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Bamberg
Landgericht

"Schockierende Brutalität"

Eine blutige Schlägerei in der Langen Straße in Bamberg stand gestern an Tag sieben des Neonazi-Prozesses im Mittelpunkt. Dabei sollen alle vier Angeklagten aktiv beteiligt gewesen sein - auch Jennifer P.
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Welche Rolle spielte die 39-jährige Jennifer P. bei der "Weissen Wölfe Terrorcrew"? Eine der vielen Fragen im Neonazi-Prozess. Foto: Ronald Rinklef
Welche Rolle spielte die 39-jährige Jennifer P. bei der "Weissen Wölfe Terrorcrew"? Eine der vielen Fragen im Neonazi-Prozess. Foto: Ronald Rinklef

Die 39-jährige Mutter von zwei Söhnen war im bisherigen Prozessverlauf eher als passive Kraft beschrieben worden. Als Ortsvorsitzende der Partei Die Rechte hat sie zwar den Ton angegeben - bei den handfesten Auseinandersetzungen mit den verhassten Linken blieb sie jedoch im Hintergrund.

Nicht so in jener Nacht nach Christi Himmelfahrt 2015 gegen 2 Uhr: Damals hat Jennifer P. (Namen geändert) laut Zeugenaussagen selbst geschlagen und getreten. Besonders beeindruckt schien sie gestern von den Anschuldigungen nicht zu sein: Während der Aussagen kicherte sie in Richtung ihrer "Kameraden", rollte mit den Augen oder flüsterte in Richtung des Mitangeklagten Peter F.: "Ist das ein Trottel."

Der so Betitelte erzählte währenddessen, wie er damals mit seinen Begleitern am Bankautomaten in der Langen Straße erst angepöbelt und dann mit einer Flasche beworfen worden sei. Eine junge Frau wurde dabei am Fuß verletzt. Startschuss für eine Schlägerei, bei der laut Anklageschrift alle vier Mitglieder der "Weisse Wölfe Terrorcrew" Bamberg die drei jungen Männer angegriffen und einen massiv verdroschen haben.

"Das war wahnsinnig aggressiv. Ich war geschockt von dieser Brutalität", berichtete die Zeugin, die sich eine Glasscherbe im Fuß zugezogen hatte. Besonders beängstigend für die Lehrerin: Selbst als eines der Opfer am Boden gelegen habe, hätten die Angreifer weiter auf ihn eingetreten. Alles führte in einen großen Tumult. "Es war ein großer Hexenkessel", berichtete später ein Polizeibeamter. Die Staatsschutzkammer des Landgerichts steht vor der schweren Aufgabe, zu rekonstruieren, wer vor über drei Jahren zugeschlagen hat.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Oliver B. oder Peter F. die Flasche geworfen hatte, um bewusst eine Schlägerei anzuzetteln. Für Oliver B. nicht die erste blutige Auseinandersetzung an diesem Abend, wie bei Verhandlungstag fünf am Dienstag deutlich geworden war. Nach einem Treffen Rechtsradikaler aus Nah und Fern in Bamberg trafen am 15. Mai betrunkene Neonazis auf die drei jungen Diskobesucher, die sie für Mitglieder der Antifa hielten. Was sie offenbar nicht wussten: Zwei davon waren Polizisten, die privat unterwegs waren.

Als die beiden Beamten ihren Beruf preisgaben, kauften die vier Angreifer ihnen das nicht ab. Thorsten P., der mutmaßliche bayerische Sektionsführer der "Weissen Wölfe Terrorcrew", hat laut Anklageschrift jedenfalls nicht lange gefackelt und zugeschlagen. Zuvor hatte er sich extra Handschuhe angezogen. Damit traf er einen der Männer im Gesicht. Nur einer von vielen Schlägen, die in dieser Nacht von ihm verteilt wurden.

Einer der Angegriffenen lief mit dem Handy weg, um die Polizei zu rufen. Das wollte Jennifer P. verhindern: "Sie schrie ihn wütend an, dass er das unterlassen solle. Schließlich versetzte sie ihm mehrere Faustschläge, so dass dieser zu Fall kam", heißt es in der Anklageschrift. "Auch die Angeschuldigten Thorsten P. und Peter F. griffen den am Boden liegenden Geschädigten an und versetzten diesem mehrere Fußtritte." Der sportliche Mann kauerte sich zum Schutz in Embryonalstellung auf dem Boden zusammen.

Schürfwunden, blaue Flecke, Verdacht auf Gehirnerschütterung: "Nach diesem Angriff hatte ich einige Zeit Angst, wenn ich nachts auf die Straße gegangen bin", erzählte das Opfer im Gerichtssaal offen - was Jennifer P. kommentierte, indem sie wieder mit den Augen rollte.

Auf Bildern der Polizei aus der Tatnacht blickte sie mit verheulten Augen in die Kamera. Das lag wohl auch am Pfefferspray, das die Polizei eingesetzt hatte, um ihren Mann abzuhalten, weiter auf den Studenten am Boden einzuschlagen. Laut einem Türsteher habe sie aber schon vorher weinend auf ihren Mann eingeredet, "mit dem Scheiß aufzuhören". Dieser habe jedoch versucht, auch noch die alarmierten und uniformierten Polizisten anzugreifen.

Die Angeklagten selbst hatten am Tag nach dem Gewaltexzess noch in einem Chat gefeixt, wie sie die vermeintlichen Linken verdroschen hatten. "Von allen Seiten kamen die Fäuste, das war so geil." Jennifer P. frohlockte: "Wir sind die SA." Mit der im Chat geäußerten Vermutung, dass "sich der grünweiße Behördenapparat in mein Handy gezeckt hat", lag sie nicht ganz falsch. Wohl aber mit der Einschätzung, was ihre Opfer anging: Denn diese waren wirklich Polizisten. Nach einigen erstaunten Äußerungen schalteten die Angeklagten nach dieser Erkenntnis aber schnell wieder auf Offensive: "Wenn es wirklich Bullen waren, kriegen sie noch mal was auf die Fresse."

Gestern klang das schon kleinlauter, zumindest von Peter F.: Der hatte bereits am ersten Verhandlungstag die Schlägerei als "möglich" eingeräumt und entschuldigte sich gestern bei allen Geschädigten. Thorsten P. hatte die Schläge nach seiner Verhaftung zugegeben, später aber wieder bestritten. Jennifer P. hatte bei der Polizei erklärt, sie habe Schläge abbekommen, und ihr Mann habe sie schützen wollen. Oliver B. hat sich bisher zu keinem Vorwurf geäußert.

Um die Vorwürfe im Zusammenhang mit einem linken Szenetreff soll es am heutigen siebten Verhandlungstag gehen.

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