Bamberg
Beobachtungen

Nullnummer im Nieselregen

An der Promenade und am Zentralen Omnibusbahnhof ist immer was los. Fast immer. Gelegentlich weniger. Und so gut wie nie gar nichts. Ja, denkste! Ein Serienstart mit Hindernissen.
Artikel drucken Artikel einbetten
Foto: Sabine Christofzik
+6 Bilder
Der Hund zählt nicht. Und dieser schon gleich gar nicht. Unfreundlicher kleiner, knurrender Kläffer. Von dem lasse ich mir die Geschichte jetzt nicht noch drehen. Da hätte er früher kommen müssen.

Wie stark sollte man an Vorzeichen glauben? Schon wieder kein lachender Smiley auf der Geschwindigkeitsmessanlage in der Heimatort-Hauptstraße. Im ARD-Radio-Nachtprogramm läuft Howard Carpendales "Ti amo". Und kurz vor Bamberg schaltet sich der Scheibenwischer an.

Sauber! Wo vermutlich nichts ist, wird jetzt noch weniger sein. Nämlich ganz bestimmt nichts. Was dann? Dann sitzen zwei nasse Nachteulen auf den überdachten Sitzen am ZOB und interviewen sich gegenseitig?

Na klar, geschlossen
3.15 Uhr, Treffpunkt Promenaden-Klo ist ausgemacht. Und FT-Fotografen sind pünktlich. Matthias Hochs Silhouette zeichnet sich vor dem Norma-Schaufenster ab. Vorarbeit hat er auch schon geleistet: "Überall geklinkt. Überall zu!".
Keine Überraschung, dass eine öffentliche Toilettenanlage nachts geschlossen ist. Natürlich hätten wir sie uns offen gewünscht, aus Neugier. Noch besser wäre es gewesen, wenn wenigstens ein kleiner Teil des "Publikums", das sich tagsüber rund um das schmucke, aber stinkende Häuschen aufhält, Präsenz gezeigt hätte.

Die Promenade ist lang. Und bei nachlassendem Nieselregen leider leer. Kurzer Marsch ans eine Ende. Blick in die Hauptwachstraße, Blick Richtung Fußgängerzone: kein Fußgänger, kein Radfahrer. Ist auch (fast) egal. Wir wollen auf der Promenade promenieren.

Kaleidoskop-Kucken im Finstern - geschenkt. Aber das ist kurios: Obwohl ich im Hellen zig Mal daran vorbeigegangen bin, hätte ich von den fünf Dingen, die unweit des Klohäuschens für kleine und große Spielkinder aufgebaut sind, nur den Metallzylinder nennen können, den man zu Boden tritt und dafür mit Wasserfontänen belohnt wird. Muss ich nicht ausprobieren, Wasser kommt genug von oben.

Wohin soll die Fahrt gehen? Lassen wir offen. Ein Einzelfahrschein, Zone 10 im Verkehrsverbund, soll es sein. Wählen und warten, aber nicht zahlen. Schließlich brauchen wir nur 3.33 Uhr im Bild - auf der Anzeige des Fahrkartenautomaten am Zentralen Omnibusbahnhof. Dass die Maschine alles andere als geräuschlos arbeitet, geht im Verkehrsgetöse tagsüber garantiert unter.

Die überdachten Sitze am ZOB können zwei Nachteulen links liegen lassen. Denn es fallen mittlerweile nur noch vereinzelt Regentröpfchen. Sollte man auf ungünstige Vorzeichen vielleicht doch nichts geben?
An drei Schließfächern leuchtet das rote Licht. 1x Gebühr nachzahlen: 30 Cent für vier Stunden. Was wohl drinnen sein mag? Geht uns nichts an.
Einer. Wenigstens ein Mensch muss doch um diese Zeit auf der Promenade unterwegs sein! Es regnet fast gar nicht mehr. Auf Taxifahrer ist eigentlich immer Verlass. Nein, heute nicht. Die zwei Taxis, die wir zu Gesicht bekommen, sind in Eile.

Abkühlung aus dem Automaten
"Ach, schon wach?" und "Ach, noch wach?" - das Logo für diese neue Serie hat die Mediengestalterin in zwei Ausführungen angefertigt. Je nachdem wie's für die Situation passt.

Des Fotokünstlers Kommentar dazu ist kurz und knapp: "Wir brauchen ein drittes: Ach, keiner wach!"
Mit jedem Blick aufs Kameradisplay wächst der Spaß an der Sache. Großartige Bilder und im Grunde genommen gar nichts zu berichten.

Kehrtwende am Cafe Rondo. Retour zum Klohaus. Wenn wir wollten, könnten wir uns auf dem Rückweg sogar stärken. Ist mir tagsüber noch nie aufgefallen: der Eis-am-Stiel-Automat beim ehemaligen Metzner-da-am-Eck-da. Oder steht der tagsüber gar nicht da?

Wie riecht Wurstbude nachts?
Wo ich manchmal stehe, ist am Bratwurstwagen schräg gegenüber der Apotheke. Wie riecht Wurstbude nachts? Nach nichts. Auch nicht aus den Ritzen. Ganz im Gegensatz zum Start- und Zielpunkt dieser Nullnummer in Sachen Leute kennenlernen, die um 3.33 Uhr noch wach sind.

Ungünstige Vorzeichen? Wenn überhaupt, dann nur für diesen einen Aspekt. Wenn ich ganz ehrlich bin, dann habe ich für Carpendales "Ti amo"- Gesülze als Elfjährige Taschengeld ausgegeben. Außerdem lief auf der Fahrt in die Stadt anschließend im Radio "I will survive" (Gloria Gaynor). Wenn's das nicht wieder wettmacht! Und bei 43 km/h in der Tempo-30-Zone muss auch die toleranteste Geschwindigkeitsmessanlage keinen lachenden Smiley zeigen.
Nur der Hund, der hätte nicht sein müssen. Höllenschreck, als er aus der Dunkelheit über die Schönleinsplatz-Wiese heranwetzt und ein Knurr- und Bell-Spektakel veranstaltet, dass einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.
Da ist mir doch auf dem Weg zum Auto tatsächlich noch ein lebendiges Wesen begegnet. Zwei sogar, denn sein Frauchen saß auf einer Bank. Vielleicht waren die zwei sogar auf dem Weg zur Promenade.

Hauptdarsteller hätte er werden können, der Hund. Wenn er früher gekommen wäre. Von dem lasse ich mir die Geschichte aber jetzt nicht noch drehen.
Verwandte Artikel

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren