Burgwindheim
Versorgung

Ruf nach Tante-Emma-Laden

Seit es in Burgwindheim nur noch einen Lebensmittelladen gibt, befürchten viele Einwohner, dass sie bald ganz abgeschnitten sind von der (Einkaufs)welt.
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Monika Rückel von der Metzgerei Lamm in Geiselwind steht in ihrem mobilen Verkaufsstand in Burgwindheim. Fotos: Diana Becht-Zwetkov
Monika Rückel von der Metzgerei Lamm in Geiselwind steht in ihrem mobilen Verkaufsstand in Burgwindheim. Fotos: Diana Becht-Zwetkov
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Um halb fünf Uhr am Morgen ist für Monika Rückel die Nacht zu Ende. Zumindest dienstags und samstags. Denn dann fährt sie mit ihrem mobilen Metzgerladen die Dörfer ab, die keinen Metzger mehr am Ort haben. So wie Burgwindheim. Der 1200-Einwohner-Ort ist neu auf der Liste von Monika Rückel. Bis Ende vergangenen Jahres kam der Metzger aus Ebrach, doch auch der hat inzwischen geschlossen. Die 57-Jährige ist die Mutter von Benedikt Rückel, der die heimische Metzgerei Lamm samt Hotel und Geschäft in Geiselwind vor gut zwei Jahren zurückgekauft und übernommen hat.

"Vergangene Woche haben schon 15 Leute gewartet, deshalb fahre ich heute bissel eher los", sagt Monika Rückel und steigt, nachdem sämtliche Ware eingepackt ist, in ihren Kleinbus. Es ist viertel acht Uhr. Als sie eine knappe halbe Stunde später in Burgwindheim ankommt, warten schon fünf Kunden, die froh sind, dass sie wegen ihres Wurst-Wochenend-Einkaufs nicht ins Auto steigen müssen. "Wir haben hier noch einen Laden, da gibt es Brot und Kleinigkeiten, die man so braucht. Aber nur ein wenig abgepackte Wurst und kein Fleisch. Und für den Wocheneinkauf muss man fahren", erzählt ein Einwohner. Er zeigt auf die gegenüberliegende Straßenseite zum Lädchen von Elisabeth Hetzel. Seinen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen, denn die Burgwindheimer in ihrem Dorf mit allem zu versorgen, was so gebraucht wird, ist ein heikles Thema.

"Ich kämpfe hier weiter für einen Laden", sagt Bürgermeister Heinrich Thaler (CSU). Der 49-Jährige hatte sich für einen Einkaufsmarkt in seiner Gemeinde stark gemacht, hat aber schließlich auf den Widerstand zweier Einwohner Rücksicht genommen. Elisabeth Hetzel, die Eigentümerin des letzten noch verbliebenen Lebensmittellädchens, hat keine Angst vor Konkurrenz: "Das bringt aber hier nichts, wenn die Leute woanders oder nicht genug kaufen", sagt sie und erzählt: "Ich wollte mich mal vergrößern, aber Unterstützung von der Gemeinde war Fehlanzeige".

Sie schüttelt mit dem Kopf. Inzwischen will sie keine größere Verkaufsfläche mehr, ihr Sortiment nicht vergrößern. "Ich stehe von früh bis spät selbst hier im Laden. Wenn ich das nicht mit Herzblut machen würde, hätte ich schon längst aufgehört", sagt sie und weiß, dass die Leute im Ort und auch die, die durch fahren, immer etwas brauchen: einen Kaffee, ein bisschen Obst, ein kleines Geschenk für den Nachbarn oder Zucker, Salz oder Brot und Brötchen.


"Es muss sich lohnen"

"Das muss sich ja auch lohnen", findet auch der Kunde, der inzwischen bei Monika Rückert Fleisch und Wurst geordert hat. Doch wer nicht mit dem Auto fahren kann oder will, hat in Burgwindheim bald schlechte Karten. Die nächsten Supermärkte sind elf Kilometer entfernt in Burgebrach.

"Wir würden uns freuen, wenn wir hier alles hätten. Nicht für alles und immer das Auto nehmen müssten. Eben einen kleinen Supermarkt", sagt ein anderer Kunde, der zwei Scheiben Leberkäse und Aufschnitt bei Monika Rückert einpacken lässt. "Warum machen sie denn hier keinen Laden auf?", fragt eine Kundin. "Es scheitert - ehrlich gesagt - im Moment am Personal", erklärt Frau Rückert, "aber erst einmal für drei Tage fest, das wäre bestimmt möglich mit den richtigen Konditionen".

An leer stehenden Läden liegt es in Burgwindheim nicht. "Platz gäbe es, ich helfe natürlich auch bei der Suche nach etwas Passendem", verspricht Bürgermeister Thaler, der ebenfalls sicher ist, dass sein Ort einen weiteren Laden braucht: Die Menschen werden immer älter. Mit dem Auto zu fahren, ist nicht für jeden möglich. Wenn stets jemand gebeten werden muss, den Einkauf zu erledigen, ist das nur eine Not-Variante. Denn ein Laden im Ort, ist mehr, als Einkaufen. Er kann Treffpunkt sein. Das soziale Gefüge stärken. Ein Heimatgefühl vermitteln: "Das ist schon wichtig", ist auch Elisabeth Hetzel überzeugt.

Vor der mobilen Theke von Monika Rückert ist inzwischen ebenfalls eine Diskussion entbrannt über das Pro und Kontra eines Supermarktes in Burgwindheim. Die Männer - die meisten mit einem Einkaufszettel - in der Hand, sehen den Bedarf geteilt: "Der Laden muss sich ja für den, der ihn macht lohnen und wir haben ja hier noch eine Einkaufsmöglichkeit" - und zeigt auf die gegenüberliegende Straßenseite zum Geschäft von Elisabeth Hetzel.

Die Frauen am Stand von Monika Rückel sind sich dagegen einig: "Wir brauchen einen Laden. Dringend", erzählen die Frauen. "Und glauben Sie uns, wenn hier erst mal was aufmacht, wird es auch angenommen", sind sie sicher.


Bürger werden befragt

Bürgermeister Thaler hat derweil schon was im Blick: Die Bio-Supermarkt-Kette Tegut aus Hessen hat diesen Bedarf erkannt und vor sieben Jahren das Projekt "Lädchen" erfunden. "Das ist genau, was wir brauchen", meint Thaler. Das besondere: "Bevor ein Laden aufgemacht wird, wird in einer Bürgerversammlung gefragt, ob die Mehrzahl der Leute ein solches Lädchen möchte. Es wird stets mit der Gemeinde zusammengearbeitet", sagt Barbara Heinrichs, zuständig für die Pressearbeit im Konzern. Außerdem gäbe eine Ecke zum Kaffee trinken, man könne Geld abheben oder Päckchen abgeben.

Mehr als 30 solcher Lädchen gibt es bereits. Überall seien sie sehr gut angenommen worden. Und haben sich inzwischen zu dem entwickelt, was Thaler unbedingt möchte: ein Treffpunkt, ein Ort zum Reden, ein weiterer Puzzlestein in seinem Plan, Burgwindheim weiter zu entwickeln. Das Schloss, die Pfarrkirche St. Jakobus und die Wallfahrtskapelle zum Heiligen Blut sowie das alljährliche Heilig-Blut-Fest, das mehr als 5000 Pilger und Besucher anlockt, machen den Ort schon heute zu einem Geheimtipp. Damit Kultur, Kunst und Tradition erhalten und gelebt werden, soll ein Tante-Emma-Laden her, in dem Einwohner und Touristen vor Ort bekommen, was sie brauchen.

Inzwischen ist es Mittag geworden, Monika Rückel klappt das Vordach ein. Ihre Mission ist für heute in Burgwindheim erfüllt. Sie muss weiter. Ins nächste Dorf ohne Läden.


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