Burgebrach
Interview

"Patienten sind ausgebrannter und erschöpfter"

Seit 1. Juli leitet Christoph Lehner die Abteilung für Psychosomatik der Steigerwald Klinik. Wir haben mit ihm über seine Arbeit gesprochen.
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Chefarzt Christoph Lehner in seinem Büro in der Steigerwald Klinik in Burgebrach. Seit 1. Juli leitet er dort die Abteilung für Psychosomatik. Foto: Anna-Lena Deuerling
Chefarzt Christoph Lehner in seinem Büro in der Steigerwald Klinik in Burgebrach. Seit 1. Juli leitet er dort die Abteilung für Psychosomatik. Foto: Anna-Lena Deuerling

Bereits seit 2011 ist Christoph Lehner als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Teil des Teams der Steigerwald Klinik. Nach dem Medizinstudium in Erlangen und der Facharztausbildung in Baden-Württemberg ist der gebürtigen Bamberger zurück nach Oberfranken. Was er an der Arbeit in der Klinik schätzt und wie die schönen Momente in seinem Beruf aussehen, erzählt der 39-Jährige im Interview.

Frage: Herr Lehner, im Medizinstudium lernt man viele Fachbereiche kennen - warum ist die Ihre Wahl gerade auf die Psychiatrie und Psychotherapie gefallen?

Christoph Lehner: Für mich war früh klar, dass ich in die nervenärztliche Richtung möchte. Sicher liebäugelt man in der Ausbildung auch mal mit der Chirurgie oder mit der Kardiologie. Nachdem ich im Studium praktische Erfahrungen in der Neurologie und in der Psychiatrie gemacht habe, war ich mir allerdings sicher.

Was hat Sie überzeugt?

Das Fach ist immer wieder ein bisschen anders. Deshalb hat mich gerade die Psychotherapie und Gesprächstherapie gereizt. Da geht es um den direkten Kontakt zum Patienten: darum, wer einem da gegenübersitzt, um seine Lebensgeschichte, seine Erfahrungen.

Jetzt sind Sie Leiter einer Psychosomatischen Abteilung. Was steht da im Mittelpunkt?

In der Psychosomatik geht es um das ganzheitliche Betrachten des Menschen. Psychische Symptome werden eben nicht nur auf die Psyche begrenzt, auch der Körper spielt eine Rolle.

Kann man in Ihrem Beruf von schönen Momenten sprechen?

Ein schöner Moment ist, wenn ein Patient nach Hause geht, man merkt, dass über die Wochen, die er hier war, eine Stabilisierung stattgefunden hat. Man sieht die Entwicklung und merkt, dass er mehr über sich verstanden hat, neue Verknüpfungen mit seinem eigenen Leben machen konnte.

Das tritt sicher nicht bei allen Patienten ein, oder?

Es wird immer Leute geben, die unzufrieden gehen. Die sind meist mit einer falschen Erwartungshaltung gekommen: Dass sie nach ihrem Aufenthalt wieder komplett hergestellt sind und zurück im Alltag in der alten Form weiterlaufen können.

Und das ist nicht der Fall?

Die Patienten sollen eine Veränderung hinbekommen, und nicht völlig repariert und heil wieder rauslaufen. Oft hat sich eine Problematik ja über Monate oder sogar Jahre stark zugespitzt. Sich dessen bewusst zu werden und herauszufinden, wo sie schon lange in bestimmten Mustern feststecken, die sie nie hinterfragt haben - darum geht es. Und eben nicht darum, von den Ärzten repariert zu werden. Festzustellen, wo es ein Wachsen und Nachreifen braucht - das sind die Momente, die eine Therapie ausmachen.

Sie haben sich für die Arbeit in der Klinik und gegen die Selbstständigkeit, zum Beispiel in einer eigenen Praxis, entschieden. Warum?

Hier ist ein Behandlungsteam für den Patienten zuständig. Da bringen sich nicht nur der Einzeltherapeut, sondern auch die Gruppen- und Kreativtherapeuten ein. Physiotherapeuten und natürlich das Pflegepersonal gehören auch dazu. In diesem Team zu arbeiten und so auch zu beobachten, wie der Patient sich auf unterschiedliche Situationen einlässt, ist ambulant gar nicht abzubilden. Die Teamarbeit schätze ich sehr.

Wie hat sich Ihr Alltag als Chefarzt geändert?

Da ich den Posten bereits seit Herbst 2017 kommissarisch innehabe, hat sich zum 1. Juli nicht viel geändert. Da ich zuvor das komplette Aufgabenfeld der Chefärztin zusätzlich übernommen hatte, war die Arbeitsbelastung seitdem deutlich höher. Die Abteilung auch nach außen zu vertreten, mit den anderen Chefärzten und der Klinikleitung zu kommunizieren, das kam hinzu. Der Schritt in den Privatpatientensektor gehört auch dazu - meine gesetzlich versicherten Patienten habe ich trotzdem weiter behandelt und werde das auch weiter tun.

Mit den neuen Aufgaben klingt es, als hätten sie am Ende des Tages weniger Zeit für Ihre Patienten?

Nein, ich habe die Aufgaben ja zusätzlich gemacht.

Und sich damit auch eine doppelte Arbeitslast aufgebürdet?

In den letzten Monaten ja. Seit dem 1. August werde ich aber von einer neuen Oberärztin unterstützt, die mir als Stellvertreterin viel von der Alltagspraxis abnehmen wird. Noch fühlt es sich nicht wie eine volle Entlastung an. Ich glaube, dass ich trotzdem weiter intensiven Patientenkontakt pflegen kann, das kommt nicht zu kurz. Ich bin auch als Chefarzt weiterhin stark im Alltag präsent, die anderen Aufgaben sehe ich als Zusatz.

Wie schafft man es da, dass das Privatleben nicht zu kurz kommt?

Das ist nicht immer einfach. Wichtig ist, dass man eine Grenze ziehen und abschalten kann, sobald man zuhause ist. Das konnte ich schon immer gut.

Was hat sich verändert, seitdem sie in der Klinik sind? Kommen die Menschen mit anderen, neuen Problemen?

Man merkt deutlich, dass die Menschen heute permanent abgelenkt und zerstreut sind. Im Zuge der Digitalisierung kann man theoretisch alles zu jederzeit mitbekommen. Hinzu kommt der Druck durch die Arbeitswelt. Es muss immer mehr Leistung gebracht werden. Die Patienten sind ausgebrannter und erschöpfter. Wir machen ihnen deutlich, wie wichtig Entschleunigung ist, und helfen dabei, sich wieder zu sammeln.

Und was hat sich bei den Therapieverfahren geändert?

Verschiedene Verfahren nähern sich mehr und mehr an - das Interesse an den jeweils anderen Disziplinen wird größer. Statt einen Therapieverlauf knallhart durchzuziehen, werden öfter Elemente aus anderen Richtungen ergänzt, die helfen können.

Unterscheidet das vielleicht den Nachwuchs von den älteren Kollegen?

Das kann man so nicht sagen - das hängt von den einzelnen Personen ab. Manche sehen andere Verfahren als Bedrohung. Ich kann für mich sagen: Ich habe keine Angst vor anderen Verfahren. Ich will flexibel bleiben in meinen Ansichten. Es geht um den Patienten, um einen erfolgreichen Verlauf - das steht an erster Stelle.

Morgen ein Millionengewinn im Lotto - bleiben Sie der Klinik trotzdem treu?

Ich glaube schon - ich hab hier etwas gefunden, was ich so von anderen Kliniken nicht kannte. Die Tage, an denen man sich regelrecht zur Arbeit geschleppt und aufs nächste Wochenende gewartet hat, hatte ich hier noch nie - selbst in dem anstrengend letzten Jahr. Das war für mich einmalig.

Wo geht es für Sie in Burgebrach noch hin?

Wir haben hier viele kreative Köpfe im Team und wollen weiter an unserem Konzept arbeiten. Gerade im Bereich der Krisenintervention ist noch viel möglich. Wir haben bereits seit 2012 eine Kriseninterventionsgruppe, in der Patienten nach unserem Anspruch nach relativ kurzer Wartezeit ein Vorgespräch und die Aufnahme ermöglicht werden. Das Konzept soll in Zukunft noch zeitgemäßer und flexibler gestaltet werden kann.

Wie könnte das aussehen?

Die Patienten durchlaufen dort ein auf Stabilisierung ausgerichtetes Setting. Statt sie wie früher strikt vier bis fünf Wochen zu therapieren, soll flexibler entschieden werden: Was braucht der Patient? Was können wir anbieten? Bei dem einen Patienten genügen vielleicht nur zwei Wochen, bei einem anderen eben sechs. In enger Absprache mit den überweisenden Kollegen aus den Praxen können wir hier die Möglichkeiten künftig besser nutzen.



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