Bamberg
Auftritt

Satire pur: Pavianschädel auf Power-Point

Nico Semsrott, der Demotivationstrainer: Ein Abend im Bamberger Hegelsaal, der der JU zugutekommt. Wenn das mal keine Satire war.
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Nico Semsrott bei seinem Auftritt im Hegelsaal der Konzerthalle Fotos: Andreas Thamm
Nico Semsrott bei seinem Auftritt im Hegelsaal der Konzerthalle Fotos: Andreas Thamm
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Vor einigen Jahren, es müssen etliche sein, stand ein junger Mann auf der Poetry-Slam-Bühne des Morph Clubs, der anders war. Weil er eine Figur spielte: Bleich und lethargisch, die schwarze Kapuze tief ins Gesicht gezogen, erzählte Nico Semsrott von Depression und Scheitern und der Sinnlosigkeit von allem. Und die Bamberger bogen sich vor Lachen.

Im April 2018 gibt es den Morph Club lang nicht mehr. Und Nico Semsrott kennen Millionen. Weil er zum Team der "Heute-Show" gehört und auch sonst häufiger im Fernsehen zu sehen ist. Weil die Satirepartei Die Partei ihn als Spitzenkandidat für Berlin aufstellte. Den Hegelsaal verkauft er locker
aus.

An der Bühnenfigur hat sich nichts geändert: Schluffig und monoton, schwarzer Kapuzenpullover, Semsrott ist der Demotivationstrainer. In der Vergangenheit habe er oft das Problem gehabt, sagt er, dass er zu oft über die eigenen Witze lachen müsse. Das sei seiner Glaubwürdigkeit als Demotivationstrainer nicht zuträglich. Er habe beschlossen, für jeden Lacher fünf Euro an einen guten Zweck zu spenden. Aber das sei zu motivierend gewesen. "Deshalb spende ich jetzt jedes Mal fünf Euro an die Junge Union."

Und schon sind wir mitten im Thema des ersten Teils: Rechtsruck in Europa. Semsrott hat eine Art Power-Point-Präsentation vorbereitet, die einen auch durchaus erklärten aufklärerischen Gestus hat. Semsrott zufolge lässt sich die Menschheit in zwei Gruppen einteilen: "Die einen glauben an
wiederlegten Quatsch, die anderen an noch nicht wiederlegten Quatsch. Die ersten sind die Fanatiker."


Zielscheibe AfD und CSU

Was Semsrott da macht - Zielscheibe AfD und CSU - ist zwar komisch, ihm aber ein ernstes Anliegen: Er skizziert das Problem der Demokraten im Umgang mit Intoleranz. Rassisten werden in Talkshows eingeladen, schließlich wolle man nicht selbst als Nazi bezeichnet werden. "Wenn ein Kind im Kindergarten mobbt, sagen wir doch auch nicht: Lass da mal drüber diskutieren, vielleicht sollten wir das andere Kind ja auch alle mobben."

In diesem ersten Teil verlässt Semsrott die ironische Distanz zu den Themen, die ihm seine Bühnenfigur früher so radikal ermöglichte. Er bleibt zwar im Depressions-Gestus, aber die Hoffnung auf eine bessere Welt schimmert da so durch. Und in Bayern liefert Lieblingsgegner CSU halt genug Anlässe: "Handgranaten für Polizisten. Stell ich mir total sinnvoll vor, gerade auch bei Verkehrskontrollen ..." Pause. "Ihr lebt doch schon länger hier, erklärt es mir."

Den Quatsch von der Überfremdung, an den vielen Fanatiker glauben, hat er nett mit Pavianschädeln veranschaulicht. Zwei Paviane kommen auf 210 Paviane: "Das ist die Flüchtlingswelle und die ... schwappt dann da so drüber." Wenn die zwei den Rest islamisieren wollten, müssten sie sich aber
ganz schön Mühe geben.

Der zweite Teil, das hat Semsrott klar strukturiert, ist weniger politisch. Da geht es erstmal ziemlich lang um Hochzeiten. Junggesellenabschiede fände er besser, wenn man sie wörtlich nehmen würde: "Keiner kehrt zurück. Das Problem wäre nach einer Generation gelöst."

Semsrott hat auf derartiges keine Lust: Feiern, Sozialleben, Dinge tun. Er sei in der falschen Tierart geboren und teile mehr Hobbys und Interessen mit dem Koala, einem wahnsinnig faulen Tier. Wenn man es bedenke, sei Faulheit zu Unrecht verpönt: "In den meisten Fällen der Menschheitsgeschichte, wäre Nichtstun die bessere Idee gewesen. Wollt ihr den totalen Krieg? - Ne. - Wir auch nicht."


Hübsche Publikumsdynamik

Dazwischen ergibt sich mit Fortdauer des Abends eine hübsche Publikumsdynamik. Semsrott muss nämlich immer lachen, wenn zum Beispiel ein einzelner klatscht oder jemand besonders seltsam kichert. Dann steckt er einen Geldschein von der linken in die rechte Hosentasche, um die Spende an
die JU zu demonstrieren. Der Ausbruch aus der Rolle wird zum herzigsten Teil des Programms.

Zum Abschluss wolle er ein Geständnis ablegen: "Ich bin richtig schlecht im Bett." Das sagen zu können, sei schön, es heiße ja, dass man Sex hatte. Und Sex mit Semsrott sei immer ein Akt der Gnade. "Rechtsruck in Europa, mein Scheitern im Bett. Soll ich den Abend wirklich so enden lassen?" Pause. "Jo."

Er kommt noch ein paar Mal wieder, weil die Bamberger weiter klatschten. Insofern ist der Demotivationstrainer gescheitert. Er sagt trotzdem: "War schön hier. Aber sagt's keinem."
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