Bamberg
Bildung

Neben der Brose-Arena entsteht ein Vorzeigeprojekt

Bamberg hat die Weichen für die Nachbarschaft der Brose-Arena gestellt. Kohlrabi und Kartoffeln haben dort keine Zukunft mehr.
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Auf einem drei Hektar großen Grundstück entsteht das neue Ausbildungszentrum der Handwerkskammer.  Foto: Ronald Rinklef
Auf einem drei Hektar großen Grundstück entsteht das neue Ausbildungszentrum der Handwerkskammer. Foto: Ronald Rinklef
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Draußen herrschte trübes Nebelgrau und drinnen übten sich die Stadträte in szenischen Anspielungen. Die Redner der Fraktionen sprachen von einem Lichtblick zwischen dunklen Wolken und bestürzenden Nachrichten aus der Automobilzulieferindustrie. Und tatsächlich: Während bei Brose, Michelin und Bosch um Jobs gezittert wird, zündet das oberfränkische Handwerk eine Investitionsoffensive, die für Jahrzehnte vorhalten soll. Über 7000 Auszubildende sollen künftig pro Jahr in Bamberg geschult werden. Das Projekt. Seit gut zwei Jahren wird über das neue Berufsbildungs- und Technologiezentrum der Handwerkskammer für Oberfranken (BTZ) verhandelt. Jetzt scheint das Vorhaben in trockenen Tüchern. Die Zustimmung der Vollversammlung der Handwerkskammer (HWK) am 2. Dezember gilt nur noch als Formsache für den Kauf des drei Hektar großen Grundstücks neben der Brose-Arena von der Stadt. Wirtschaftsreferent Stefan Goller, der auf Seiten der Stadt die Verhandlungen führte, spricht von einer "wesentlichen Stütze des Wirtschaftstandorts Bamberg". Einziger Wermutstropfen: Die beliebte Fläche der "Solawi", der solidarischen Landwirtschaft, ebenso der Selbsterntegarten, liegt mitten auf dem im Stadtbesitz befindlichen Gelände. "Das ist ein Problem", sagt Goller, versprach aber nach einer Lösung zu suchen. Mehr als ein Umzug. Die Handwerkskammer betreibt in Bambergs seit Jahren ein Technologiezentrum. Doch die Gebäude an der Hertzstraße sind in die Jahre gekommen und viel zu klein für die ambitionierten Pläne der Handwerker. "Wir wollen eine Stätte für die überbetriebliche Ausbildung schaffen, die vor allem für junge Menschen attraktiv ist. Die Fläche neben der Arena, unweit eines S-Bahn-Anschlusses und des Berliner Rings, schafft dafür die besten Voraussetzungen", sagt Matthias Graßmann, der aus Bamberg stammende Vizepräsident der Handwerkskammer. Dabei geht es um moderne Lernbedingungen für bis zu 7000 Auszubildende im Jahr, um den Ausbau des europäischen Lehrlingsaustausches und nicht zuletzt um ein architektonisches Vorzeigeproekt für eine Branche, die um mehr Beachtung und um Nachwuchs kämpft. 30 Millionen Euro sollen Werkstätten und ein Verwaltungsgebäude in Bamberg kosten. Tatsächlich ist es ein Fakt: Viele Handwerksbetriebe, vom Bäcker bis zum Fliesenleger, plagen ernsthafte Nachwuchssorgen. Oberfrankenweit gibt es laut Handwerkskammer rund 20 000 offene Stellen. Die Konkurrenz schläft nicht. Es war Bambergs Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD), der in der Debatte im Stadtrat seine Kollegen zu höchster Sensibilität ermahnte. Starke weiß aus der Erfahrung der letzten Monate: Nur allzu gerne hätten Städte wie Lichtenfels, Coburg oder auch Wunsiedel Bamberg die oberfränkische Ausbildungsstätte abgejagt. Doch Bamberg hatte gute Karten in dem Pokerspiel um die Handwerker-Uni: In Stadt und Landkreis Bamberg liegt mit 3380 Handwerksbetrieben und 1215 Lehrlingen das handwerkliche Schwergewicht in ganz Oberfranken. Die Nähe zu diesem Wirtschaftsmotor hat schlagende Vorteile. Weil auch aus weiter entfernt gelegenen Gebieten Oberfrankens Jugendliche nach Bamberg kommen, sucht die Handwerkskammer in Bahnhofnähe Flächen für ein Internat mit 100 Betten. Einer sagte nein. Selten herrschte in einer Stadtratssitzung solche Einmütigkeit. Nicht nur Fraktionsmitglieder von CSU und SPD jubelten. Auch der grüne Redner Wolfgang Grader lobte das "starke Signal" für Bamberg angesichts der Probleme in der Autoindustrie. Doch einer tanzte aus der Reihe: Heinrich Schwimmbeck von den Bamberger Linken Liste wünschte sich mehr Ökologie und weniger Flächenfraß. Die HWK solle in die Höhe bauen statt in die Breite. Tatsächlich geschieht das auch. Es sei denkbar, für die Verwaltung zwei oder drei Geschosse zu bauen, sagte Graßmann auf Anfrage. Doch natürlich benötige das Ausbauprogramm mit Werkhallen und Anliefermöglichkeiten auch ausreichend Fläche. Alles andere sei praxisfremd. Perspektiven im Osten. Langfristig bietet der Umzug der Handwerker an die Arena auch dem Osten Chancen. Die alte Fläche an der Hertzstraße, 1,2 Hektar, wird frei. Die Stadt hat bereits Interesse bekundet.

Kommentar des Autors:

Die Suche hat sich gelohnt

Es gerät leider gerne in Vergessenheit: Bamberg ist nicht nur eine Stadt der Geisteswissenschaften, der Studenten oder der Automobilzulieferindustrie. Bamberg ist auch eine Stadt der Handwerker. Und das ist gut so!

Denn abgesehen von den unverzichtbaren Stärken praktisch veranlagter Menschen, die Häuser bauen und Bier brauen, die Fahrräder reparieren und Essen zubereiten können, ist die Vielfalt und die Professionalität der heimischen Handwerksbetriebe auch ein wesentlicher Grund der wirtschaftlichen Stärke unserer Region.

Sie stehen weniger im Fokus der Aufmerksamkeit als Lohn- und Steuergiganten wie Michelin oder Brose, sind dafür aber weniger krisenanfällig. Vor dem Hintergrund der wackelnden Großindustrie ist es daher überfällig, dass das Handwerk selbstbewusst seine Stärken demonstriert und in Bamberg von den hinteren Rängen nach vorne in die erste Reihe rückt.

Ein Punktsieg in einer von Rückschlägen geprägten Phase ist das positive Ergebnis für das Rathaus. Nachdem die Verwaltung vor einem Jahr noch ein Muna-Grundstück am Berliner Ring ins Gespräch gebracht hatte, legt der erfolgversprechende Wechsel an die Brose-Arena eine Erkenntnis nahe, die sich schon bei der Verkehrspolizei aufdrängte: Wenn das Rathaus wirklich will, gibt es immer Alternativen.

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