Bamberg
Amtsgericht

Rachefeldzug bringt Haftstrafen ein

Zu viert waren die Angeklagten über einen 28-Jährigen hergefallen. Drei von ihnen müssen nun für bis zu drei Jahre ins Gefängnis.
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Schläge und Tritte verpassten die vier Angeklagten einem 28-Jährigen. Dafür wurden sich nun vom Schöffengericht verurteilt.Symbolfoto: Christopher Schulz
Schläge und Tritte verpassten die vier Angeklagten einem 28-Jährigen. Dafür wurden sich nun vom Schöffengericht verurteilt.Symbolfoto: Christopher Schulz
Ganze zwölf Stunden verhandelte das Schöffengericht am Amtsgericht wegen Nötigung, Bedrohung und gefährlicher und vorsätzlicher Körperverletzung gegen vier Angeklagte aus Bamberg. Am Ende des Mammutprozesses, in dem bisweilen die Nerven blank lagen, kam nur einer aus dem deutschen Familienclan mit einer Bewährungsstrafe davon. Er hatte als einziger nicht zugeschlagen, wurde aber wegen Beihilfe belangt.

Es ist am frühen Abend im Januar dieses Jahres. Der 28-jährige Gregor F. (Name geändert) hat sich betrunken etwas hingelegt. Als er kurze Zeit später aufschreckt, hat er bereits den ersten Schlag im Gesicht. Es folgen weitere, bis er aus dem Bett rollt. Am Boden des Schlafzimmers kommen Tritte hinzu. "Es ging batsch batsch," so einer der Angeklagten. Mehrere Minuten dauert die in einem Chat vorher so beworbene "Party". An Gegenwehr ist bei drei Angreifern nicht zu denken. "Ich hatte Angst um mein Leben." Ein Vierter hält die Ehefrau zurück, die dazwischengehen will.


Aggressiv gegen die Ehefrau

Erst später wird Gregor F. erfahren, warum das Quartett, ein Vater (59), dessen Sohn (33), ein Schwiegersohn (31) und ein Freund der Familie (31) sich seiner so ausdauernd annahm. Obwohl man nur miteinander bekannt ist. Es gehe einfach nicht, so der älteste Angeklagte, "dass einer die Weiber schlägt". Und die Ehefrau des Schwiegersohnes beleidige.

Von einem "Rachefeldzug" und "Selbstjustiz" sprach denn auch Staatsanwalt Thomas Heer, der dafür naturgemäß kein Verständnis aufbrachte. Hintergrund war offenbar die langjährige Drogensucht Gregor F.s, der durch Alkohol und Crystal Meth schon mehrfach aggressiv gegen seine Ehefrau geworden war und ihr zuletzt das Nasenbein gebrochen hatte.


Zigarette ins Auge

Die 25-jährige Frau hatte, weil sie einen der Angeklagten kannte, den vier Haudraufs nichtsahnend die Wohnungstür geöffnet, war dann aber selbst verletzt worden (vorsätzliche Körperverletzung). In einer Pause während der gemeinsamen Verprügelungsaktion (gefährliche Körperverletzung) raucht der Vater eine Zigarette, wobei er droht, diese dem am Boden liegenden Gregor F. ins Auge auszudrücken (Bedrohung). Erst als sich Gregor F. in die Hose macht und das für Belustigung bei den Angreifern führt, hören sie auf. Als das Quartett etwa eine Viertelstunde später wieder abzieht, droht man den Opfern, sie sollten die Polizei aus dem Spiel lassen, sonst käme man noch einmal wieder (Nötigung).


Liste an Vorstrafen

Die Einschüchterung nahm das Paar so ernst, dass es sich erst eine Woche nach dem Überfall traute, Anzeige zu erstatten, und inzwischen an einen anderen Ort umgezogen ist. Wenn man die Liste der Vorstrafen ansieht - nur der Schwiegersohn hat noch nichts auf dem Kerbholz - dürfte das wohl keine schlechte Idee gewesen sein. Da gibt es fahrlässige Brandstiftung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, Beleidigung, Bedrohung, Sachbeschädigung, vorsätzliche Körperverletzung, Betrug, verschiedene Spielarten des Diebstahls, sowie Drogendelikte. Die mehrfachen Verurteilungen wegen Volksverhetzung, Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz und Verwendens von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen deuten auf einen rechtsradikalen Hintergrund und eine Zugehörigkeit zur gewaltbereiten Hooligan-Szene der Täter hin, wie ein 47-jähriger Beamter der Kriminalpolizei Bamberg bestätigte.

Die Schilderung, der Schlägertrupp hätte Springerstiefel und Quarzhandschuhe getragen, verwies Rechtsanwalt Dieter Widmann (Bamberg) ins Reich der Legende. "Wenn man die geschilderte Anzahl an Tritten glaubt, dann wäre der Schädel längst Brei und Gregor F. tot gewesen." Dafür sprachen auch die relativ geringen Verletzungen, die sich als Blutergüsse, Schürfwunden, abgebrochener Zahn und geringer Blutfluss aus dem Ohr zeigten. Dies könne aber auch darauf zurückzuführen sein, so der Nebenklägeranwalt Thomas Drehsen (Bamberg), dass Gregor F. einfach Glück gehabt und einige Schläge und Tritte nicht richtig getroffen oder abgewehrt hatten werden können.


"Eklatante Widersprüche"

Wie seine Kollegin Mareen Basler (Bamberg) für den Freund der Familie forderte Rechtsanwalt Stefan Böhmer (Erlangen) für seinen Mandanten einen Freispruch, weil er "eklatante Widersprüche" in den Aussagen des Paares ausgemacht hatte. "Die gesamte Chose ist nicht aufgeklärt."

Die Behauptung, die vier Männer seien nur zu Gregor F. gefahren, "um mit ihm zu reden", glaubten Richterin Marion Aman und ihre Schöffen keine Sekunde. "Sie waren nicht Manns genug, alleine mit ihm zu sprechen. Stattdessen sind sie zu viert hingefahren, um ihm eine Abreibung zu verpassen." Der Vater muss für zwei Jahre und drei Monate ins Gefängnis; der Sohn gar für drei Jahre, der Freund der Familie bekam zwei Jahre und einen Monat; nur der Schwiegersohn bleibt mit einem Jahr und einem Monat auf Bewährung vorerst auf freiem Fuß. In der nächsten sechs Monaten muss der junge Familienvater aber erst einmal 200 Stunden gemeinnütziger Arbeit ableisten.

Von einer "verkehrten Welt" sprach Richterin Aman, weil der Sohn behauptet hatte, er wäre von Gregor F. in dessen eigenem Schlafzimmer zuerst geschlagen worden und hätte sich in der Folge "nur gewehrt". Sogar eine Strafanzeige hatte er gegen Gregor F. gestellt.


Wiedersehen am Landgericht

Den Hauptangeklagten wird man ab Oktober am Landgericht Bamberg wiedersehen. Er wird mit anderen zusammen beschuldigt, der verbotenen, kriminellen Vereinigung "Weiße Wölfe Terrorcrew" angehört zu haben. Zusammen sollen sie versucht haben, an 16 Kilogramm Sprengmaterial für Kugelbomben zu kommen, um Bombenanschläge auf Asylbewerberunterkünfte und politische Gegner im Raum Bamberg verüben zu können. Bis dahin wird der Rechtsextreme weiter hinter Gittern sitzen. Denn den Überfall hat er unter laufender Bewährung verübt. Zudem ist gerade ein weiteres Verfahren in der Berufung, das ihn ein Jahr und zehn Monate aus dem Verkehr ziehen könnte.
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