Baunach
Verkehr

Naturschutz bremst Umgehung aus

Baunach will eine Ortsumfahrung der Bundesstraße und hat es auf den Ausbauplan des Bundes geschafft. Doch die Ost-Variante führt durch mehrere Schutzzonen.
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Blick von Süden auf Baunach: Nach dem Willen der Baunacher soll der Verkehr der B279 im Osten (rechts) an der Stadt vorbeigeleitet werden. Doch dort liegen mehrere Naturschutz-Zonen. Foto: Rinklef
Blick von Süden auf Baunach: Nach dem Willen der Baunacher soll der Verkehr der B279 im Osten (rechts) an der Stadt vorbeigeleitet werden. Doch dort liegen mehrere Naturschutz-Zonen. Foto: Rinklef

Nur ein rund 20 Zentimeter breiter Bordstein trennt das Haus des Baunachers Herbert Reinhard vom vorbeirauschenden Verkehr auf der Bundesstraße 279. "Mit dem Kinderwagen da rauszukommen, ist unmöglich", sagt der Opa, der sich um die Sicherheit seiner Enkelin sorgt. "Von uns muss sich immer einer auf die Straße stellen und die Autos anhalten, damit wir rauskommen."

Die Sicherheit ist das eine. Der Lärm, die Abgase, die verdreckten Fassaden das andere. "Das Haus steht seit 150 Jahren, aber der Verkehr ist stark angewachsen", sagt der 61-Jährige. 13 000 Fahrzeuge rollen laut Staatlichem Bauamt täglich an Reinhards Haus vorbei - Tendenz steigend.

Seit vielen Jahren schon hegen Reinhard und die meisten Baunacher den Wunsch nach einer Ortsumgehung der B279. "Alle wollen mit dem Verkehr raus", sagt Bürgermeister Ekkehard Hojer (CBB) dazu. Zusammen mit Reckendorf hat sich die Stadt beworben. Das Zauberwort dafür heißt "Bundesverkehrswegeplan". Wer es da rein schafft, darf sich Hoffnungen machen, dass bis 2030 wirklich etwas passiert.

Doch auch hier gibt es Abstufungen. Weil sich Reckendorf nicht so recht entscheiden konnte, ob der Verkehr künftig im Westen oder im Osten an der Ortschaft vorbeirauschen sollte, scheiterte die Bewerbung. Also trennte man die Anliegen, und Baunach bewarb sich allein. Mit Hilfe der Bundestagsabgeordneten im Wahlkreis Kulmbach-Lichtenfels-Bamberg Emmi Zeulner (CSU) machten die verkehrsgeplagten Städter Druck. "Wir haben 2016 sogar den Innenminister eingeschaltet", erzählt Hojer.

Der Einsatz war von Erfolg gekrönt - von einem Teilerfolg: Die Ortsumgehung trägt seit 2016 im Bundesverkehrswegeplan das Prädikat "Weiterer Bedarf mit Planungsrecht". Das bedeutet, es darf geplant werden. Für die Reckendorfer Ortsumfahrung fehlt dagegen das Planungsrecht. Das bedeutet, dass sich hier bis 2030 wohl nichts tun wird.

"Sehr hohes Konfliktpotenzial"

In Baunach hat man zwar ein erstes politisches Hindernis genommen - doch noch hat das federführende staatliche Bauamt keinerlei konkrete Planungen begonnen. Und dennoch türmen sich bereits Hindernisse auf - und die haben es in sich.

Gleich mehrere Naturschutzzonen liegen der favorisierten Ost-Trasse im Weg. "Der klassische Bogen wird ganz schön schwierig werden", sagt Emmi Zeulner dazu. Diese favorisierte Ostvariante sollte laut Bürgermeister von Süden kommend hinter der Mainquerung an der Kläranlage rechts runter und in einem weiten Bogen um das Gewerbegebiet um Baunach herum führen. Doch am Anfang und am Ende der Umgehung liegen jene Schutz-Gebiete. Das staatliche Bauamt Bamberg geht deshalb von einem "sehr hohen Konfliktpotenzial" aus.

Konkret werden im Süden die Special-Protection-Area (SPA-Gebiet) "Täler vom Oberen Main, Unterer Rodach und Steinach" und das fast lagegleiche Fauna-Flora-Habitat (FFH-Gebiet) "Itztal von Coburg bis Baunach" gequert und teilweise abgetrennt, erklärt Uwe Zeuschel, der Bereichsleiter im Straßenbau. Doch damit nicht genug: "Im nördlichen Teil der Strecke wird der Niederungsbereich der Baunach durchquert", also zwei fast lagegleiche Natura 2000-Gebiete - das SPA-Gebiet "Itz-, Rodach- und Baunachaue" und das FFH-Gebiet "Baunachtal zwischen Reckendorf und Baunach". Und es geht noch weiter: Ein weiteres FFH- und Naturschutz-Gebiet "Hänge am Kraiberg" liegt in der Wirkzone. Beeinträchtigungen nicht ausgeschlossen. Das Projekt liegt außerdem im Naturpark "Haßberge" und schneidet laut Zeuschel ein Landschaftsschutzgebiet (LSG) an mehreren Stellen randlich an. Ein Drittel der Strecke liegt im Bereich von Überschwemmungsgebieten.

Eindeutiges Fazit

Das Fazit des Baudirektors: "Bei den Gebieten kommt es durch die Planung zu naturschutzfachlich erheblichen Beeinträchtigungen."

Politikerin Zeulner sagt dazu: "Ich war in Brüssel und habe mit Vertretern der Europäischen Kommission darüber gesprochen.Es gibt schon Möglichkeiten, ein FFH-Gebiet zu überqueren." Die Schwierigkeiten sind aber enorm, denn die Lösungen müssen auch vor Gericht standhalten - und Widerstand kündigt sich bereits an.

"Tabu" für Naturschützer

"Für uns als Bund Naturschutz ist das ein Tabu, hier eine Umgehungsstraße durchzubauen", sagt Vorsitzender Martin Bücker, der zwar Verständnis für die verkehrsbelasteten Baunacher zeigt, aber die Eingriffe in die Natur für nicht hinnehmbar sieht.

Was also tun? Laut Emmi Zeulner prüfen die Planer nun eine alternative Trasse, die weniger Schutz-Gebiete tangiert. "Auch im Osten, aber direkt rüber an die Autobahn-Anschluss-Stelle Breitengüßbach", schildert die Bundestagsabgeordnete die grobe Richtung. "Dadurch würde die betroffene Naturschutzfläche reduziert." Gänzlich unberührt bliebe sie aber nicht - gelöst ist das Öko-Problem also keinesfalls.

Westen keine Option

Warum überhaupt im Osten an Baunach vorbeifahren? Warum nicht im Westen? Dieses Fass wollen die Planer nicht mehr aufmachen. "Meine Prämisse ist: Was die Leute nicht wollen, bauen wir auch nicht", betont Zeulner. Denn die Baunacher haben sich klar für den Osten ausgesprochen. Die Gründe dafür bringt der Baunacher Bauamtsleiter Christian Günthner kurz und knackig auf den Punkt: Die Ostvariante schließt das Gewerbegebiet an, führt also den dazugehörigen Schwerlastverkehr aus der Stadt heraus. Außerdem fürchten die Bürger, insbesondere die am Kreuzberg, bei der West-Variante einen Rieseneingriff in die Landschaft: Der Bannwald am Baggersee würde von einer tiefen Schneise durchschnitten. "Außerdem würde die West-Trasse nahe an den Baugebieten vorbeiführen und die Entwicklung Baunachs nach Westen abschneiden", erklärt Günthner.

"Die Westvariante wäre auch wesentlich teurer und bräuchte mehr Brückenbauwerke", sagt Zeulner. "Die Westumfahrung ist von den Bürgern nicht gewünscht."

Kommentar des Autors:

Ob wir die Ortsumfahrung noch erleben werden? Diese Frage hört man häufig, wenn man sich mit Baunachern über das Thema unterhält. Die meisten Antworten fallen skeptisch aus. In Form von heruntergezogenen Mundwinkeln und Kopfschütteln. Und das mit gutem Grund: Denn die Hindernisse für die Planer sind enorm. Wenn das Staatliche Bauamt von einem sehr großen Konfliktpotenzial spricht, dann heißt das schon was. Mehrere zusammenhängende Naturschutz-Zonen liegen im Weg. Die Kürzel FFH, LSG oder SPA sind wenig greifbar, bezeichnen aber wertvolle Lebensräume für Tiere und Pflanzen. Ein Naturschatz vor der Haustüre, auf den die Baunacher stolz sein können. Doch der Verkehr ist in der Stadt eine Belastung. Die Blechlawine erdrückt die Baunacher. Was also tun? Hier eine realistische Lösung zu finden, wird ein politisch-planerisches Meisterstück. Wer das schafft, verdient sich den Baunacher Verdienstorden am Bande. Ob er je vergeben wird?

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