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Döhlau
Interview

Neun Stunden Angst: Schweizer Anwalt spricht über seine Entführung

Die spektakuläre Entführung des Schweizer Anwalts Andre Schlatter aus St. Gallen ins oberfränkische Kautendorf ist inzwischen geklärt. Die Täter sitzen im Gefängnis. Im Interview spricht das Opfer über die Entführung - und darüber, dass er von den Tätern eigentlich nicht schlecht behandelt wurde.
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Andre Schlatter
Andre Schlatter
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Je mehr Einzelheiten bekannt werden, umso unwirklicher erscheint der Fall: Am Mittwoch hat die Staatsanwaltschaft in Hof Details zur Entführung von Andre Schlatter aus St. Gallen in der Schweiz nach Kautendorf in Oberfranken veröffentlicht. Die 600 Kilometer lange Odyssee im geklauten BMW erscheint dem Unbeteiligten wie eine Posse. Für den Betroffenen bedeutetete sie neun Stunden in Angst. Die beiden Männer, die den 53 Jahre alten Anwalt und Kommunalpolitiker aus Amriswil (Kanton Thurgau) in einer Hotel-Tiefgarage in St. Gallen entführt haben, sitzen in Haft. Sie hatten Schlatter unweit der A93 bei Hof abgesetzt und waren mit dem BMW über die Grenze nach Tschechien gefahren. Einer der Täter wurde noch am Sonntag im tschechischen Krovi festgenommen. Dort stand auch der gestohlene BMW. Der zweite Täter stellte sich wenig später im sächsischen Pirna selbst der Polizei, sagte am Mittwoch in Hof der Leitende Oberstaatsanwalt Gerhard Schmitt.

Mit vorgehaltener Pistole
Die Staatsanwaltschaft in Hof ermittelt gegen die 21 und 23 Jahre alten tschechischen Staatsangehörigen. Für das Strafmaß, das die Männer erwartet, dürfte die Schilderung von Andre Schlatter entscheidend sein - Opfer und zugleich der einzige Zeuge. Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft in Hof handelte es sich bei der Entführung des Anwalts um eine Geiselnahme und räuberische Erpressung - und damit um eines der schwersten Verbrechen, die das deutsche Strafrecht kennt. Obwohl die jungen Männer nicht vorbestraft sind, droht ihnen eine Gefängnisstrafe. Die Männer hatten sich aus rätselhaften Motiven nicht damit begnügt, Schlatters Wagen zu stehlen, sondern den Eigentümer mit vorgehaltener Pistole gezwungen, mit ihnen in dem BMW 530 bis nach Deutschland zu fahren.
In einem Interview mit dem "Tagblatt" in St. Gallen schildert Schlatte ausführlich die "schlimmsten Stunden" seines Lebens.

Herr Schlatter, wie geht es Ihnen?
Mir geht es erstaunlich gut. Verschiedene Leute sagten mir, dass man nach einem solchen Ereignis mit einem Tief rechnen muss. Das war bei mir bis jetzt nicht der Fall. Nur der Medienrummel ist etwas belastend.

Wie gehen Sie mit dem Erlebten um? Wie verarbeitet man das?
Ich möchte mich meiner Arbeit widmen. Nur herumsitzen und ständig Medienanfragen beantworten will ich nicht. Ich habe mich entschieden, dieses Interview zu geben, damit ich wieder Ruhe habe.

Wie lange waren Sie in der Gewalt der Entführer?
Am Samstag von 10 Uhr vormittags bis abends gegen 19.15 Uhr.

Können Sie schildern, wie die Entführung begann?
Ich wollte zur Arbeit in mein Büro in St. Gallen. Mein Auto stellte ich in ein Parkhaus, in welchem ich Dauermieter bin. Als ich meine Jacke vom Rücksitz nehmen wollte, kamen zwei Männer auf mich zu. Einer trug eine Pistole. Der andere forderte mich auf, ihm meinen Autoschlüssel und das Portemonnaie zu geben. Der erste Mann nötigte mich wortlos auf den Rücksitz, indem er mich mit der Pistole stieß. Dann setzte er sich neben mich und hielt die Waffe unter seiner Jacke weiter auf mich gerichtet. Der Zweite setzte sich ans Steuer und fuhr los.

Was ging Ihnen in diesem Moment durch den Kopf?
Ich bin ein ruhiger Mensch. Auch in schwierigen Situationen kann ich besonnen reagieren. In diesem Augenblick hatte ich schlicht das Gefühl, ich sei im falschen Film.

Hatten Sie Angst?
Nicht wirklich. Ich dachte nur: Das kann einfach nicht sein.

War von Anfang an klar, dass die Männer die Schweiz verlassen wollten?
Das Verhalten der Entführer, die wohl aus dem osteuropäischen Raum stammten, war insgesamt skurril. Ich musste für sie das Navigationsgerät bedienen. Gesprochen hat nur der Fahrer mit mir, der andere Mann sprach kein Deutsch. Zuerst wollten sie nach Bern; der Fahrer sagte, sie würden von der russischen Mafia bedroht. In Bern würden sie mich freilassen, und ich könne mit meinem Auto heimfahren. Zudem sagte mir der Fahrer, er müsse aufpassen, dass sein Komplize mit der Pistole nicht ausflippe und mich umbringe.

Die Reise ging dann aber doch nicht nach Bern?
Nein. In Zürich hob der Fahrer mit meinen Bankkarten an einem Bancomaten Geld ab.

Und dann?
Die Männer wollten nun nach Deutschland gebracht werden, ohne Grenzkontrolle. In Eglisau (Anm. d. Red.: Grenzübergang) kauften sie noch Verpflegung ein und fragten mich sogar, was ich essen und trinken wolle. Überhaupt wurde ich nicht schlecht behandelt. Der Fahrer bettelte mich sogar richtiggehend an, nach Nordbayern mitzukommen - als ob ich die Wahl hätte. Am Ziel werde man mich samt Auto freilassen.

Waren die Männer nervös?
Ja. Besonders als wir dann doch an einer Grenzkontrolle vorbeikamen. Die Grenzwächter winkten uns aber durch - am BMW und an uns Insassen fiel ihnen nichts Verdächtiges auf. Als wir uns in der Gegend von Hof befanden, verlangte der Fahrer, dass ich einen Ort in Tschechien ins Navigationsgerät eingebe. Etwa um 19 Uhr, es wurde langsam dunkel, bog er plötzlich in einen Feldweg ein. Mein erster Gedanke war: Das läuft jetzt aber ganz schief.

Was geschah danach?
Am Waldrand hielt er an, wir stiegen aus. Der eine hatte die Pistole noch in der Hand, richtete sie aber nicht auf mich. Ich dachte mir, jetzt musst du Abstand nehmen. Aus dem Militär weiß ich: Im Dunkeln trifft man mit einer Neun-Millimeter-Pistole nicht gut, wenn die Zielperson auf Distanz geht und sich bewegt. Ich lief also etwa 30 Meter über einen Acker. Der eine folgte mir schnell. Da wurde mir klar: Wegrennen kann ich nicht.

Wie hat er reagiert?
Er sagte zu mir, dass sein Kollege der Meinung sei, man müsse mich töten. Da sagte ich, er habe versprochen, ich könne wieder nach Hause. Er sprach dann nochmals mit seinem Kollegen. Dann sagte er: Wenn du versprichst, dass du zwei Stunden hier wartest und nicht zur Polizei gehst, lassen wir dich laufen.

Glauben Sie, man wollte Sie wirklich töten?
Im Nachhinein glaube ich nicht, dass die Täter jemals vorhatten, mich umzubringen. Aber in jener Situation konnte ich das nicht abschätzen. Ich war extrem angespannt.

Dann durften Sie gehen?
Das war auch so eine seltsame Szene. Ich hatte meine Laptops und Aktenkoffer im Auto. Sie holten alles raus und stellten es an den Rand des Ackers. Dann fuhren sie davon. Ich wartete fünf Minuten, um ganz sicher zu sein. Dann deponierte ich meine Sachen an einem Baum und lief los - querfeldein. Ich wusste ja nicht, ob nicht einer von denen unten an der Straße wartete.

Wohin liefen Sie?
Das nächste Dorf war etwa einen Kilometer entfernt. Dort traf ich vor einem Haus auf eine Frau, die gerade wegfahren wollte. Ich erzählte ihr meine Geschichte und fragte sie nach der Polizei.

Hat Ihnen die Frau geglaubt?
Nicht sofort, sie war zuerst sehr distanziert. Sie dachte wohl, ich sei nicht ganz richtig im Kopf. Aber nach und nach konnte ich sie überzeugen. Dann kam auch ihr Mann aus dem Haus und bat mich herein.

Dann wurden Sie von der Polizei abgeholt?
Ja. Ich war sehr beeindruckt von der Arbeit der bayrischen Polizeibeamten. Auch der Beamte der St. Galler Kantonspolizei, der meinen Fall in der Schweiz betreute, hat großartige Arbeit geleistet. Die St. Galler Polizei hat sofort eine Spezialeinheit der Thurgauer Kantonspolizei organisiert, damit meine Familie in Amriswil betreut wird.

Wann hat Ihre Familie von der Entführung erfahren?
Um 13.30 Uhr durfte ich aus dem Auto ein SMS schicken. Der Fahrer hat das kontrolliert. Ich durfte nicht schreiben, was wirklich los war. Also schrieb ich: Muss ins Ausland, kann nicht sprechen.

Wie hat Ihre Frau reagiert?
Später sah ich, dass sie mir nur mit zwei Fragezeichen auf meine SMS geantwortet hatte. Als Anwalt und Geschäftsmann bin ich zwar viel unterwegs. Aber diese Botschaft von mir war für sie zu wenig konkret.

Sie erfuhr also erst nach Ihrer Freilassung von der Entführung?
Ja. Es war natürlich ein Schock für sie, ebenso für meine Kinder (Anm. d. Red: Andre Schlatter ist dreifacher Vater)

Wie fühlten Sie sich nach der Freilassung?
Ich war derart unter Adrenalin, ich fühlte mich, als hätte ich zehn Liter Red Bull getrunken. Nachdem die Polizei mit mir den Ort der Freilassung am Waldrand besichtigt hatte, wurde ich intensiv befragt. Als man mich dann um 3.30 Uhr in ein Hotel brachte, war ich noch hellwach.

Gab es Momente während der Entführung, in denen Sie das Gefühl hatten, es gehe um Ihre Person?
Nein. Ich habe in meiner Tätigkeit als Anwalt und Geschäftsmann null Kontakte zu Leuten aus Tschechien oder Russland. Auch bin ich kein Millionär, wie das deutsche Medien fälschlich behauptet haben. Deshalb kam es mir gar nicht in den Sinn, dass es um mich gehen könnte. Ich kam genau zu jenem Zeitpunkt in dieses Parkhaus in St. Gallen und hatte dieses Auto. Das hat denen einfach gerade gepasst.

Konnte die Polizei das nachweisen?
Ich habe erfahren, dass die Männer schon länger in dem Parkhaus waren. Auf den Überwachungskameras war zu sehen, dass sie einmal auf eine Frau zugingen. Weil gerade ein Auto kam, gingen sie wieder weg. Das zeigt deutlich, dass es ihnen wohl nur um das Auto ging.

Werden Sie psychologisch betreut?
Nein. Ich habe keine schlaflosen Nächte. Das hängt wohl vor allem auch damit zusammen, dass man mir keine körperliche Gewalt angetan hat.

Die Fragen stellten in der Schweiz Andri Rostetter und Adrian Vögele vom St. Galler Tagblatt

 

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