Königsfeld
Fundsache

Relikt der Roten Armee in Franken - Kommissar-Abzeichen in der Aufseß

Bei einer Reinigungsaktion in der Aufseß in Königsfeld fand ein Schüler schon vor 50 Jahren das Abzeichen eines Polit-Offiziers der ehemaligen Roten Armee. Wie es dort hingelangte, konnte nie geklärt werden. Inzwischen hat es die Sowjet-Zeiten längst überdauert.
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Joachim Kortner ist längst pensioniert und lebt in Ebermannstadt. Das Souvenir aus Aufseß hält er aber in allen Ehren. Foto: Barbara Herbst
Joachim Kortner ist längst pensioniert und lebt in Ebermannstadt. Das Souvenir aus Aufseß hält er aber in allen Ehren. Foto: Barbara Herbst
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Ein letztes Relikt der Roten Armee hat in der Fränkischen Schweiz alles überdauert: das Ende des Zweiten Weltkrieges, Besatzungszeit und Kalten Krieg, Entspannungspolitik und Wiedervereinigung dessen, was von Deutschland noch übrig war, selbst das Ende der Sowjetunion, für die das Abzeichen doch mehr als nur ein Symbol war. Wie das Kommissar-Abzeichen ausgerechnet in Königsfeld in die Aufseß gelangen konnte, wird vermutlich nicht mehr heraus zu finden sein. Und dass es überhaupt gefunden wurde, ist ein fast noch größerer Zufall.

Rund 50 Jahre ist es hier, dass Joachim Kortner, damals ein junger Lehrer an der Königsfelder Schule, die Kinder zu einer Reinigungsaktion der Aufseß motivieren konnte. Darin hatte sich in der Nachkriegszeit so allerhand angesammelt, wie der FT damals berichtete.
Neben manchen Relikten aus dem Krieg wurden - in alphabetischer Reihenfolge - Autoteile, Brillengestelle, Bücher, Kuhstriegel, Scheibenwischer, Schuhe und gut 20 Schubkarren mit Unrat aus der jungen Aufseß im Gemeindebereich von Königsfeld geborgen. Und eines der Kinder brachte Joachim Kortner ein münzgroßes, verdrecktes Metallstück, mit dem der kriegsunerfahrene junge Pädagoge zunächst wenig anfangen konnte.

Rat wusste dazu erst sein älterer Kollege Erich Arneth im benachbarten Treunitz. "Ich werd verrückt. Wo hast Du das denn her? Das ist ja ein Kommissarabzeichen der sowjetischen Armee", identifizierte der Ostfront- und Gefangenschafts-erfahrene Kollege das inzwischen gesäuberte Metallstück. Und klärte seinen jungen Kollegen darüber auf, dass Träger dieses Abzeichens als ehemaliger Polit-Offizier der Roten Armee seinen Fronteinsatz oder seine Gefangennahme vermutlich nicht lange überlebt hat.

Ohne Urteil hingerichtet

Denn in der nationalsozialistisch missbrauchten deutschen Wehrmacht galt von Juni 1941 bis Kriegsende der berüchtigte "Kommissar-Befehl". Die Polit-Offiziere hatten als Träger der bolschewistischen Weltanschauung auf russisch-sowjetischer Seite ebenso für hohe Kampfmoral zu sorgen wie auf deutscher Seite die SS und deren Sicherheitsdienst. Um also vor allem den kriegsgefangenen Sowjet-Soldaten die Motivation zum Widerstand zu nehmen, wurden die "Kommissare" gleich bei der Gefangennahme "ausgesondert" und meist ohne Urteil hingerichtet - ein Verfahren, das kriegs- und völkerrechtlich in keiner Weise legitimiert war. Denn Kriegsgefangene haben ein Recht auf körperliche Unversehrtheit.

Der Kommissarbefehl - offiziell "Richtlinien für die Behandlung politischer Kommissare" - vom 6. Juni 1941 zählt laut Wikipedia zu den Völkerrechtsverletzungen der deutschen Wehrmacht im Krieg gegen die Sowjetunion während des Zweiten Weltkrieges. Die zunächst nur mündlich gegebenen "Richtlinien" wurden von Generaloberst Alfred Jodl, Chef des Wehrmachtführungsstabes beim Oberkommando der Wehrmacht (OKW) unterzeichnet. Später hieß es allerdings: "Politische Kommissare, die sich keiner feindlichen Handlung schuldig machen oder einer solchen verdächtig sind, werden zunächst unbehelligt bleiben." Erst später sei zu entscheiden, ob diese Personen an die Sonderkommandos abzugeben seien.

Wohl ohne Aufklärung

Diese Überprüfung solle möglichst vom Sonderkommando selbst vorgenommen werden. Polit-Kommissare waren kenntlich an besonderen Abzeichen - roter Stern mit golden eingewebtem Hammer und Sichel auf den Ärmeln. Wie aber gelangte es in Königsfeld in die Aufseß? Denkbar, so Joachim Kortner, dass es ein deutscher Soldat von irgendeinem Kriegsschauplatz mitgeschleppt und hier angesichts der näher kommenden Roten Armee "entsorgt" hat. Die Beteiligten sind wohl längst nicht mehr am Leben, und wenn nicht ein grandioser Zufall mitspielt, wird die Geschichte des Königsfelder Kommissar-Abzeichens wohl unaufgeklärt bleiben.

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