Bamberg
Medienkompetenz

Schüler geben Handys freiwillig ab

Das Benutzen von Mobiltelefonen in Schulen wurde vom Kultusministerium verboten. Das Projekt "Netzgänger" soll unter anderem am Clavius-Gymnasium die Schüler für die Schattenseiten des Mediums sensibilisieren.
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Wer ein Handy über das bloße Telefonieren hinaus benutzt, sollte über den verantwortungsbewussten Umgang mit den Funktionen und Anwendungen des Geräts informiert sein. Foto: Ronald Rinklef
Wer ein Handy über das bloße Telefonieren hinaus benutzt, sollte über den verantwortungsbewussten Umgang mit den Funktionen und Anwendungen des Geräts informiert sein. Foto: Ronald Rinklef
Immer häufiger statten Eltern ihre Kinder bereits bei der Einschulung mit einem Handy aus. Mobiltelefone gehören zum Alltag sehr vieler Kinder und Jugendlichen in Deutschland. Besonders für Jugendliche ist das Handy von zentraler Bedeutung. Wesentlicher Bestandteil der Jugendphase ist die Ausbildung einer eigenen Identität. Nötig dafür ist die Kommunikation und Interaktion mit Gleichaltrigen in der so genannten "peer-group". Heute erfolgt ein Großteil der Kommunikation unter Jugendlichen über das Handy, besonders seitdem die meisten Geräte online-fähig sind.

Schüler lernen von Schülern


Deshalb hat die Universität Bamberg zusammen mit Lehrkräften und medienpädagogisch-informationstechnischen Beratern (MIB) das "Netzgänger-Projekt" entwickelt, um Schülerinnen und Schülern einen verantwortungsbewussten und kompetenten Umgang mit den neuen Medien und dem Internet zu vermitteln.
"Medienkompetenz ist heute neben Lesen, Schreiben und Rechnen die vierte Schlüsselkompetenz", sagt Staatsminister und Leiter der Bayerischen Staatskanzlei, Thomas Kreuzer. "Die Kampagne ,Netzgänger' eröffnet Schülerinnen und Schülern sinnvolle Wege durch den Mediendschungel und zeigt auf, wo Fallstricke liegen.
Der Peer-to-Peer-Ansatz, bei dem Schüler von Schülern lernen, setzt auf den Erfahrungshorizont Gleichaltriger und findet so gute Akzeptanz bei Kindern und Jugendlichen."

Das Bamberger Clavius-Gymnasium macht beim Netzgänger-Projekt mit. Dort sind die "Peers" Schüler der elften Klasse, die im Zuge des Seminars Medienpsychologie geschult werden und ihr Wissen als Tutoren an die Schüler der sechsten Jahrgangsstufe weitergeben. Dadurch, dass die älteren Schüler zusätzlich auf eigene Erfahrungen zurückgreifen können, ist es ihnen möglich, die Inhalte besonders authentisch und wirkungsvoll weiterzugeben, da sie eine größere Vorbildfunktion als Lehrer, Eltern oder andere Autoritätspersonen haben.
Voraussetzung für die Verwirklichung des Netzgänger-Projekts an den Schulen sind neben Internetzugang Räumlichkeiten für die Durchführung und ein bis zwei Lehrkräfte als Ansprechpartner.

Wie Norbert Winkler, stellvertretender Schulleiter des Clavius-Gymnasiums, erläutert, müssen Handys an der Schule nach Vorschrift des Kultusministeriums "während des Unterrichts ausgeschaltet sein". Auch in der Pause dürfen sie nicht benutzt werden. Doch im Krankheitsfall dürfen sie ausnahmsweise angeschaltet werden, um die Eltern anzurufen. Ist das Mobiltelefon doch einmal an, so werden die betreffenden Schüler zunächst aufgefordert, es auszuschalten. Im Wiederholungsfall kann es zu einem Verweis kommen. Extremere Maßnahmen mussten bisher am Clavius-Gymnasium noch nicht ergriffen werden, berichtet Norbert Winkler.

Zu dem Verbot durch das Kultusministerium kam es dadurch, dass Schüler über das Handy beispielsweise "happy slapping"-Videos, bei dem echte oder gestellte Prügeleien gefilmt werden oder illegale Inhalte verschickten. In besonderem Maße technisch versiert muss man dafür nicht sein, da soziale Netzwerke darauf ausgelegt sind, Bilder von mobilen Geräten direkt einzubinden. Die meisten Geräte haben inzwischen die Funktionen kleiner Camcorder. Mit ihnen können nicht nur Filme aufgezeichnet und Fotos geschossen werden, sondern diese direkt über Bluetooth auf andere Handys, Computer oder ins Internet übertragen werden.

Aufklärung zeigt Wirkung


Dafür, dass sich die Zahl der direkt am Austausch illegaler Inhalte Beteiligten seit 2009 laut der Jugend-Information-Multi-media-Studie (JIM-Studie) 2011 halbiert hat, sind neben dem generellen Verbot in Schulen auch Aufklärungskampagnen wie das Netzgänger-Projekt, die inzwischen an vielen Schulen etabliert sind, verantwortlich. Aufklärung ist nach Meinung des stellvertetenden Schulleiters Norbert Winkler die einzige Möglichkeit, den verantwortungsvollen Umgang mit Handys zu erlernen.

Auch laut Realschulordnung sind digitale Speichermedien sowohl im Gebäude als auch im Außenbereich verboten, gibt Marita Rother, Schulleiterin an der Graf-Stauffenberg-Realschule, Auskunft. Bezüglich Handy-Mobbing meint sie, die Zeiten gestellter Bilder seien an ihrer Schule vorbei. Voll des Lobes ist sie über das Verhalten ihrer Schüler, die ihre Telefone vor Klassenarbeiten mittlerweile automatisch beim Lehrer abgeben.
Generell drohen Schülern Sanktionen nur dahingehend, dass das Gerät abgenommen und im Tresor eingeschlossen wird. In der Schule kann es dann von den Eltern abgeholt werden, die in diesem Fall fast immer Zeit dafür finden vorbeizukommen, wie Rother schmunzelnd anmerkt. Generell sieht die Schulleiterin keinen Anlass zu permanenter Aufklärung bezüglich neuer Medien. Bei Bedarf wird Klaus Busch, der Jugendberater der Polizei oder einer seiner Kollegen, zu einem eineinhalbstündigen Vortrag eingeladen. Geschlechtsspezifische Unterschiede sieht Rother keine. Allerdings gehen die Schüler vernünftiger mit dem Handy um, je älter sie werden, meint sie.
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