Bamberg
Auftritt

Saison-Auftakt der Bamberger Symphoniker: Umjubelter Durchbruch zum Jubel

Wie die Bamberger Symphoniker unter Chefdirigent Jakub Hru  Grad ša und ihr Solist Frank Peter Zimmermann die neue Saison mit Werken von Wagner, Martinu und Brahms eröffnen.
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Auftakt zur neuen Spielzeit in der Sinfonie an der Regnitz: die Bamberger Symphoniker mit ihrem Chefdirigenten Jakub Hru GradšaFoto: Barbara Herbst
Auftakt zur neuen Spielzeit in der Sinfonie an der Regnitz: die Bamberger Symphoniker mit ihrem Chefdirigenten Jakub Hru GradšaFoto: Barbara Herbst

Kann Musik das Grauen des Krieges vertreiben, indem sie dieses Grauen einfach ignoriert? Wer Bohuslav Martinus 2. Violinkonzert aus dem Jahr 1943 beim Saison-Auftakt der Bamberger Symphoniker gehört hat, kommt an dieser Frage eigentlich kaum vorbei.

Denn Martinu schrieb in diesem Violinkonzert eine unerschütterlich fest in der Tradition verankerte Musik, die ebenso weit entfernt klingt von jeder Art von Bekenntnismusik wie generell von den musikgeschichtlichen Erschütterungen jener Zeit. Weit entfernt von der expressiven Wucht, die das 1939 entstandene "Concerto funebre" von Karl Amadeus Hartmann prägt.

Klangliches Raffinement

Das dreisätzig angelegte Konzert Martinus bietet unverkennbar traditionsbewusst eine wirkungsvolle Mixtur aus effekvollem Virtuosenfutter, französischem Klang-Raffinement und unerschütterlichem slawischem Musikantentum - eine Mixtur, die angesichts der Entstehung im vorvorletzten Kriegsjahr durchaus irritieren kann.

Schwelgerisch

Oder ist dieses klangsinnliche Schwelgen, diese scheinbar ungetrübte Freude am Virtuosentum vielleicht doch ein klingendes Statement gegen die Schrecken des Zweiten Weltkrieges? Klingende Erinnerung an die unerreichbar fern gewordene Heimat?

Frank Peter Zimmermann, der vor einem Jahr an gleicher Stelle bereits Martinus 1. Violinkonzert zum Saison-Auftakt spielte, ließ die technischen Herausforderungen des für Mischa Elman geschriebenen Werkes als beinahe beiläufig erscheinen und leuchtete das Stück mit feinem Gespür für Zwischentöne sehr differenziert aus. Die Bamberger Symphoniker unter Jakub Hru  Grad šas Leitung assistierten bei den Solostellen in der Dynamik stets mit präzis dosierter Intensität und entfalteten in den rein orchestralen Passagen fein abgestufte Klangpracht.

Großer Gestaltungsernst

Frank Peter Zimmermann, das bewies dieses Bamberg-Gastspiel erneut, ist ein virtuoser Geiger von großem Gestaltungsernst, dem die Virtuosität nie zum Selbstzweck gerät, der vielmehr immer auf der Suche nach dem Kern der Musik, nach ihrer inneren Wahrheit ist. Klar, dass das begeisterte Publikum in der Bamberger Konzerthalle Zimmermann erst nach einer Zugabe vom Podium ließ - einer Fuge von Bartók, bei der sich Dirigent Jakub Hru  Grad ša als gebannt lauschender Zuhörer ins Orchester setzte.

"Lohengrin"-Ouvertüre

Wie aber fügte sich die Ouvertüre zu Richard Wagners "Lohengrin" ein in das Programm mit der 1. Symphonie von Johannes Brahms als Abschluss? Wer nach einer Brücke zwischen Wagner und Martinu suchte, dürfte lange vergeblich gesucht haben. So blieb diese von Jakub Hru  Grad ša mit klug angelegter Steigerung dirigierte Ouvertüre in dramaturgischer Hinsicht einfach nur die übliche Ouvertüre zum Programmauftakt - freilich delikat klangschön musiziert von den Bamberger Symphonikern.

Voller Erinnerungen

"Erinnerung" steht lapidar über der gesamten Saison der Symphoniker. Das passt als Motto natürlich trefflich auf die 1. Symphonie von Johannes Brahms, die in ihrer Fülle an Verbindungen zur symphonischen Tradition voller Erinnerungen steckt - Erinnerungen beispielsweise an Ludwig van Beethoven, Erinnerungen, die für Brahms Fluch und Segen gleichermaßen waren. Erinnerungen - das meint bei Brahms und seiner 1. Symphonie ganz konkret aber auch Erinnerungen an Themen und Motive, die der Komponist etwa im Kopfsatz sehnsuchtsvoll wieder anklingen lässt. Diese Momente, wenn sich die Musik bei Brahms gewissermaßen an ihren eigenen Verlauf und damit an ihr eigenes Vergehen erinnert, gelangen Hrusa besonders eindringlich - eindringlich gerade deshalb, weil er sich und den Symphonikern ein allzu schwelgerisches Verweilen verweigerte.

Brahms als Klassiker

Längst ist der Klassiker-Nachfolger Brahms selber zum Klassiker geworden - durchaus klassisch vom Ansatz her auch Hru  Grad ša Deutung. Denn Hru  Grad ša achtete stets auf Klarheit der formalen Disposition, ließ die Exposition des Kopfsatzes und reizte die dynamischen Kontraste sehr nachdrücklich aus.

Intensiv gestaltet

Beeindruckend, wie spannungsvoll Hru  Grad ša die Partitur entfaltete, die Brahms mit mancherlei Unterbrechungen in einem Zeitraum von insgesamt 14 Jahren beschäftigte. Beeindruckend auch, wie intensiv, ebenso konzentriert wie klangvoll die Symphoniker die gestalterischen Impulse ihres bei Brahms auswendig dirigierenden Chefs umsetzten.

Symphonischer Erstling

Brahms' symphonischer Erstling birgt ein veritables Final-Problem. Denn im Schlusssatz kann der Durchbruch zum finalen C-Dur-Jubel nur allzu schnell allzu bemüht wirkt. Hru  Grad ša und den Symphonikern aber gelang es, diesen Final-Jubel folgerichtig und unausweichlich klingen zu lassen. Der Lohn: heftiger Beifall.

Explosive vier Minuten

Als angekündigte Zugabe schließlich noch eine Uraufführung als Fortsetzung der Reihe "Encore" - klanglich explosive vier Minuten aus der Feder von Detlev Glanert. Sein Auftragswerk ist eine virtuose Orchesteretüde mit effektvollem Schluss, effektvoll wie John Adams" "Short Ride in a fast Machine". Nochmals heftiger Beifall am Ende eines reichlich mit Applaus garnierten Saison-Auftaktes an der Regnitz.

Bamberger Symphoniker - die Saison 2019/2020 in Stichpunkten

Aufzeichnung Der Bayerische Rundfunk hat das Eröffnungskonzert der Saison 2019/2020 aufgezeichnet. Der Bayerische Rundfunk hat das Eröffnungskonzert der Saison 2019/2020 aufgezeichnet. Der Mitschnitt wird am 30. Oktober ab 20.05 Uhr auf BR Klassik gesendet.

Konzerte in Bamberg

11., 12. Oktober, 20 Uhr - Werke von Joseph Haydn und Anton Bruckner, Dirigent: Herbert Blomstedt

13. Oktober, 17 Uhr - Kammerkonzert mit Solisten der Bamberger Symphoniker, Werke von Jean Francaix, Ludwig van Beethoven, Ludwig Thuille

19. Oktober, 20 Uhr, 20. Oktober, 17 Uhr - werke von Ludwig van Beethoven, Max Bruch und Antonin Dvorák, Vilde Frang (Violine), Dirigent: Jakub Hrusa

Motto Die Saison 2019/2020 der Bamberger Symphoniker steht unter dem Motto "Erinnerung". Das bezieht sich auf manche versteckte oder offensichtliche Erinnerung in den ausgewählten Werken. Besonders deutlich wird dieser Bezug bei Ludwig van Beethoven, an dessen 250. Geburtstag im Jahr 2020 gleich mehrfach erinnert wird.

Portrait-Künstlerin der Saison ist die argentinische Cellistin Sol Gabetta, die gemeinsam mit dem Bamberger Symphonikern Konzerte von Schostakowitsch, Elgar und Weinberg interpretieren wird. Gemeinsam mit Solisten aus den Reihen der Symphoniker wird sie zudem kammermusikalisch zu erleben sein.red

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