Stegaurach

Rentneralltag: von der Hand in den Mund

Ingrid Scholz bekommt Grundsicherung. Ihre Rente allein reicht nicht zum Leben. Sparen kann sie nicht, aber sie kommt über die Runden. Gerade so. Trotzdem lebt sie nicht schlecht und sagt, sie sei glücklich.
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Foto: Matthias Hoch
Foto: Matthias Hoch
Ob sie arm ist? Ingrid Scholz nickt heftig: "Das kann man laut sagen!" Sie klopft zur Bestätigung auf den Esstisch in ihrem Zwei-Zimmer-Appartement in Stegaurach (Kreis Bamberg). Bilder, Fotos der Enkel und Bücher schaffen eine behagliche Atmosphäre, in die Ingrid Scholz perfekt hineinpasst: Ihr Oberteil hat sie mit einem schwarzroten Tuch aufgepeppt, das Haar akkurat frisiert - sie ist eine adrette Rentnerin. Armut sieht anders aus. Aber da widerspricht sie: "Armut sieht man nicht. Armut passiert im Kopf. Es bedeutet, dass du am Montag schon überlegst, was du am Freitag einkaufen kannst. Es bedeutet, dass du ständig rechnest."

Die 66-Jährige bekommt 687 Euro Rente. Weil das unter dem "soziokulturellen Existenzminimum" liegt, gibt's 94 Euro Grundsicherung obendrauf. Sie gehört zu etwa 844 000 Rentnern und Erwerbsunfähigen in Deutschland, die diese staatliche Unterstützung bekommen. Zu den Menschen, die als "altersarm" bezeichnet werden.
"Es reicht vorn und hinten nicht. Warmmiete 417 Euro. Dann kommen weitere Kosten: Telefon, Versicherungen - fast 100 Euro jeden Monat." Bleiben pro Woche etwa 65 Euro. "Mehr als 20 oder 25 Euro kann ich für Lebensmittel aber nicht ausgeben. Ich brauche ja eine Reserve auf dem Konto. Als Rentner kriegst du keinen Dispo."

Sie erzählt von der Angst, dass die Waschmaschine kaputt geht, davon, dass sie ihren Enkeln zum Geburtstag nur eine Karte schenken kann, davon dass sie so gern mal wieder ins Kino gehen würde und davon, dass sie für die Reha nach einer Hüft-Operation Turnschuhe und Trainingssachen kaufen musste und das Geld nicht mehr für eine neue Jeans reichte. "Ich bin so ein Jeansträger." Weil die Hosen praktisch sind. Und mehrere Jahre halten. "Wenn sie noch passen - die Figur verändert sich halt." Sie lacht. Überhaupt lacht Ingrid Scholz viel. Obwohl sie sich selbst als arm bezeichnet, sagt sie, sie sei glücklich.

Eine Art Nachbarschaftshilfe

"Man muss positiv denken. Ich geh gern spazieren, das kostet nichts. Und ich treffe gern Leute, ich hab meine Nachbarn und fühle mich hier sehr wohl." Deshalb ist ihr die Wohnung die Hälfte ihres knappen Budgets wert. Es klopft an der Balkontür, Ingrid Scholz öffnet. Zuerst erscheint ein Beutel mit Äpfeln, dann ein Arm, ein Nachbar. "Ach, das ist aber nett!" Die Rentnerin strahlt. Sind die jetzt für'n Kuchen?" Der Nachbar erklärt, die Äpfel würden auch so schmecken - und ist schon wieder weg. Ingrid Scholz kehrt an den Tisch zurück, lächelt.

"Ich hab so gute Nachbarn. Im Sommer gab's Tomaten, Gurken, Zucchini. Ich krieg' so viel geschenkt." Sie klopft auf die schwarze Tischplatte. "Der ist von meiner Tochter. Genau wie Bett und Schrank." Und der kleine Flachbildfernseher? "Den habe ich nicht geschenkt bekommen", sagt die Rentnerin voller Stolz. "Den habe ich mir eisern zusammengespart." Für etwas mehr als 100 Euro bestellte ihre Nachbarin das Gerät bei einem Internethändler. Ingrid Scholz selbst hat keinen Internetzugang, aber die Nachbarin ist eine Freundin. "Wir kochen jeden Mittag zusammen."

Reis gibt es oft. "Das ist immer günstig. Oder Kartoffeln: Da kriegst du nen großen Sack für 99 Cent und kannst die ganze Woche von essen." Ingrid Scholz kennt den Preis jedes Produkts in ihrem Kühlschrank. Das ist die Armut, die im Kopf passiert. Hungern müssen deutsche Rentner nicht. Dass die Regierung die Altersarmut bekämpfen will, findet die Stegauracherin gut. Aber nicht das Konzept der Lebensleistungsrente. "Man muss dafür 40 Jahre gearbeitet haben - wer schafft das denn heute? Viele sind doch ab Mitte 40 arbeitslos." Ihr erging es so.

Spielen und Sparen

Ingrid Scholz stammt aus dem thüringischen Saalfeld. Als die Mauer fiel, arbeitete sie in der Maxhütte in Unterwellenborn, einem Stahlwerk, das Anfang der 90er geschlossen wurde. "Es war merkwürdig, sich arbeitslos zu melden. In der DDR gab es das ja nicht. Ich hab' immer gearbeitet. Seit meinem 17. Lebensjahr." Sie war Empfangsdame, putzte, machte in 30 Jahren alles mögliche. Nach Schließung der Maxhütte fand sie keine feste Stelle mehr. Weil ihre Schwester hier lebt, zog sie nach Franken. Sie bekam Arbeitslosenhilfe. "Dann kam die Reform nach diesem Peter Hartz - ", der Rest des Satzes geht in Grummeln unter. Zu ihrem Hartz-Geld verdiente sie sich als Putzfrau etwas dazu und freute sich auf die Rente. Darauf, nicht mehr auf Sozialleistungen angewiesen zu sein. "Der Rentenbescheid war ein Schock. Wie sollte ich davon leben?" Weil das nicht geht, bekommt sie Grundsicherung.

Luxus ist nicht drin - aber davon hängt Ingrid Scholz' Glück nicht ab. Wieder klopft es, diesmal an der Vordertür. Die Nachbarin. Ingrid Scholz erklärt gerade, das Glücklichsein dürfe man nicht verlernen. Auch das ist Kopfsache. Die Nachbarin sagt: "Man kann mit Geld nicht alles kaufen." Einiges aber doch. Wie das Weihnachtsessen, auf das die Frauen sich schon freuen. Zwei bis drei Mal pro Woche spielen sie Rommé um Geld. 20 Cent pro Spiel, ihren Gewinn sammeln beide Frauen fürs Weihnachtsessen in Glasdosen. Ob die Rentnerin weiß, wieviel sie schon gewonnen hat? Sie lacht. Klar, sie rechnet ja immer. "43,20 Euro."

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