Gundelsheim
Jubiläum

Ozeandampfer im sicheren Hafen

Vor 50 Jahren wurde die katholische Pfarrkirche in Gundelsheim geweiht. Am Anfang standen spendenfreudige Gemeindemitglieder und ein Schildbürgerstreich.
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Die Pfarrkirche "Sieben Schmerzen Mariens" in Gundelsheim  Fotos: Marion Krüger-Hundrup
Die Pfarrkirche "Sieben Schmerzen Mariens" in Gundelsheim Fotos: Marion Krüger-Hundrup
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Weithin sichtbar ist der hohe Turm der katholischen Pfarrkirche in einem matten Ocker. Und wer davor steht, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, eine Festung, ja ein Bollwerk zu sehen. Runde, pralle Formen hat die Außenfassade. Die Fenster an der Seite wirken wie Schießscharten. Doch statt Kanonenkugeln dringen seit nunmehr 50 Jahren Weihrauch und Gebete hindurch: Am 7. September 1969 weihte Erzbischof Josef Schneider diese Kirche mit dem Patrozinium "Sieben Schmerzen Mariens". Dieses Jubiläum wird nun das ganze Jahr hindurch gefeiert und findet seinen Höhepunkt in einem Festgottesdienst am 1. September mit Erzbischof Ludwig Schick.

Schon am Sonntag, 31. März, können sich die Gundelsheimer auf den Festreigen einstimmen. Um 15 Uhr stellt Maria Köppl bei Kaffee, Kuchen, Sekt, Kurzfilm und Musik im Kulturraum das Ergebnis ihrer einjährigen akribischen Arbeit vor: Die Gemeindearchivpflegerin hat eine reich bebilderte, 88 Seiten starke Festschrift erstellt, die die vergangenen 50 Jahre bis zu den aktuellen Bezügen in den Blick nimmt. "Ich habe das Gemeinde-, Pfarr- und Diözesanarchiv durchforstet", erzählt sie über die Entstehungsgeschichte ihres Werkes. Was Maria Köppl zusammengetragen hat, ist ein buntes Kaleidoskop Gundelsheimer Kirchengeschichte.

Diese bietet durchaus Komponenten zum Schmunzeln. Wie etwa der Hinweis darauf, dass Kritiker des Kirchenbaus der Bamberger Architekten Gregor Neundorfer und Peter Seemüller diesen als "Seelensilo" bezeichneten. Andere nannten ihn schon etwas liebevoller Ozeandampfer, der seine Passagiere durch die Stürme der Zeit in den sicheren Hafen fährt. Kapitäne waren jahrzehntelang Patres aus dem Bamberger Karmelitenkloster. Besonders Pater Dominikus Gaul (1906-1983) ist zu nennen, der mit den Planungen für die neue, größere Kirche begann und sich unermüdlich dafür einsetzte. Für seine unablässigen Sammelaktionen haben die Zeitgenossen im spaßeshalber die "Goldene Fechtermedaille" verliehen.

Als kurioser Schildbürgerstreich mutet auch die Begebenheit um die drei Glocken an, die noch heute im Kirchturm hängen. Aus Spenden finanziert lieferte die Glockengießerei das Geläut pünktlich, Pfarrer Josef Lang segnete es auch am 9. Februar 1969 auf dem Kirchenvorplatz. Und dann kam die Enttäuschung: Die Glocken mussten am Boden bleiben, weil sie zu schwer für den Glockenstuhl waren. Ein Statiker hatte nämlich vor dem Glockenguss berechnet, dass das neue Geläut nicht schwerer als tausend Kilo sein darf. Die Kirchenverwaltung bestellte dennoch Glocken mit einem Gesamtgewicht von 1866 Kilo. Das Versehen ging damals durch den bundesdeutschen Blätterwald. Sogar die Bild-Zeitung berichtete.

Der Kirchturm musste umgebaut werden. Die Glocken läuten immer noch: Die Gundelsheimer katholische Welt scheint intakt. Immerhin waren es ihre Altvorderen, die sich schon im 18. Jahrhundert nach einem eigenen Gotteshaus sehnten. Viele Jahrhunderte gingen sie nämlich bei jedem Wetter zur Pfarrkirche nach Memmelsdorf. Erste Planungen für ein Kirchlein im Jahr 1799 scheiterten am Geld in dem kleinen, sehr armen Dorf Gundelsheim.

Schließlich begannen die Einwohner 1898 unter der Regie des damaligen Bürgermeisters Andreas Ziegmann mit dem Bau einer Kapelle auf einem Gemeindegrundstück am Leitenbach. Die kleine Kapelle, die schon das Patrozinium "Sieben Schmerzens Mariens" trug, wurde vollständig mit Spenden und in Eigenleistung der rund 400 Dorfbewohner errichtet. Ab 1929 übernahmen Karmelitenpatres die seelsorgliche Betreuung der Gemeinde.

Doch für das an Bevölkerung wachsende Gundelsheim wurde die Kapelle allmählich zu klein. Erst gab es einen Anbau, dann Pläne für eine ganz neue, größere Kirche. So verkaufte die Kirchenstiftung am 14. Juli 1969 ihr bisheriges Gotteshaus für 77 000 D-Mark an die evangelischen Christen, die sie seitdem als ihre Markuskirche nutzen.

Spendenfreudig

Spendenfreudig zeigten sich die Gundelsheimer Katholiken, um den Kirchenneubau finanzieren zu können. Die Familien Postler und Ott sorgten in einem Tauschverfahren für das Grundstück: ein Rübenacker von 2517 Quadratmetern Fläche. Das Gotteshaus entstand nun nach den liturgischen Richtlinien des Zweiten Vatikanischen Konzils. Wurde dem Verständnis von Kirche als "pilgerndes Gottesvolk auf Erden" gerecht. So erschien den Auftraggebern und Architekten ein Kopieren alter Baustile nicht angebracht.

Von außen Ozeandampfer, von innen ein weit geöffneter Raum ganz ohne Säulen und Pfeiler: Der Kirchenraum "entfaltet seine Schönheit in seiner Weite und Offenheit. Konzentriert sich auf das Entscheidende: Die Begegnung mit IHM", schreibt der jetzige Pfarrer Alexander Berberich in seinem Grußwort für die Festschrift. Für die künstlerische Ausgestaltung - Volksaltar, Tabernakelturm, Ambo, Taufbecken - sorgte der Kronacher Bildhauer Heinrich Schreiber.

Neben diesen wuchtigen Sandsteinblöcken wirkt das älteste Kunstwerk rührend zerbrechlich: Die Pietà, die schmerzhafte Muttergottes und Namensgeberin der Kirche. Sie stand schon vor der einstigen Kapelle im Freien, vor der die Menschen beteten. Maria und ihr Sohn Jesus wurden und werden so ein Bindeglied zwischen der alten und der neuen Kirche.

Die Festschrift von Autorin Maria Köppl "50 Jahre Sieben Schmerzen Mariens Gundelsheim. Kirche und Kirchengemeinde 1969-2019" kostet 8 Euro und ist im Pfarramt und in der Gemeindeverwaltung erhältlich.

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