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Pommersfelden
ÖPNV-Test

ÖPNV-Selbsttest in Pommersfelden: Die Entdeckung der Langsamkeit

Der letzte Teil unserer Selbstversuche führt unseren Testfahrer in den Süden des Landkreises. In Pommersfelden lernt er die Tücken der analogen und digitalen Auskünfte kennen, strandet auf Schloss Weissenstein und verpasst seinen Termin.
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Foto: Sebastian Schanz
Foto: Sebastian Schanz
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Als Rasender Reporter und Dieselfahrer bin ich durch und durch auf Effizienz geeicht. Wenn der Onlineroutenplaner anzeigt, dass ich von Bamberg über die Bundesstraße in 20 Minuten in Pommersfelden sein kann, weiß ich, dass ich es auch in 18 Minuten schaffen kann. Wenn es dann 25 Minuten werden, weil ein Traktor vor mir her tuckert, dann ist das auch noch kalkulierbar. Und ohne Auto? Da könnte der Kontrast kaum größer sein - und ich bin am Ende froh, überhaupt irgendwann wieder zurück zu kommen.

Meine Testreise beginnt um 12.14 Uhr ganz klassisch am Zentralen Omnibusbahnhof. Ich vertraue dem Routenplaner für Autoverweigerer und nehme einfach die Buslinie, die mir das Onlineportal des Verkehrsverbunds Großraum Nürnberg (VGN) als erste Möglichkeit ausspuckt. Fahrzeit: eine Stunde, vier Minuten. Ein Umstieg. Dreimal so lang wie mit meinem Auto. Doch andere Linien sind auch nicht schneller. Also steige ich ein.

Eine junge Mutter lehnt meine Hilfe beim Einsteigen mit dem Kinderwagen dankend ab, denn der Buseinstieg liegt so tief, dass sie es ganz alleine schafft. An der Schranne steigen zahlreiche Schüler zu. Über Debring, Vorra und Hundshof geht die komfortable Fahrt, dann soll ich laut Plan an der Don-Bosco-Schule in Stappenbach umsteigen.

32 Minuten Wartezeit in der Pampa ziehen sich ganz schön. Irgendwie komme ich mir auch komisch vor, hier vor der Schule herumzulungern.

Aber es hilft nichts. Nach Schulschluss steige ich mit den Kindern in den Schulbus und freue mich über den Spaßvogel neben mir, der selbst erfundene Witze erzählt: "Wie heißt ein Elefant auf Rädern? Staubsauger!", krachelt der Siebenjährige. Außer mir lacht noch eine Frau über den Gag: Heike. Sie ist Schulbegleiterin für ein Kind mit Handicap. "Ich passe im Bus immer auch ein bisschen auf, dass alle Kinder an den richtigen Haltestellen aussteigen", erzählt sie von ihrer Arbeit. Auch bei mir passt sie ein bisschen auf, wofür ich sehr dankbar bin. Um 13.15 Uhr steige ich deshalb an der richtigen Haltestelle in Pommersfelden am Schloss aus.

Ich schieße ein paar Beweisfotos, dass ich es tatsächlich bis hierher geschafft habe, trinke einen Cappuccino und suche derweil online nach meiner Busverbindung zurück nach Bamberg. Das ist nicht ohne Tücken, wie sich herausstellt. Bamberg hat viele Haltestellen, Pommersfelden immerhin drei im Kernort. Je nachdem, welche man im VGN-Netz auswählt, werden unterschiedlich lange Routen und Zeiten angezeigt. Das ist ein bisschen wie beim Glücksspiel, um die beste Kombination aus Start- und Endpunkt zu finden.

Ich wähle - durch und durch Rasender Reporter - natürlich die schnellste. Sie fährt um 14.14 Uhr von der Haltestelle Pommersfelden Ortsmitte ab. Ich beeile mich also auf dem Fußmarsch um den Schlosspark herum in die Ortsmitte. An der Haltestelle dann die Ernüchterung: Wegen einer Baustelle wird die Haltestelle "momentan nicht angefahren". Busreisende werden an die Haltestelle Schönbornstraße verwiesen. Oh mei, oh mei! Ich vermisse Heike.

Das war online nicht einzusehen, und mein Zeitkontingent war darauf auch nicht ausgerichtet. Eiligen Schrittes marschiere ich also dahin zurück, wo ich gerade hergekommen bin. In der Schönbornstraße bemerke ich dann, dass es hier zwei Haltestellen gibt. Im Abstand von 200 Metern. Ich muss also eine auswählen. Eine 50-50-Chance. Oh weh! Heike, wo bist Du? Jetzt könnte ich Deine Hilfe gebrauchen! Ich entscheide mich für die größere, prominentere Haltestelle.

Falsch entschieden! Schon rauscht der Bus an mir vorbei. Oh mei, oh mei!

Um 15 Uhr habe ich einen Termin. Sollte locker zu schaffen sein, hatte ich mir vor der Reise gedacht. Jetzt wachsen die Zweifel. Ein paar Schweißausbrüche und Onlinerecherchen später gestehe ich mir schließlich ein, dass ich den Termin sausen lassen muss. Keine Chance! Der nächste Bus fährt erst um 16 Uhr! Fast zwei Stunden später! Wieder ein Schweißausbruch.Oh mei, oh mei!

Im Schatten einer Palme und inmitten der prunkvollen Mauern des Schlosses Weissenstein, mit der Sonne im Gesicht - gestrandet in Pommersfelden - wird mir klar, dass diese Art des Reisens auch seine Vorzüge hat. Man muss nur den vielen Leerlauf zu genießen wissen. Daran könnte man sich glatt gewöhnen. Aber ob mein Arbeitgeber da mitspielen würde? Müssen ein paar Zeitungszeilen morgen eben weiß bleiben. So weiß, wie die Wolke, die da gerade über mich hinwegzieht und ein bisschen aussieht, wie eine Schildkröte. Oder ein Auto?

Um 16.30 Uhr bin ich wieder in Bamberg. Tiefenentspannt. Zeitdruck ist ein Fremdwort für mich. Die Fahrt hat mich als Autofahrer in meinen fiesen Klischees zum öffentlichen Personennahverkehr zuverlässig bestärkt. Ich bleibe ein Fan des motorisierten Individualverkehrs! Selbst wer alles richtig macht, braucht im ÖPNV sehr viel mehr Zeit. Nur ein Vorurteil ließ sich einfach nicht bestätigen: Ich habe keinen einzigen unfreundlichen Busfahrer kennengelernt.

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