastungszeugin, eine ehemalige Pflegedienstassistentin, erhebt ungeheuerliche Vorwürfe gegen die Leitung der Seniorenresidenz Gleusdorf. Die ehemalige Pflegedienstassistentin ist eine der wenigen Insider, die Missstände im Seniorenheim offengelegt haben.
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Im "Gleusdorf"-Prozess wirft die Staatsanwaltschaft der Heimleiterin, dem Pflegedienstleiter und einem Arzt gemeinschaftlichen Totschlag durch Unterlassen in einem Fall und versuchten Totschlag durch Unterlassen in zwei Fällen vor. Foto:  Daniel Karmann/dpa
Im "Gleusdorf"-Prozess wirft die Staatsanwaltschaft der Heimleiterin, dem Pflegedienstleiter und einem Arzt gemeinschaftlichen Totschlag durch Unterlassen in einem Fall und versuchten Totschlag durch Unterlassen in zwei Fällen vor. Foto: Daniel Karmann/dpa

Im Prozess gegen die ehemalige Heimleiterin, den Pflegedienstleiter und den Heimarzt der Seniorenresidenz Gleusdorf vor dem Landgericht Bamberg sagte nun eine der Hauptbelastungszeugen aus.

Mehr als vier Stunden berichtete die Frau von Missständen und wie diese den Weg an die Öffentlichkeit gefunden hatten. Sie erzählte auch von den arbeitsgerichtlichen Auseinandersetzungen mit den Angeklagten, nachdem sie angekündigt hatte, nicht mehr mitmachen zu wollen. Inzwischen werde sie sogar offen bedroht.

"Sie wollte die Herrschaft über die Bewohner"

Es sind ungeheuerliche Vorwürfe, die Andrea M. (Name geändert) da erhebt. Die ehemalige Pflegedienstassistentin, die das Haus ab 2002 kannte, ist eine der wenigen Insider, die Missstände im Seniorenheim offengelegt haben. Viele hätten es gewusst, aber nur wenige hätten den Mut gehabt, etwas zu sagen. Wenn die Bewohner zu unruhig gewesen seien, habe die frühere Heimleiterin diese "auch gegen deren Willen" mit blauen Tabletten aus der Hosentasche versorgt. So dass diese ruhiger geworden seien. Außerdem seien Tropfen ins Essen oder in den Kaffee gemischt worden.

Bewohner läuft Eiter aus Kehlkopf - keinen Arzt geholt

An anderer Stelle sei einem Bewohner der Eiter aus dem Kehlkopf gelaufen. Doch einen Arzt habe man nicht geholt. Erst am nächsten Tag habe ein Angehöriger den Mann ins Klinikum gebracht. Ein Bewohner sei bei der Ergotherapie gestürzt. Er sei dann nicht ins Krankenhaus gebracht worden, so dass sein Fuß nun steif sei. Einen gestürzten Senior, der mit dem Kopf auf ein Nachttischkästchen gefallen sei, habe man auch nicht außer Haus gebracht. "Zwei, drei Tage später war er tot." Sobald nicht genügend Fachkräfte vor Ort gewesen seien, habe sie auch deren Arbeit miterledigen müssen.

Zeugin nennt frühere Chefin geldgierig

"Insulin spritzen und Medikamente eingeben, obwohl ich das gar nicht dürfte." Es sind solch selbstbelastende Aussagen, die für die Glaubwürdigkeit Andrea M.s sprechen. Dann schildert sie ihre frühere Chefin als geldgierige Person, die nicht nur den Bewohnern ihr Taschengeld, sondern auch den Mitarbeitern das Trinkgeld der Angehörigen weggenommen hätte. Regelmäßig hätte sie die Tischchen durchsucht und Bares mitgenommen. Zudem sei es darum gegangen, möglichst viele Bewohner in die höchste Pflegestufe zu bekommen, "um Profit zu machen".

Unruhigen Bewohner geschlagen: "Halt die Fresse und schlaf jetzt"

Der spätere Pflegedienstleiter habe, noch als Pflegefachkraft, einen stets unruhigen Bewohner des Nachts mit der Hand ins Gesicht geschlagen und dabei gerufen: "Halt die Fresse und schlaf jetzt!" Diesen und viele andere habe er angeschrien. "Das ging schon früh los." In einem anderen Fall habe er einen Parkinson-Patienten richtiggehend eingeschüchtert, weil der seine Beine nicht angewinkelt hätte.

Mit den weiblichen Mitarbeitern habe der Pflegedienstchef dagegen mindestens vier Affären gehabt. "Es artete so aus, dass er sich sogar in der Dienstbesprechung entschuldigen musste." Es habe aber nur 14 Tage gedauert, dann habe er schon wieder die Nächste gehabt. Sogar von sexuellen Übergriffen war die Rede. Vor der Heimleiterin habe er sich nicht gefürchtet. "Er sagte, er habe sie in der Hand. Wenn er untergehe, nehme er sie mit." Was genau dies bedeute, könne sie allerdings nicht sagen. Andrea M. wusste aber davon zu berichten, dass Einwegspritzen, mit denen flüssige Nahrung über eine Magensonde direkt in den Magen einiger Bewohner gedrückt wurde, immer wieder verwendet worden seien. "Die liefen in der Spülmaschine zwischen den Töpfen mit."

Demgegenüber sprachen zwei andere Zeugen davon, es sei alles in Ordnung gewesen. "Die Anlagevorwürfe stimmen nicht. Da war nichts." Von einer Anweisung, verletzte oder schwer kranke Bewohner nicht ins Krankenhaus bringen zu lassen, hätten sie nie gehört. Von Gewalt gegen Patienten hätten sie nichts erfahren. Mit einer Ausnahme: "Im Flur hörte ich einen lauten Klatsch aus einem Zimmer. Der Bewohner hatte danach eine rote Wange." Es habe aber Aussage gegen Aussage gestanden. Passiert sei der Pflegefachkraft aber nichts. Und dass zu wenig qualifiziertes Personal die Arbeit hätte machen müssen: "Das war schon immer so."

Die Presseberichte des Journalisten Ralf Kestel vom Fränkischen Tag, der nach Informationen Andrea M.s weitere Zeugen aus Gleusdorf auftat, "waren überzogen. Ich war entsetzt über die Vorwürfe." In der Folge hätten Angehörige ihre Verwandten aus dem Heim geholt. "Die Außenwirkung war katastrophal."

"Absprung" nicht geschafft

Whistleblower haben es schwer. Dass von Seiten der ehemaligen Heimleiterin mit harten Bandagen gekämpft wird, macht nicht nur die fristlose Kündigung gegen Andrea M. "wegen fortwährender Störung des Betriebsfriedens" und eines angeblich von ihr an den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) gesendeten Schreibens klar. "Das stammt nicht von mir." Auch eine Anzeige wegen Verleumdung gegen die 50-jährige Frau steht noch im Raum. "Sie schlug mir vor, meine Anzeige fallen zu lassen, dann ziehe sie ihre auch zurück. Und alle hätten ihre Ruhe."

Auf die Frage des Beisitzers Christian Lang, warum sie so lange geschwiegen und die Missstände nicht früher aufgedeckt habe, antwortet Andrea M.: "Ich habe den Absprung nicht geschafft." Ihr sei es um das Wohl der Bewohner gegangen, die sie nicht habe alleine lassen wollen. "Die sind mir ans Herz gewachsen." Sie habe im November 2015 erstmals offen widersprochen, als man von ihr gefordert hätte, eine Pflegedokumentation mit falschen Angaben auszufüllen. "Es hieß dann: mitgefangen, mitgehangen." Immerhin hätte sie lange mitgemacht.

In psychiatrischer Behandlung

Dann sei ihr und zwei ebenfalls nicht so pflegeleichten Kolleginnen plötzlich gekündigt worden. "Sie sehen ja, was uns passiert ist." Inzwischen ist Andrea M. in psychiatrischer Behandlung und fühlt sich von Privatdetektiven verfolgt. Dazu dürfte auch beigetragen haben, dass sie nach eigener Aussage von ihrer früheren Chefin bedroht wurde: "Sie sagte, sie macht mich mürbe und kaputt. Sie wolle mir mein Haus wegnehmen."

Weiterlesen: Der Bericht vom aktuellen Verhandlungstag zum Gleusdorf-Prozess: Sind die Medikamente vertauscht worden?

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