Bamberg
Muna

Naturschützer wollen neue Gewerbeflächen in Bamberg verhindern

Seit 97 Jahren sind große Teile des Bamberger Südostens Sperrgebiet. Auf großer Fläche war die Natur sich selbst überlassen. Mit dem Abzug der US-Armee wird die Muna zum Zankapfel. Viele Hektar Wald sollen abgeholzt werden, fürchten Naturschützer.
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Von oben sieht die Muna fast wie ein Wald aus. Kommen die geplanten Gewerbegebiete von über 80 Hektar Fläche, dann fällt ein Großteil davon der Säge zum Opfer. Foto: Ronald Rinklef
Von oben sieht die Muna fast wie ein Wald aus. Kommen die geplanten Gewerbegebiete von über 80 Hektar Fläche, dann fällt ein Großteil davon der Säge zum Opfer. Foto: Ronald Rinklef
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Man muss nicht lange suchen. Der Boden steckt voller Geschichte, auch dort, wo man in Bamberg nur Kiefern und magere Wiesen vermutet würde. Es sind dosenartige Hülsen, von denen einmal eine tödliche Gefahr ausging. Jetzt stecken sie verrostet im Sandboden unweit des kleinen Sees hinter der Gutenbergstraße. "Kartuschen für die Pak, die Panzer-Abwehr-Kanonen", erklärt Helmut Weis.

Für den US-Zivilangestellten ist diese Art Weltkriegschrott nichts Besonderes. Der Mann mit dem blonden Schnurrbart kennt das Gebiet wie seine Westentasche. Auch auf scharfe Granaten ist er schon gestoßen.
Lebensgefahr am Rande von Bamberg? Es hat schon seinen Grund, dass ein hoher Zaun das 145 Hektar große Areal zwischen der Geisfelder Straße und dem Gewerbegebiet an der Gutenbergstraße vom Rest der Stadt trennt. Nirgends in Bamberg sind die dunklen Zeiten der deutschen Geschichte präsenter als in der "Muna", der ehemaligen Heereshauptmunitionsanstalt im Dritten Reich.

Auch in der Stadtverwaltung weiß man um die Gefahren, die hier im Boden schlummern. "Eine Entmunitionierung ist zwingend für alle zukünftigen Nutzungen", sagt Harald Lang vom Konversionsamt.

Möglicherweise Giftgas vergraben
Als die US-Armee die Anlage im April 1945 besetzte, sollen die 65 unterirdischen Bunker bis an die Decke mit Munition vollgestopft gewesen sein: Geschosse aller Art, Minen, Handgranaten lagerten in den hallenartigen Munitionshäusern, angeblich 12.000 Tonnen. Das Meiste davon sollen die Amerikaner gesprengt haben. "Doch Teile wurden auch vergraben", sagt Weis. Möglicherweise war auch Giftgas darunter. Immerhin 18.800 Giftgasgranaten sollen in Bamberg gelagert worden sein..

70 Jahre später ist die Gefahrenzone durchaus lieblich anzusehen. Die Natur hat die Muna mit Macht zurückerobert. Knorrige Eichen und Kiefern verbreiten urwüchsige Atmosphäre rund um den Sendelbach. Und an den kahlen Südhängen der Bunker haben Mufflons Spuren hinterlassen. "Für mich ist die Muna ein Naturparadies. Hier gibt es alles, vom Dachs bis zum Reh, seltene Pflanzen und kaum veränderte geschichtliche Zeugnisse", schwärmt Weis.

Freilich, es gibt kein Paradies, aus dem nicht irgendwann die Vertreibung drohte. Wer auf das städtebauliche Entwicklungskonzept für die Bamberger Konversionsfläche blickt, erkennt dort, wo sich heute Schießplatz und Muna befinden, neun große Baufelder, die unter anderem den nördlichen Teil der Muna bis zur Geisfelder Straße in voller Länge einnehmen.

Raum für neue Ansiedlungskandidaten
"Hier besteht die große Chance, Gewerbeflächen für die Zukunftssicherung der Stadt Bamberg zu schaffen", erklärt Stadtplaner Kunibert Wachten die Überlegungen. Rund 80 bis 90 Hektar neues Gewerbegebiet sollen abschnittsweise verwirklicht werden - Raum für neue Ansiedlungskandidaten wie etwa den Automobilzulieferer Schaeffler. Der überlegt nach wie vor, ein neues Logistikzentrum in Mitteleuropa zu bauen. Bamberg ist eine der letzten beiden Städte, die noch im Rennen sind.

Doch Arbeitsplätze sind nur die eine Seite. In Naturschutzkreisen haben die Pläne der Stadt, große Teile der Muna abzuholzen und zu überbauen, Empörung ausgelöst. "Diese Planung bedeutet einen immensen Flächenverlust, sie isoliert das vorhandene Naturschutzgebiet und zerstört wertvolle Lebensräume. Deshalb werden wir mit allen Mitteln dagegen kämpfen", kündigt Heinz Jung vom Bund Naturschutz Bamberg an. In seiner Kritik stützt sich der BN vor allem auf die Untersuchungen von Hermann Bösche und Martin Bücker. Sie bescheinigen der Muna mit ihrem Mosaik aus Rasen, Waldflächen, Teichen und feuchten Moorböden einen herausragenden Artenreichtum.

Konflikt zwischen Naturschutz und Gewerbe
Im Rathaus sieht man den Konflikt zwischen Naturschutz und Gewerbe den scharfen Tönen zum Trotz als lösbar an. Harald Lang weist darauf hin, dass das elf Hektar große Naturschutzgebiet erweitert werden soll und mindestens der Raum rund um die Bunker, ca. 40 Hektar, auch in Zukunft als Naturfläche zur Verfügung stehen werde. Die "stark versiegelte Muna" umfassend zu erhalten, kann sich Lang allerdings nicht vorstellen. Weil Bamberg wegen seiner Flächenknappheit auf neue Gewerbeareale existenziell angewiesen sei. "Wir haben nur noch das Gebiet nördlich der B 26 und die Nord- und die Südflur. Ohne die Muna bekommen wir irgendwann Probleme mit den Arbeitsplätzen."

Helmut Weis schüttelt den Kopf angesichts solcher Sachzwänge. Er fürchtet nicht nur um die Natur, sondern auch um die mitten im Wald versteckten Hallen, in denen der legendäre Bamberger Flugzeugkonstrukteur Willy Messerschmitt vor 90 Jahren sein erstes Motorflugzeug gebaut hat. Seitdem hat sich kaum etwas verändert. Türen, Fenster, ja sogar die Glühbirnen stammen aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. "Der Erhaltungsgrad ist phänomenal", sagt Weis.

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