Bamberg

Radfahren: Was macht Bocholt besser als Bamberg?

Die Stadt im Münsterland landet beim Radtest regelmäßig auf Platz 1. Was Bamberg lernen kann. Außerdem ein Gastbeitrag aus Erlangen, der bestbewerteten Stadt in Franken.
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Breite Fahrradstraßen, die die Stadtviertel gut mit der Innenstadt verbinden: Die Bocholter Radler bewerten ihre Stadt deutlich besser als die Bamberger. Foto: Stadt Bocholt
Breite Fahrradstraßen, die die Stadtviertel gut mit der Innenstadt verbinden: Die Bocholter Radler bewerten ihre Stadt deutlich besser als die Bamberger. Foto: Stadt Bocholt

Mit dem Rad den Kaulberg hinunter bin ich kürzlich fast von einem ausparkenden Auto übersehen worden, zum Glück war ich recht langsam unterwegs. Wenig später eine unübersichtliche Situation aus rollenden Autos aus drei Richtungen, Radlern und Fußgängern dann auch an der Schranne. Und dann noch mal an der Brudermühle.

Fahrradfahren in der Stadt - eher "Spaß oder Stress?" Diese Frage beantworteten Bamberger beim Fahrradklima-Tests 2018 des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) deutlich negativer (Note 3,5) als die Teilnehmer aus Bocholt (1,9). Die 72 000-Einwohner-Stadt im Münsterland gilt als Vorzeigebeispiel für den Radverkehr und erreichte in derselben Größenklasse wie Bamberg erneut Platz 1. Woran liegt das?

Gutes Sicherheitsgefühl

"Die Stadt bemüht sich", bescheinigt Hans-Jürgen Droste vom ADFC Bocholt: Es gibt viele Fahrradstraßen und breite Radwege, die alle Stadtteile gut mit der Innenstadt verbinden, oft separiert vom Autoverkehr. Zudem wird die Anschaffung eines Lastenrads von städtischer Seite bezuschusst. Auch Stadtbaurat Daniel Zöhler spricht von einer guten Zusammenarbeit: "Wir beteiligen den ADFC selbstverständlich. Er gibt uns sozusagen die Aufgaben vor, wünscht sich vor allem mehr Sicherheit." Das schlägt auch beim Radtest zu Buche: Das Sicherheitsgefühl benoteten die Bocholter mit 2,2. Die Bamberger mit 4,1.

"Wir denken den Radverkehr seit etwa 30 Jahren bei unseren Maßnahmen immer von Anfang an mit", sagt Zöhler. "Wir planen beispielsweise nicht einfach eine Kreuzung und schauen dann, wie wir die Radfahrer unterkriegen." Erst im vergangenen Jahr habe man etwa eine separate Brücke für Radfahrer und Fußgänger in einem Industriegebiet errichtet - und dafür viel Geld in die Hand genommen. Allerdings erleichtere die flache Topographie der Stadt entsprechende Bauten, schätzt der Stadtbaurat, der das hügelige Bamberg kennt.

Zwar sei es auch in Bocholt manchmal schwer, die nötigen Mittel für Verbesserungswünsche des ADFC zu bekommen, "aber wir sind schon sehr fahrradfreundlich und haben deswegen wenig aufzuholen." Dass Bocholt gut dasteht, "verdanken wir aber auch der Nähe zur holländischen Grenze", schätzt Droste vom ADFC. "Da wird Deutschland nie rankommen." Das sieht auch Elke Pappenscheller von der Bamberger ADFC-Ortsgruppe ähnlich. Zwar gebe es einen regelmäßigen, guten Austausch mit den Fahrradclubs anderer deutscher Städte, bei denen man auch viele gute Ideen aufgreife "aber die großen Vorbilder bleiben Dänemark und die Niederlande". Dort seien die Radwege laut Pappenscheller zum einen deutlich breiter, "und das liegt auch daran, dass dem Autoverkehr Platz weggenommen wurde". Zum anderen seien die Radwege nicht nur vom Autoverkehr, sondern auch häufig von Fußgängerwegen separiert, "während bei uns oft Radfahrer und Fußgänger gegeneinander ausgespielt werden".

Autofreie Innenstadt? "Nette Träumerei"

Auch Droste vom ADFC Bocholt sieht beim Blick über die holländische Grenze noch viel Verbesserungsbedarf in seiner Münsterländer Vorzeigestadt. Er wünscht sich etwa ein "Knotenpunktsystem" nach holländischem Vorbild, also eine durchdachte, übersichtliche Beschilderung zur Orientierung für Radtouren. "Außerdem sollte der Autoverkehr in der Innenstadt deutlich reduziert werden." Auch einige Bamberg plädieren dafür, Autos möglichst aus der Innenstadt fernzuhalten.

Den Gedanken eines autofreien Stadtzentrums hält der Bocholter Stadtbaurat Zöhler jedoch nur für "eine nette Träumerei". Man könne versuchen, dem Radverkehr in der Innenstadt mehr Raum zu geben, "aber autofrei funktioniert nicht, die Leute müssen zu ihrer Wohnung und zu den Geschäften kommen", meint er. Wichtig sei aber, dass es keinen Durchgangsverkehr im Zentrum gebe: "Wir haben deshalb einen großen Ring um die Innenstadt gebaut."

Gastbeitrag von Michael Zell (ADFC Erlangen): "Erlangen wird gutem Ruf nicht mehr gerecht"

In Erlangen wurde bereits in den 70er- und 80er-Jahren mit dem Bau von Radverkehrsanlagen und der konsequenten Förderung des Radverkehrs begonnen. Doch nach zwei Jahrzehnten Beinahe-Stillstand hat Erlangen viel vom guten Ruf als Fahrradstadt eingebüßt. Die Radwege sind "in die Jahre gekommen", die Infrastruktur genügt den heutigen Anforderungen vielfach nicht mehr und wird neuen Radmodellen sowie dem gestiegenen Radverkehrsanteil nicht mehr gerecht. 28 Prozent der Wege werden mit dem Rad zurückgelegt. In Relation dazu ereignen sich überdurchschnittlich viele Radunfälle. 2018 sind die Unfallzahlen leider erneut gestiegen.

Um die Sicherheit zu steigern, hat der ADFC Erlangen zusammen mit der Stadt und einem auf Radverkehr spezialisierten Ingenieurbüro Leitlinien für die einheitliche Gestaltung von Fahrradstraßen entwickelt. Ziel ist ein sicheres und durchgängiges Netz. Doch sowohl die Anwendung der Leitlinien auf die vorhandenen Wege, als auch die Ausweisung neuer Radstraßen stehen weiterhin aus. Erlangen ist zudem stark durch Pendlerverkehr belastet. Der ADFC möchte das Fahrrad deshalb auch für mittlere und längere Distanzen attraktiver machen, um eine Alternative zum Auto zu schaffen. Dafür haben wir gemeinsam mit dem ADFC Nürnberg und Fürth ein Konzept für Radschnellwege im Großraum Nürnberg entwickelt. Nicht zuletzt unserem Einsatz ist es zu verdanken, dass der Landkreis Erlangen-Höchstadt im Jahr 2019 als vorläufiges Mitglied in die "Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundliche Kommunen in Bayern" aufgenommen worden ist.

Seit vielen Jahren setzen wir uns zudem für ein Fahrradparkhaus am Bahnhof ein, um Bahn und Rad besser zu verknüpfen und dem Abstell-Chaos Herr zu werden. Leider ist der Bau derzeit nicht in Sicht. Die Stadtverwaltung ist stets bemüht, den ADFC in ihre Planungen einzubeziehen. Trotzdem schreiten Modernisierung und Ausbau des Radroutennetzes leider nur sehr langsam voran. Wichtige Baumaßnahmen werden verschoben oder nicht umgesetzt, da Radverkehrsplaner in der Verwaltung fehlen oder keine Baufirmen gefunden werden, die die Planungen umsetzen. Nicht immer liegt die Zuständigkeit bei der Stadt. Für Staatsstraßen ist zum Beispiel das staatliche Bauamt verantwortlich, für das der Radverkehr nur eine untergeordnete Rolle einnimmt.

Seit der letzten Wahlperiode ist der Radverkehr stärker in den Fokus der Politik gerückt. Wir vermissen allerdings weiterhin den geeinten politischen Willen, sich für eine kinder- und seniorengerechte Radinfrastruktur und für mehr Sicherheit im Verkehr einzusetzen. Deswegen hat sich der ADFC Erlangen den "Radentscheid Bamberg" als Vorbild genommen, um zusammen mit anderen engagierten Bürgern auch in Erlangen eine "Verkehrswende von unten" anzustoßen. Wir wollen erreichen, dass die Stadt mehr für Sicherheit und Förderung des Radverkehrs unternimmt, damit Erlangen seinem Ruf als Fahrradstadt wieder gerecht wird.

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