Bamberg
Lesung

Plädoyer für eine Sprache der Offenheit

Aus seinem Buch "Wer wir sein könnten" und dem Nähkästchen erzählte der Bundesvorsitzende der Grünen, Robert Habeck, im Hegelsaal.
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Robert Habeck im Hegelsaal Foto: Helmut Ölschlegel
Robert Habeck im Hegelsaal Foto: Helmut Ölschlegel

Aus seinem Buch "Wer wir sein könnten" und dem Nähkästchen erzählte der Bundesvorsitzende der Grünen, der als möglicher nächster Bundeskanzler gehandelt wird, und aktuelle "Liebling" der deutschen Politik, Robert Habeck, bei seiner Lesung im gut zur Hälfte gefüllten Hegelsaal. Der promovierte Philosoph traf auf ein geneigtes Publikum, das nicht nur bereit war, knapp 20 Euro für einen eher akademischen, nicht gerade mitreißenden Vortrag zu berappen, sondern bei seinen eingestreuten Pointen aus seinem politischen Leben auch freundlich zu "apportieren". Vielleicht war ja die mangelnde Verve des sympathisch rüberkommenden Politikers dem gerade erst zu Ende gegangenen, kräftezehrenden Parteitag der Grünen geschuldet.

Zu seinen Visionen gehöre es, dass, "Wachstum kein Selbstzweck" sein dürfe und "materieller Besitz" nicht zur Voraussetzung für persönliche Lebenszufriedenheit verkommen dürfe. Eine ziemlich steile These angesichts des stolzen Eintrittspreises, mit dem sich Robert Habeck neben dem Verkauf seines Büchleins ein hübsches Taschengeld verdiente. Das er aber "versteuert", wie er glaubhaft versicherte. Im Gegensatz zur Praxis in den sozialen Medien. Dort werde durch "das Brennglas Sprache" nicht nur Hass und Angst verbreitet. Man sei auch nicht an einer demokratischen Diskurs interessiert, sondern dort sei Sprache ein "Geschäftsmodell, mit dem Milliardengewinne" gescheffelt würden - meist unversteuert.

Gegen Ausgrenzung

Er, Habeck, hingegen plädierte dafür, mit Sprache nicht auszugrenzen, wie es rechte Parteien mit Sprachbildern wie "Asyltourismus", "das Boot ist voll" oder "Flüchtlingsflut" täten, sondern strebe einen "offenen, demokratischen Diskurs" an, dem alle teilnehmen könnten und sollten. Ob der Buchautor und Grünen-Politiker damit auch Andersdenkende rechts von der Mitte meint, blieb unerwähnt.

Für das schmale Büchlein mit 126 Seiten, im platzsparenden Din-A-5-Format geschriebenen, habe er "wenig Zeit" gehabt. Entstanden sei das Werk, während er im letzten Jahr zur Zeit der Landtagswahl durch Bayern reiste. Die Anwesenden bewiesen indes Geduld beim Anhören der im norddeutschen Schnellsprech und stellenweise leicht vernuschelt vorgetragenen Passagen des gut eineinhalbstündigen Vortrags.

Habecks Kernthesen wie "Wie wir sprechen, entscheidet, wer wir sind" oder: "Sprache erzeugt Wirklichkeit. Sprache bildet nicht nur die Gesellschaft ab, sondern bildet selbst" sind natürlich auf den politischen Gegner, und da vor allem die AFD, gemünzt - und bei Kritikern, die argumentieren, dass die beklagte Spaltung der Gesellschaft erst die beschriebenen Missstände herbeigeführt hätten, nicht unumstritten.

"Für Wachstum braucht man qualifizierte Kriterien" lautete eine weitere These. Welche, verriet Habeck allerdings nicht. Überhaupt bewegten sich weite Teile des Vortrags im Nebulösen. Konkrete Ansätze blieben Mangelware, vielleicht auch der Tatsache geschuldet, dass der Zuhörer nicht so recht einordnen konnte, welcher Art Veranstaltung er eigentlich beiwohnte: War das nun der Vortrag eines Autors und Privatunternehmers oder der eines Wahlkämpfers, der seinen Hut in den Ring wirft? Bekanntlich befinden sich die Grünen aktuell im Umfragehoch.

Wie er zur Politik kam

In lässiger, hemdsärmeliger Pose peppte der Grünen-Vorsitzende seinen Vortrag mit persönlichen Anekdoten auf. Etwa, wie er zur Politik kam. Dies geschah im Jahre 2001 und war banaler, als man gemeinhin denkt. Wurde er doch nach einer telefonischen Anmeldung zu einer Kreisversammlung bei seinem ersten Besuch gleich zum Vorsitzenden gewählt. Mangels Alternativen. Ähnlich verhielt es sich bei seinem Einstieg in die große Politik, als in seiner Heimat Schleswig-Holstein außer Heidi Simons noch Not und Elend herrschte und man "froh war, jemanden gefunden zu haben, der es macht". Oder die berüchtigten "Jamaica-Verhandlungen" 2017. Ihm seien die schleppenden Gespräche vorgekommen wie das legendäre Ballgeschiebe beim 0:0 bei der WM 1982 zwischen Deutschland und Österreich ("Schande von Gijon", Anm.des Verfassers).

Aus dem Publikum nach seinen "starken Visionen" befragt, meinte Habeck, dass es sein Hauptanliegen sei, die "Klimakrise", die eine "Kulturkrise" sei, zu bewältigen. Nur so sei der liberale Rechtsstaat angesichts der durch die Klimaerwärmung ausgelösten Migration zu erhalten. Dabei komme der Sprache eine besondere Rolle zu. Sprache müsse "optimistisch sein und offen" und dürfe durch negative Bilder keine Ausgrenzung und Hass erzeugen. Dabei sei vor allem der Humor ein Indikator für den Zustand einer Gesellschaft. Fundamentalisten beispielsweise "vertragen keine Ironie", was durch die Terroranschläge auf eine französische Satirezeitschrift vor einigen Jahren brutalstmöglich deutlich geworden sei. Die eingangs und in dem Buchtitel gestellte Frage "Wer wir sein könnten" blieb leider unbeantwortet.

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