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Ruppige rollende Räubertöchter - Roller Derby in Bamberg

Die "Smokey Beerings" betreiben Roller Derby in Bamberg. Bei dem Vollkontaktsport geht es neben dem Wettkampf um Zusammenhalt - und Emanzipation.
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Yvonne Leonhardy (links) versucht am Pack vorbeizukommen. Isabella Reichenbach (rechts) gibt ihren Kolleginnen Anweisungen.  Foto: Ronald Rinklef
Yvonne Leonhardy (links) versucht am Pack vorbeizukommen. Isabella Reichenbach (rechts) gibt ihren Kolleginnen Anweisungen. Foto: Ronald Rinklef
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Klack, klack, klackklackklack. Yvonne Leonhardy nimmt auf ihren Rollschuhen Geschwindigkeit auf. Der Blick unter dem Helm mit dem Sternüberzug ist entschlossen. Auf der Rollschuhbahn im Bamberger Osten versucht die "Jammerin" (englisch "to jam" für "stören") am "Pack" (engl. für "Rudel") vorbeizukommen, das aus vier jungen Bambergerinnen besteht. Sie halten sich eng umschlossen, um Leonhardy möglichst wenig Raum zu lassen. Drei haben ihr den Rücken zugewandt, Isabella Reichenbach sieht die "Jammerin" kommen und ruft scharfe Anweisungen an ihr Rudel: "Eins! Drei! Zwei!" Die Zahlen markieren Positionen, auf denen Leonhardy angreift, gezählt wird von der Innenseite der Bahn aus. Schultern prallen auf Schultern, begleitet von heftigem Atemstößen. Ein ruppiges Gerangel entsteht. Auf Position 2 bricht Leonhardy schließlich durch die Reihe.

"Wenn ich da alleine stehe und sie kommt, weiß ich nicht, was ich machen soll", sagt Julia Brauch. "Du musst die Hüfte rausstrecken und mit dem Jammer nach vorne gehen. Wichtig ist, dass ihr dabei zusammenbleibt", erklärt Isabelle Reichenbach, die sich Ronja Røverdatter nennt, wenn sie das Roller-Derby-Training beim ERSC Bamberg leitet oder als Spielerin an einem Turnier teilnimmt. Den Vollkontaktsport auf Rollschuhen lernte die 24 Jahre alte Studentin bei ihrem Austauschstudium im Jahr 2015 in Norwegen kennen. Daher ihr Kampfname Røverdatter (norwegisch für "Räubertochter"). Die Kampfnamen gehören zum Sport dazu, man muss sie sich aber verdienen: "Um an einem offiziellen Turnier oder Spiel teilnehmen zu können, muss man erst einen Test bestehen. Danach darf man sich einen Namen aussuchen", erklärt Räubertochter Reichenbach.

Der Test

Der Test besteht zum Einen aus einem Theorieteil, bei dem das komplexe Regelwerk abgefragt wird. Weil es beim Derby sehr ruppig zugeht, gibt es auch einen Praxistest. "Man muss sicher für sich selbst und für die anderen fahren können", sagt die Røverdatter. Angehende Roller-Derby-Spielerinnen müssen im Test beweisen, dass sie mit hoher Geschwindigkeit abbremsen, sich drehen und rückwärtsfahren können.

Ganz verletzungsfrei geht es trotz Eignungstest nicht zu. "Das Ruppige muss man mögen, ohne geht's nicht", sagt Christina "Miss Finster" Kneuer, während sie ihre blauen Flecken an Armen und Beinen präsentiert, die in der Szene "Derby Kisses" genannt werden. Bis auf ein paar Schürfwunden habe sie noch keine weiteren Verletzungen erlitten, sagt die 27 Jahre alte Lehramtsstudentin, die ihren Namen von einer Lehrerinnen-Figur aus der Disney-Serie "Die große Pause" (1997) hat. "Die ist gemein, hat ihre Schüler aber eigentlich alle lieb", erklärt Kneuer lächelnd.

Der Ursprung

Kneuer ist über feministische Foren im Internet auf den Roller-Derby-Sport gestoßen. Der hat seinen Ursprung in den USA der 1940er Jahre, war damals aber noch auf Show ausgelegt. Erst bei einem Revival um die Jahrtausendwende wurde ein Wettkampfsport daraus - mit einer emanzipatorischen Grundhaltung: Die meisten Sportarten sind von Männern dominiert, Frauenteams spielen eine Nebenrolle. Beim Roller Derby ist es anders herum.

Bei ihrer Suche nach Gleichgesinnten traf Miss Finster auf die Räubertochter. "Über den Derby-Sport kommt man auf das Thema Feminismus", sagt die Røverdatter. "Durch die Ruppigkeit lernt man, seinen Platz zu stehen, sein Ding durchzuziehen." So sei das Thema Feminismus zwar stets präsent, aber es gehe nicht nur darum: "In Norwegen war es auch einfach eine gute Möglichkeit, Einheimische kennenzulernen", erzählt sie. "Nach dem ersten Training waren die anderen gleich wie Freunde zu mir. Es ist eine offene, coole Community, die mich gleich in ihren Bann gezogen hat." Deshalb wollte sie den Sport nach dem Auslandsstudium unbedingt auch in Bamberg betreiben. So trafen Miss Finster und die Räubertochter aufeinander. Dazu kamen weitere Gleichgesinnte, im Jahr 2016 gründeten sie zusammen die "Smokey Beerings" als Unterabteilung des ERSC Bamberg.

Das Bamberger Team

Auch Teamnamen mit Wortspielen gehören zum Roller Derby. Zwar trinken nicht alle der etwa zehnköpfigen Truppe gerne Rauchbier, "aber es passt einfach zu Bamberg. Außerdem haben wir unsere Bahnen am Anfang mit Bierfilzen abgesteckt", erklärt die Räubertochter.

In der Bamberger Gruppe haben noch nicht genügend Spielerinnen den Eignungstest absolviert, um als eigenes Team an Spielen und Turnieren teilnehmen zu können. Aber auch hierzulande hält die kleine Community zusammen, und so traten zwei der "Smokey Beerings" mit dem Augsburger Team bei der bayerischen Meisterschaft an. "Eigentlich war ich als Zuschauerin da, aber dann war jemand verletzt und ich hab mich überreden lassen", erzählt Reichenbach. Helm, Schoner und Rollschuhe lieh sie sich bei verschiedenen Teams aus, "dass ich das alles vollgeschwitzt habe, hat niemanden gestört. Man hält zusammen."

Derby-Teams laden sich auch gegenseitig in ihre Stadt zu sogenannten "Bootcamps" ein. Man lernt sich kennen, tauscht sich aus, trainiert zusammen. So entstand vor Kurzem auch das bayerisches Reiseteam "Bavarian Battle Beasts". Mit diesem trat Miss Finster gegen Augsburg an. Hierbei erlebte sie auch einen Schreckmoment. Eine Taktik der Jammer ist es, über die Innenseite der Kurve zu hüpfen, um am Pack vorbeizukommen. Miss Finster blockte die Augsburger Jammerin. "Die segelte dann durch die Luft. Als der Sanitäter kam, hab ich schon Angst gehabt, aber es ist nichts Großes passiert", erzählt Kneuer.

Richtig fallen

Wegen solcher Vorfälle lernt man im Derby-Training zuerst das richtige Fallen, nämlich nach vorne auf die Schoner. Zwei Mal wöchentlich trainieren die "Smokey Beerings" auf der Rollbahn des ERSC Bamberg. Dazu gehört neben dem Nachahmen typischer Spielsituationen auch Muskel-, Fahr- und Agilitätstraining sowie Aufwärmen und Dehnen.

Das Bamberger Team hat das feste Ziel, bald auch eine eigene Turniermannschaft zu stellen. Dafür nehmen sie gerne noch weitere Mitglieder auf.

Auf die Frage, welche Eigenschaften für den Sport nötig sind, antwortet die Räubertochter: "Jeder Körper findet bei uns seinen Platz. Kleinere, agilere Frauen werden eher Jammer, breitere Hüften helfen beim Blocken." Die Trainings finden montags (19 Uhr) und mittwochs (20 Uhr) statt. Am 29. Oktober gibt es einen "Fresh Meat Day", also ein offenes Training für Anfängerinnen.

Spielregeln

Roller Derby ist ein Vollkontaktsport auf Rollschuhen, der seinen Ursprung in den 1940er Jahren in den USA hat. Der eigentliche Wettkampfsport entstand um die Jahrtausendwende.

Ein Team besteht aus bis zu 14 Spielern, von denen jeweils fünf am Geschehen teilnehmen. Gespielt wird zwei Mal 30 Minuten. Die Halbzeiten sind in zweiminütige "Jams" unterteilt.

Jammer sammeln Punkte für ihr Team, indem sie gegnerische Spieler überrunden. Jede Mannschaft hat einen.

Blocker haben die Aufgabe, sowohl den eigenen Jammer beim Durchkommen zu unterstützen, als auch den gegnerischen aufzuhalten. Die vier Blocker bilden das Pack. Lead-Jammer wird, wer als erstes das gegnerische Pack überholt. Der Lead-Jammer kann die Jam auch vorzeitig abbrechen. Fouls werden gepfiffen, wenn ein Spieler ein nicht erlaubtes Körperteil wie den Ellenbogen zum drängeln einsetzt. Ein Foul bedeutet eine Zeitstrafe von 30 Sekunden. makl

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