Bamberg
Gericht

Sandstraßen-Prozess: War es versuchter Totschlag oder nicht?

Am Montag soll das Urteil im sogenannten Sandstraßenprozess fallen, der wegen diverser Zeugenfestnahmen für großes Medienecho sorgte. Spannend ist vor allem die Frage, wie die Große Strafkammer des Landgerichts die folgenschwere Attacke des Haupttäters Tom Z. bewertet.
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Mit aufwendigen 3-D-Messungen versuchten Beamte von Kripo und Landeskriminalamt im Dezember 2017, das Geschehen am Tatort plastischer zu machen. Foto: News5/Herse
Mit aufwendigen 3-D-Messungen versuchten Beamte von Kripo und Landeskriminalamt im Dezember 2017, das Geschehen am Tatort plastischer zu machen. Foto: News5/Herse

Es war zunächst ein nächtlicher Streit, wie es so viele in der Sandstraße gibt. Betrunkene Kneipengänger pöbeln andere an, ein Wortgefecht entwickelt sich zur kurzen Schlägerei, die an anderer Stelle fortsetzt wird. Doch diese Auseinandersetzung in den frühen Morgenstunden des 31. Juli 2017 wirkt nach. Einer der Geschädigten wird sein Leben lang unter den Folgen leiden, die Ermittlungen gestalteten sich so schwierig wie das anschließende Verfahren vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Bamberg.

Morgen, ziemlich genau vier Monate nach Eröffnung des sogenannten Sandstraßenprozesses und knapp zwei Jahre nach der Tat, soll ein Urteil fallen.

Was wird den Angeklagten vorgeworfen?

Der 30-jährige Andi H. (Namen geändert) soll einen anderen Mann mehrmals geschlagen und auch nach ihm getreten haben. Ihm wird von der Staatsanwaltschaft daher vorsätzliche Körperverletzung in zwei Fällen vorgeworfen. Der 24-jährige Tom Z. hat in jener Nacht den volltrunkenen Christian K. aus vollem Lauf angesprungen oder umgerannt. Laut Anklage hatte er dabei das Knie angezogen, außerdem habe er dem am Boden Liegenden noch auf den Kopf getreten. Z. gibt zwar eine Art "Bodycheck" zu, einen Tritt habe es aber nicht gegeben. Der Geschädigte erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma, die Ärzte kämpften wochenlang um sein Leben.Tom Z. wird versuchter Totschlag und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen.

Wie kam es überhaupt zu der Auseinandersetzung?

Zunächst sollen der 36-jährige K. und sein gleichaltriger Begleiter betrunken auf weibliche Mitglieder der anderen Gruppe zugegangen sein, mehrfach berichteten Zeugen von derben anzüglichen Bemerkungen. H. verpasst K.s Freund daraufhin Schläge. Danach entspannt sich die Situation fürs Erste.

Doch kurz darauf kommt es zur zweiten Begegnung an der Ecke Sandbad. Dort steht das betrunkene Duo, als die andere Gruppe vorbeikommt. Es fällt eine Bemerkung ("Ihr Schwuchteln"), woraufhin H. und Z. losrennen. H. schlägt wieder nach K.s Begleiter, Z. bringt K. folgenschwer zu Fall. Der Mann stürzt ungebremst auf den Asphalt und erleidet schwere Kopfverletzungen.

Warum gestalteten sich die Ermittlungen und die Beweisaufnahme so schwierig?

Obwohl zum Zeitpunkt der Tat viele Menschen in der Sandstraße unterwegs waren, will sich keiner so recht an die entscheidenden Sekunden erinnern. Die meisten Zeugen wollen nichts mitbekommen haben.

Ein Video der Gefängniskamera zeigt aber, dass einige von ihnen sehr nah am Geschehen waren. So wird zunächst H. für den Haupttäter gehalten, er sitzt zehn Wochen in Untersuchungshaft. Erst als auch gegen einige Zeugen wegen des Verdachts der Falschaussage ermittelt wird und H. die Flucht nach vorne antritt, wendet sich das Blatt und Z. wird festgenommen.

Hat Z. nach K. getreten oder nicht?

Das bleibt eine der entscheidenden Fragen. Dieses Detail der Anklage beruht vor allem auf der geänderten Aussage H.s, der sagt, Z. habe K. einen Stampftritt ins Gesicht verpasst. Die Sachverständigen im Prozess konnten keine Trittspuren in K.s Gesicht feststellen. Oberstaatsanwalt Heyder glaubt aber dennoch an einen solchen Tritt. Den könne es auch ohne sichtbare Verletzungen gebegeben haben, außerdem habe man K. aufgrund der lebensbedrohlichen Situation und zahlreicher Verbände nur eingeschränkt begutachten können. Ohne den Tritt könnte der Angriff vielleicht nur als gefährliche Körperverletzung gewertet werden. Das sieht Heyder wiederum anders, schon wer einen Volltrunkenen derart "umtackle", wie es Z. formuliert hat, müsse mit lebensgefährlichen Verletzungen rechnen.

Warum wird gegen so viele Zeugen ermittelt?

Viele der Zeugen sind Freunde und Bekannte des Hauptangeklagten. Weil sie alle zu Z.s Tatbeteiligung geschwiegen haben, geht die Staatsanwaltschaft von Absprachen unter den Zeugen aus. Aufgrund zahlreicher Widersprüche in den Aussagen beim Ermittlungsrichter und im Hauptverfahren und auch nachgewiesener Unwahrheiten wurden insgesamt 15 Ermittlungsverfahren wegen uneidlicher Falschaussage eröffnet, zwei der Zeugen sind bereits rechtskräftig verurteilt.

Für großes Medienecho sorgten im Februar die vorläufige Festnahme von vier Zeugen im Gerichtssaal, darunter auch der aus Kiel stammende Robin F. Dessen Mutter kämpfte für die Freilassung ihres Sohnes und wurde nach einem Interview im Sat.1-Frühstücksfernsehen selbst in den Zeugenstand gerufen - sie machte allerdings von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch.

Welche Strafe droht den Angeklagten?

Vorsätzliche Körperverletzung wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Bei gefährlicher Körperverletzung können laut Strafgesetzbuch Freiheitsstrafen von sechs Monaten bis zu zehn Jahren verhängt werden, in minder schweren Fällen liegt das Strafmaß zwischen drei Monaten und fünf Jahren.

Der Strafrahmen für einen Totschlag beträgt mindestens fünf Jahre bis hin zu einer lebenslänglichen Strafe, beim versuchten Totschlag ist aber von einer deutlichen Minderung dieses Strafmaßes auszugehen. Oberstaatsanwalt Otto Heyder hat für Z. eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren und neun Monaten beantragt, für H. eine Gesamtgeldstrafe von 1800 Euro, die jedoch unter Verwarnung vorbehalten werden könne. Ein Grund für diese milde Forderung ist die bereits zu Unrecht verbüßte U-Haft H.s.

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