Bamberg
Pädophilie

Netzwerk "Kein Täter werden": Akzeptanz als Mittel zur Prävention

Einfach therapieren lassen sich Männer nicht, die sich sexuell von Kindern angezogen fühlen. Das bayernweit derzeit einzige Präventionsprojekt in Regensburg konzentriert sich stattdessen darauf, dass aus Pädophilen keine Täter werden.
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Foto: Nertzwerk "Kein Täter werden"
Foto: Nertzwerk "Kein Täter werden"
Dass der ehemalige Bundestagsabgeordnete Sebastian Edathy (SPD) Bilder mit zumindest leicht bekleideten Jungen konsumiert hat, bestreitet nicht einmal er selbst. Warum er das getan hat, ist dagegen noch offen. Eine Erklärung könnte sein, dass Edathy sich von Kindern sexuell angezogen fühlt.

Seit September 2010 bietet die Sexualwissenschaftliche Ambulanz an der Universität Regensburg Männern mit pädophilen Neigungen eine Therapie an. "Kein Täter werden" ist das einzige Präventionsprojekt dieser Art in Bayern. Finanziert wird es vom bayerischen Justizministerium. Derzeit sind 40 Männer in Behandlung. Bei Therapeuten wie Petya Schuhmann lernen sie, sich ihren Neigungen zu stellen, und entwickeln Strategien, um drohende sexuelle Übergriffe auf Kinder zu vermeiden.

Wann gilt ein Mensch als pädophil?
Petya Schuhmann: Pädophilie bezeichnet eine sexuelle Präferenzstörung. Das bedeutet, dass sich der Pädophile von Kindern sexuell angezogen fühlt, die noch vor der Pubertät stehen oder gerade zu pubertieren beginnen.

Wann wird der Pädophile zum Täter?
Wenn er illegales Bildmaterial von Kindern konsumiert und den sexuellen Kontakt zu Kindern sucht. Im schlimmsten Fall geht es um sexuellen Missbrauch.

Gibt es auch pädophile Frauen?
Es gibt nur ganz, ganz wenige Einzelfälle. Pädophilie ist tatsächlich ein Männerproblem.

Von wie vielen Männern reden wir in Deutschland?
Schätzungen gehen davon aus, dass etwa ein Prozent der männlichen Bevölkerung pädophil ist. Das hieße für Deutschland etwa 300 000 Männer im Alter zwischen 18 und 75 Jahren.

Wie viele Pädophile werden tatsächlich straffällig?
Man muss zum einen sehen, dass Täter, die ein Kind sexuell missbrauchen, keineswegs zwingend pädophil sein müssen. Da liegt die Quote zwischen 25 und 40 Prozent. Die Quote der straffälligen Pädophilen liegt wohl auch bei rund 40 Prozent. Wir reden hier von sexuellem Kontakt, vor alle aber vom Konsum illegalen Bildmaterials.

Wird man als Pädophiler geboren?
Das weiß man einfach nicht. Es sind genetische Ursachen möglich und auch hirnorganische Störungen. Manche Pädophile sind in ihre Jugend auch selbst sexuell missbraucht worden. Es gibt also ein Bündel von Erklärungsmodellen, aber keine definitive Antwort.

Helfen Medikamente oder sogar medizinische Eingriffe?
Chirurgische Eingriffe sind in Deutschland nicht erlaubt. Medikamente dagegen werden auf Wunsch der Patienten regelmäßig eingesetzt. Es handelt sich um Medikamente, die den Testosteronspiegel senken und damit das sexuelle Begehren dämpfen. Das kann helfen, um seine sexuellen Gefühle zu kontrollieren.

Wie viele Pädophile führen eine Beziehung mit Erwachsenen oder sind sogar verheiratet?
Gut die Hälfte, würde ich sagen. Pädophile Neigungen schließen keineswegs aus, dass man parallel dazu auch Erwachsene sexuell anziehend findet. Natürlich gibt es auch Pädophile, die verheiratet sind und Kinder haben.

Ist das pädophile Begehren eher hetero- oder homosexuell definiert?
Das hält sich meiner Erfahrung nach die Waage.

Leiden pädophile Menschen unter ihren Neigungen?
Die sich an uns bei "Kein Täter werden" wenden, leiden auf alle Fälle. Ohne ein Problembewusstsein würden die auf uns gar nicht erst zukommen. Viele sind depressiv und haben Schuldgefühle. Pädophilie ist gesellschaftlich hochgradig geächtet und das ist natürlich auch vielen Pädophilen bewusst. Sie haben oft auch niemanden, mit dem sie über ihre Neigungen sprechen können. Und viele haben Angst, sich strafbar zu machen und sich an einem Kind zu vergehen.

Haben Pädophile überhaupt eine Möglichkeit, ihre Sexualität in legalen Bahnen auszuleben?
In ihrer Fantasie können sie das machen. Das können wir ihnen nicht verbieten und wollen das auch gar nicht.

Gibt es so etwas wie einen verantwortlichen Umgang mit pädophilen Neigungen?
Es geht uns bei der Therapie erstens um Akzeptanz. Zweitens um den Verzicht auf sexuellen Kontakt mit Kindern. Und drittens um den Verzicht auf Kinderpornografie.

Was heißt für Sie Akzeptanz?
Das bedeutet, dass der Pädophile seine sexuellen Neigungen als Teil von sich annimmt. Man kann diese nicht einfach so abschalten, er muss damit leben. Aber auch ein Pädophiler kann ein wertvoller und liebenswerter Mensch sein. Es geht nur darum, seine Gefühle zu kontrollieren und nicht straffällig zu werden.

Nehmen Sie auch Pädophile auf, die schon straffällig geworden sind?
Ja, das machen wir. Die einzige Voraussetzung ist, dass kein Ermittlungsverfahren läuft. Ansonsten sind wir an die ärztliche Schweigepflicht gebunden und melden keine Taten der Polizei.

Welche Situationen sollten Pädophile unbedingt vermeiden, um nicht straffällig zu werden?
Das ist natürlich von Fall zu Fall verschieden. In unseren Einzel- und Gruppentherapien versuchen wir individuelle Strategien zu finden. Aber ganz grundsätzlich ist es zum Beispiel keine gute Idee, alleine ein Schwimmbad zu besuchen.

Wie stehen Sie zu Bildern nackter Kinder, die wie jetzt im Fall Edathy offenbar nicht verboten sind?
Das ist erst einmal eine rechtliche Abwägung. Mit unseren Patienten arbeiten wir daran, dass sie auch Bilder von, sagen wir herumtobenden Jungs in Badehosen nicht konsumieren. Weil das oft die Lust auf explizitere Bilder stimuliert.

Die Fragen stellte
Christoph Hägele.



Präventionsangebot bei "Kein Täter werden"

Kontakt Die Einrichtung "Kein Täter werden" in Regensburg ist telefonisch erreichbar unter 0941/ 9411088.

Angebot Bei der Therapie wird den betroffenen Männern Unterstützung angeboten, um sexuelle Übergriffe durch direkten körperlichen Kontakt oder indirekt durch den Konsum oder die Herstellung von kinderpornografischem Material zu verhindern.
Zusicherung Das Angebot in Regensburg ist kostenlos und anonym. Die Therapeuten sind an ihre Schweigepflicht gebunden. Auch Krankenkassen werden über die Therapie nicht informiert.

Dauer Die regelmäßigen Therapiesitzungen finden in Regensburg statt und erstrecken sich in der Regel über einen Zeitraum von knapp zwei Jahren,



Die Grenzen der Strafbarkeit bei Kinderpornografie

Die Affäre um den ehemaligen SPD-Politiker Sebastian Edathy hat eine Debatte über das Thema ausgelöst: Sind das noch Strandbilder - oder ist das schon Kinderpornografie? Die Grenzen der Strafbarkeit in Deutschland sind fließend. Doch nicht nur das Herunterladen von Material, sogar die bloße Suche im Internet kann illegal sein. Die rechtliche Lage ist zum Teil kompliziert.

1. Wo beginnt Kinderpornografie?
Laut Paragraf 184b Strafgesetzbuch handelt es sich bei Kinderpornografie um "Schriften, die sexuelle Handlungen von, an oder vor Kindern zum Gegenstand haben". Dazu gehören auch Tonaufnahmen, Fotos, Videos und andere Abbildungen. Wer unter 14 Jahren alt ist, gilt im rechtlichen Sinn als Kind.

2. Ab wann sind Bilder oder Videos strafbar?
Wesentlich ist, was auf den Abbildungen zu sehen ist. Um die Schwere solcher Darstellungen einzuordnen, gibt es verschiedene Kategorien. Eindeutige Fälle sind jene, in denen sexuelle Handlungen gezeigt werden. Schwierig ist die rechtliche Lage, wenn keine Übergriffe zu sehen sind, sondern Kinder etwa nackt vor der Kamera posieren. Besitz oder Weitergabe solcher "Posing-Bilder" sind dann strafbar, wenn die unbedeckten Genitalien der Kinder "aufreizend zur Schau gestellt" sind, es sich also um eine "geschlechtsbetonte Pose" handelt.

3. Geht es also nur um den Besitz?
Das ist umstritten. Juristen sind uneins, ob sich jemand schon strafbar macht, wenn er nur im Internet auf einschlägigen Seiten surft, ohne sich Inhalte herunterzuladen. Nach herrschender Rechtsprechung ist aber auch das Betrachten solcher Bilder strafbar. Im Grunde dürfen nur Ermittler im Internet nach Kinderpornografie suchen. Privatpersonen, die den Behörden helfen wollen, oder Journalisten, die beruflich recherchieren, können sich strafbar machen.

4. Mit welchen Strafen müssen Täter rechnen?
Wer Kinderpornografie produziert, verbreitet oder vorführt und gefasst wird, dem droht eine Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren. Bei gewerbsmäßigem Handel ist ein Strafmaß von sechs Monaten bis zehn Jahren vorgesehen. Beim Besitz von Kinderpornos drohen Geldstrafen oder eine Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren.

5. Wie weit ist Kinderpornografie verbreitet?
2012 hat die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) bei "Besitz und Verschaffung von Kinderpornografie" 3239 Fälle erfasst. Ein Großteil der Fälle bezieht sich auf das Internet.




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