Erneut haben am Dienstag Gewerkschaft und Beschäftigte mit einer Protestaktion auf den Personalmangel in der Pflege aufmerksam gemacht: Im Eingangsbereich des Klinikums Bamberg legten sich um 11.30 Uhr Pflegekräfte vor den Augen von Patienten und Kollegen symbolisch auf den Boden. Personalrätin Lissy Nagengast, die die Verdi-Kampagne organisiert hat, macht auf die zentralen Punkte aufmerksam: "Wir fordern bessere Rahmenbedingungen durch mehr Personal, eine gesetzlich geregelte Mindestbesetzung in der Pflege und in anderen Bereichen."


Klarer Kopf für Patienten fehlt

Denn der krank machende Druck im Pflegebereich ist hoch. Das wird aus den Schilderungen der Klinikbeschäftigten deutlich. "Ich arbeite zum Teil 17 Tage am Stück in mehreren Schichten, habe dann einen Tag frei", erzählt eine weibliche Pflegekraft, die anonym bleiben will. Sie sei zwar noch jung. Doch habe die Belastung alarmierende Auswirkungen: "Man kann die Verantwortung für die Patienten nicht mehr tragen, weil man nach 13 Tagen keinen klaren Kopf mehr hat, man kann sich nicht mehr konzentrieren!"

Ein älterer Kollege, der ebenso nicht namentlich genannt werden will, schildert, dass das kurzfristige Einspringen aus der Freizeit zusätzlich für Belastungen sorge: "Früher haben Kollegen aus dem Springerpool ausgeholfen, doch die sind inzwischen schon länger verplant." Heißt: Die normalen Pflegekräfte werden aus ihrer Freizeit geholt, wenn ein Kollege ausfällt. Ein bis zwei Mal im Monat helfe er aus, schildert der Pfleger, doch angerufen werde er viel häufiger. Das gehe zu Lasten seiner Familie. Ein Ausfallkonzept brauche aber dringend mehr Personal, sagen unisono die Verdi-Vertrauensleute-Sprecher der Sozialstiftung, Felix Holland und Gerhard Sterzer.

Überstundenberge, das Ignorieren von Pausen und fortwährendes Einspringen aus der Freizeit seien längst nichts Außergewöhnliches mehr, sondern vielmehr die Regel. Das betreffe nicht nur die Sozialstiftung und das Klinikum Bamberg mit seinen 4100 Beschäftigten.


Arbeit wird anspruchsvoller

Die Patienten werden immer älter, haben kompliziertere Krankheiten und werden in kürzerer Zeit behandelt. Das erhöhe den Druck auf die Pflegefachkräfte und habe gesundheitliche Auswirkungen auf das Personal: "Inzwischen arbeiten über 45 Prozent im Personalbereich in Teilzeit", erklärt Robert Hinke, Landesfachbereichsleiter für Gesundheit und Soziales bei Verdi-Bayern. Allerdings sei die Teilzeit nicht freiwillig gewählt, vor allem die älteren Beschäftigten könnten den Stress in Vollzeit nicht mehr aushalten. Zwischen 1991 und 2016 habe die Zahl der Patienten an deutschen Kliniken um 34 Prozent zugenommen. Die Anzahl an Personal sei aber nicht entsprechend angepasst worden.

Bereits vor der Bundestagswahl hat es am Klinikum Bamberg eine Protestaktion gegeben, auch nach der Wahl soll weiter auf die problematische Situation an den Kliniken hingewiesen werden: "Wir begleiten die Koalitionsverhandlungen, damit niemand die Personalnot in den Krankenhäusern vergisst und Union und Grüne an ihre Wahlkampfversprechen erinnert werden", erklärt Hinke zu den Aktionen. "Die Personaldecke ist auch in den bayerischen Krankenhäusern extrem dünn." Nach Erhebungen von Verdi fehlen in Bayern etwa 21 000 Stellen, allein 10 000 in der Pflege.

Die Helios-Amper-Kliniken, das Klinikum Augsburg, die Kreiskliniken Günzburg-Krumbach und die Sozialstiftung Bamberg wurden bereits von Verdi zu Tarifverhandlungen aufgefordert. Doch verweist die Sozialstiftung auf den Kommunalen Arbeitgeberverband Bayern (KAV), in dem das Klinikum tarifgebundenes Mitglied ist. Dort müssten Verhandlungen geführt werden. Die Sozialstiftung sei absolut dafür, Pflegepersonal aufzustocken, sagt Sprecherin Brigitte Dippold. Doch sei dies abhängig von den politischen Rahmenbedingungen: "Es hapert an der Refinanzierung."