Bamberg

Reisen macht Freu(n)de

Die Aktion "Bamberg inklusiv", eine Initiative der Lebenshilfe, setzt sich gezielt für die Freizeitgestaltung von Menschen mit Behinderung ein.
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Philina und Nina genossen ihren Urlaub in der 37-Einwohner-Metropole Tokyo. Fotos: p
Philina und Nina genossen ihren Urlaub in der 37-Einwohner-Metropole Tokyo. Fotos: p
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Philina besitzt ihn noch immer, den kunterbunten Metro-Plan. Mit seiner Hilfe navigierte sie sich selbst und Nina neun Tage lang durch die 37-Millionen-Einwohner-Metropole Tokyo. Die beiden 27-Jährigen erinnern sich an fast alles: hellleuchtende Reklametafeln an den Fronten der Hochhäuser, riesige Straßenkreuzungen mit 1000 Fußgängern pro Ampelschaltung, die höfliche Stille in überfüllten U-Bahn-Waggons.

Im vergangenen Juli reisten die beiden gemeinsam bis ans andere Ende der Welt, nach Japan. Das Besondere daran: Sie kannten sich vorher nicht. Denn Philina wurde als eine ehrenamtliche Begleitperson ausgewählt, um Nina trotz ihrer leichten geistigen Behinderung die lang ersehnte Reise zu ermöglichen.

Heute Abend trägt Philina einen dicken Schal. Es ist Dezember, die Reise nach Japan ist jetzt eine ganze Jahreszeit her. Nina trägt ein schwarzes Shirt mit weißen Figuren bedruckt, die der japanischen Zeichentrickserie "One Piece" entstammen. Sie versinkt regelmäßig in der Welt der "Anime", wie die Serien auch genannt werden. Schon lange hatte sie davon geträumt, endlich nach Tokyo zu reisen, um die japanische Kultur besser kennenzulernen.

Der runde Tisch, an dem die beiden sitzen, steht in Alena Denglers Büro in der Ohmstraße in Bamberg. Hier befinden sich die Räumlichkeiten der Aktion "Bamberg inklusiv": Die Initiative ist ein Bereich der Lebenshilfe Bamberg, der sich gezielt für die Freizeitgestaltung von Menschen mit Behinderung einsetzt. Alena Dengler und ihr Kollege verstehen sich vor allem als Beratungs- und Vermittlungsstelle. Zu ihnen kommen all jene, die einen individuellen Freizeitwunsch haben und diesen ohne Unterstützung nicht verwirklichen können.

Nina benötigt für "schwierige Dinge", wie sie es formuliert, die Unterstützung ihrer Betreuerin Heide Schechinger. Darunter fallen beispielsweise finanzielle Angelegenheiten oder Behördengänge. Heide Schechinger war es auch, die sich mit Ninas Reisesehnsucht an die Aktion "Bamberg inklusiv" wendete und um Unterstützung bat.

Daraufhin startete Alena Dengler einen Aufruf über den internen Verteiler der ehrenamtlichen Helfer, die sich bei der Lebenshilfe Bamberg engagieren; eine Reisebegleitung wurde gesucht, die sich vor und während der Reise um das Organisatorische kümmerte. Gemeinsam mit Nina erarbeitete sie das Gesuch: Am liebsten sollte es eine weibliche Person gleichen Alters mit möglichst ähnlichen Interessen sein.

Erfüllendes Engagement

"Als ich die E-Mail bekam, meldete ich mich sofort als Freiwillige. Ich liebe Reisen", erzählt Philina, die zu dem Zeitpunkt Psychologiestudentin an der Universität Bamberg war und sich neben dem Studium ehrenamtlich einsetzte. "Nachts zu kellnern hat mich nicht glücklich gemacht. Daraufhin fing ich an, mich bei der Lebenshilfe zu engagieren. Das empfinde ich immer noch als sehr erfüllend."

Nina und Philina trafen sich und merken schnell, dass die Chemie stimmt. Daraufhin begannen sie schon viele Monate im Voraus mit der Reiseplanung. Philina buchte Flüge und organisierte Eintrittskarten zu Attraktionen wie dem One-Piece-Tower, der eine Art Indoor-Freizeitpark im Thema der gleichnamigen Serie beherbergt.

Ein halbes Jahr später war es so weit: Der Flug ging von Nürnberg über Abu Dhabi nach Tokyo. Ein erster Kulturschock erfolgte gleich am Abend des Ankunftstages im Hotel: Wie funktioniert eigentlich die Spülung einer japanischen Toilette? Nina und Philina drückten jeden der 20 Knöpfe auf der Armatur der Toilette. Bei einem ertönte Musik, bei anderen ließ sich die Beheizung der Brille in verschiedenen Stufen einstellen. Sie kamen nicht weiter und baten letztendlich an der Hotelrezeption um Hilfe.

Weil sie so viel wie möglich sehen wollten, schoben sie sich an manchen Tagen 14 Stunden lang durch die Menschenmassen auf den Straßen der Riesenmetropole. "An langen, stressigen Tagen haben wir uns gegen Ende ab und zu gezickt. Daran habe ich gemerkt, dass wir uns sehr gut verstehen. Sonst hätten wir uns das gar nicht erlaubt", sagt Philina.

Intensive Gespräche

Durch die viele Zeit, die sie zu zweit verbrachten, ergaben sich lange und intensive Gespräche, manchmal über ihre Beziehungen, manchmal über Zukunftspläne. Seit ihrer Rückkehr treffen sich Nina und Philina immer noch ab und zu wieder und halten über WhatsApp Kontakt.

Nina ist die erste Person, der die Aktion "Bamberg inklusiv" mit Beratung und Vermittlung eine Reise in Begleitung ermöglichte. "Sollten weitere Anfragen kommen, werden wir diese ebenfalls gerne unterstützen", sagt Alena Dengler. Ziel sei es, individuelles Reisen für behinderte Personen in Zukunft verstärkt möglich zu machen.

Menschen mit Behinderung möchte Nina dazu ermutigen, selbstständiger zu sein und sich mehr zuzutrauen. Auch das jeweilige Umfeld ruft sie dazu auf, die Fähigkeiten dieser Menschen zu erkennen und zu fördern. Sich zu verstecken sei der falsche Weg - sie selbst zumindest möchte weiterhin neue Kulturen entdecken, Freunde finden, neugierig auf die Welt sein.

Für Philina bedeutet das Engagement als ehrenamtliche Freizeitbetreuung, gemeinsamen Hobbys nachzugehen und Freundschaften zu schließen. In den letzten Jahren hat sie auf diese Weise Zoobesuche organisiert, sich regelmäßig zum Schwimmen getroffen oder gemeinsam gebastelt und gemalt. Durch die Reise mit Nina sei eine wunderbare Freundschaft entstanden, erzählt sie, welche ohne Ehrenamt trotz vieler Gemeinsamkeiten unrealistisch gewesen wäre.

Kontakt

Möchten auch Sie sich ehrenamtlich bei der Lebenshilfe Bamberg engagieren?

Informieren Sie sich im Internet auf der Website unter www.lebenshilfe-bamberg.de/freizeit oder schreiben Sie eine E-Mail an oba@lebenshilfe-bamberg.de oder alena.dengler@lebenshilfe-bamberg.de.

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