Bamberg
Kirche

Pfarrer predigen um die Wette

Fünf Geistliche sind beim ersten "Poetry-Preacher-Slam" Bambergs angetreten, um die beste Kurzandacht zu halten. Das Gotteshaus tobt.
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Fünf Pfarrerinnen und Pfarrer sowie drei Studentinnen bestritten den "Poetry-Preacher-Slam" in der Erlöserkirche.  Fotos: Selmar Schülein
Fünf Pfarrerinnen und Pfarrer sowie drei Studentinnen bestritten den "Poetry-Preacher-Slam" in der Erlöserkirche. Fotos: Selmar Schülein
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Der Abend in der gut besuchten Erlöserkirche beginnt mit kecker Jazzmusik von E-Piano (Konrad Buschhüter) und Kontrabass (Nikolaus Durst). Menschen mit Rotweingläsern schlendern durch die zehneckige Architektur. Vor dem Altar: ein Rednerpodest samt Mikrofonständer. Ungewöhnliche Eindrücke für eine Kirche. All das ist jedoch nichts gegen das Trampeln, Pfeifen und Jubeln des Publikums, das in den kommenden drei Stunden immer wieder im Kirchenraum aufwallen wird, wie man es sonst höchstens vom Public Viewing der Fußball-WM kennt.

So eine Veranstaltung gab es noch nie in Bamberg. Poetry Slams finden mittlerweile zwar in nahezu allen Städten Deutschlands statt, doch heute tragen neben drei Studentinnen auch fünf Pfarrerinnen und Pfarrer aus der Region ihre Texte um die Wette vor. Die Themenvorgabe ist dabei so offen, wie die entstandenen Texte allesamt Schwergewichtiges behandeln: "Gott und die Welt".

Eskalation statt Applaus

Jeder Vortrag wird mittels Applaus bewertet. Wobei Eskalieren wohl die treffendere Beschreibung für das akustische Ereignis ist, das auf sämtliche Texte des heutigen Abends folgt. Thomas Braun, Hochschulpfarrer und Organisator des Abends, räumt für seine Zunft ein: "Predigten etwas spielerischer anzugehen, sich weniger ernst zu nehmen, das würde uns am allerwenigsten schaden."

Studentin Ann Katharina Re eröffnet den Abend mit einem Brief an Gott. Das Schreiben ist ein Bombardement an Fragen, etwa warum sie nicht in knapper Bekleidung in Gotteshäuser dürfe, wo Gott sie doch nackt, wie er sie schuf, kenne. Ihre Kommilitonin Katja Steiger würde am liebsten gleich mit Gott telefonieren. Am Hörer konfrontiert sie ihn mit der Theodizee-Frage, jener nach dem Leid in der Welt angesichts eines allmächtigen und guten Gottes.

Dazwischen sorgt die gastgebende Pfarrerin der Erlöserkirche, Anne Schneider, für die stillsten Minuten der Veranstaltung. Ihr Text "Good God", der auf das domschmückende Kunstwerk über den Dächern Bambergs anspielt, ist ein sprachliches Gebilde von beeindruckender lyrischer Prägnanz, dem die anwesenden gerne länger gelauscht hätten.

Ihre Kollegin Mirjam Elsel macht aus dem Vortrag dagegen ein Sozialexperiment. Handmeldungen des Publikums sind gefordert, wenn die Pfarrerin der Gemeinde Hirschaid eine Frage nach der anderen zur eigenen Haltung gegenüber Toleranz in verschiedensten Kontexten stellt. Mit feinem Gespür für die Situation geht sie dabei über die üblichen Grenzen des öffentlich Fragbaren hinaus. Niemand kann sich diesem Text entziehen.

Zwischen den Vorträgen ermöglichen Jazzstücke immer wieder, das Gehörte wirken zu lassen. Die Musik könnte nicht treffender gewählt sein, teilen sich Jazz und Spoken Word (der lyrische Vortrag vor Publikum) doch eine gemeinsame Geschichte in den 60er Jahren der USA. Tatsächlich fand der erste Poetry Slam der Geschichte sogar in einem Jazzclub in Chicago statt. Unabhängig von den vorgetragenen Texten muss man darum die organisatorischen i-Tüpfelchen dieses ersten Preacher-Slams loben. Der Abend war so rund wie die Kuppel der Erlöserkirche am Ufer des Main-Donau-Kanals.

In einem Atemzug

Die beiden lautesten Jubelstürme des Abends katapultieren Maron Fuchs und Wolfgang Blöcker (Pfarrer in Memmelsdorf-Lichteneiche) ins Finale. Die Studentin trägt ihren Text wie in einem langen Atemzug vor. Ein gereimtes Stakkato über den Zustand der Gegenwart. Dabei outet die erfahrene Slammerin sich als "kleiner Idealist", der "glaubt, dass es immer Hoffnung auf Liebe gibt." Ihr geistlicher Kontrahent erzählt in seinem Beitrag von einem heruntergekommenen Pfarrer, dem es nicht mehr gelingt, mit Esprit von seinem Glauben zu sprechen. Und doch kann der Ich-Erzähler des Textes allen, die seinen Gott als heruntergekommen bezeichnen, entgegnen: "Heruntergekommen, vom Himmel auf die Erde!"

Die finale Ermittlung des Gewinnertextes erfolgte sodann mittels einer selbstironischen Abstimmungsvariante: Die Zuschauer durften den Kirchenschlager "Laudato si" für ihren Favoriten so laut singen wie sie konnten, was Maron Fuchs den Sieg bescherte.

Einen viel entscheidenderen Gewinn dieses Abends stellten jedoch die vielfältigen Perspektiven auf "Gott und die Welt" dar. Und die Erkenntnis, welche poetische Kraft Pfarrerinnen und Pfarrer in sechsminütigen Texten entfalten können, wenn sie in einen Wettstreit miteinander treten.

Hochschulpfarrer Thomas Braun kommentiert das Experiment des heutigen Abends entsprechend als Anregung für die kirchliche Praxis: "Ich denke, wir Pfarrer haben ganz viele Dinge von Belang zu sagen, wir müssen sie manchmal vielleicht nur etwas anders verpacken, um die Menschen auch zu erreichen."

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