Bamberg
Verkehrssicherheit

Nach Unfall: Busfahrer beschenkt Jungen

Ein Kind läuft in einen Stadtbus, der Fahrer macht eine Vollbremsung. Der Junge wird verletzt, überlebt aber. Der Fahrer steht unter Schock. Was folgt, ist ein Geschenk der Stadtbusfahrer an das Kind - und ein Leserbrief vom Opa des Jungen an den "Fränkischen Tag".
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Stadtbusfahrer Harald Wessely ist hochkonzentriert. Jeden Moment könnte ein Fußgänger zwischen den Autos auftauchen. Foto: Ronald Rinklef
Stadtbusfahrer Harald Wessely ist hochkonzentriert. Jeden Moment könnte ein Fußgänger zwischen den Autos auftauchen. Foto: Ronald Rinklef
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Es ist der letzte Satz im Leserbrief von Harald R. "Dem betroffenen Busfahrer wünsche ich, dass es ihm ganz bald wieder besser geht." Harald R. ist der Großvater eines kleinen Jungen, der vor kurzem in einen Unfall mit einem Stadtbus verwickelt war.

"Es war Freitagnachmittag. Meine Tochter hat ihre beiden Kinder aus dem Kindergarten abgeholt", erzählt der Großvater. Das Mädchen ist sechs Jahre, der Junge dreieinhalb. Der sei nicht bei seiner Mutter stehen geblieben, sondern über die Straße gerannt, weil die Schwester bereits auf der anderen Straßenseite war, wie Harald R. berichtet.

Doch in diesem Moment war der Bus schon da. "Der Junge ist so klein, den konnte der Busfahrer gar nicht sehen. Links und rechts in der Straße war alles mit Autos zugeparkt. Ihn trifft keine Schuld", sagt der Opa. Der Busfahrer trat voll in die Eisen, erwischte den Jungen aber trotzdem. Dessen Fuß geriet unter das Vorderrad des Busses.

Seitdem liegt das Kleinkind im Krankenhaus, die Ärzte bemühen sich um die Durchblutung seines Fußes. Zwei Zehen mussten amputiert werden. Die Mutter ist Tag und Nacht bei ihrem Kind, auf die Schwester des Jungen passen der Vater und die Großeltern auf. Die Eltern des Dreieinhalbjährigen möchten anonym bleiben, erlauben aber dem Großvater - Harald R. - mit der Zeitung zu sprechen. Weil er den Leserbrief verfasst hat.

Familie sehr gerührt

Darin schreibt er: "Fast alle städtischen Busfahrer haben zusammengelegt und meinem Enkel als Trost und Aufmunterung ein großartiges Geschenk überreicht. Das hat die Familie sehr gerührt und ich finde es einfach toll und keineswegs selbstverständlich. Deshalb schreibe ich: Wisst ihr Bamberger eigentlich, was für eine sympathische Truppe eure Stadtbusfahrer sind?"

Als sie diese Sätze hören, atmen drei Männer am Tisch tief aus. Sie sitzen im Servicezentrum der Stadtwerke Bamberg, nicken erst, lächeln dann. Es sind Peter Scheuenstuhl, Leiter des Verkehrsbetriebes, Stadtwerke-Sprecher Jan Giersberg und Detlef Krapp. Letzterer ist Fahrdienstleiter bei den Busfahrern und derjenige, der mit der Familie des Jungen Kontakt aufgenommen und das Geschenk übergeben hat. Einen Spielzeug-Rettungshubschrauber von Playmobil. Einen, an dem man sogar eine Trage abseilen kann. "Den hat der Harald ausgesucht. Er hat selbst einen Jungen in dem Alter", sagt Detlef Krapp. Harald Wessely ist ebenfalls Stadtbusfahrer. Und wie viele seiner Kollegen Familienvater.

"Der Unfall geht der ganzen Truppe emotional extrem nah", sagt Detlef Krapp. Die Sorge um das Kind, die Sorge um den Kollegen, der hinterm Steuer saß, derzeit aber noch aussetzt. Auch er möchte anonym bleiben. Wie seine Busfahrer-Kollegen hat er an regelmäßigen Schulungen, Einweisungen und Trainings teilgenommen.

Da geht es um Neuerungen in der Straßenverkehrsordnung, Fahrsicherheitstrainings oder den Umgang mit "mobilitäts eingeschränkten Personen". "Außerdem machen wir jedes Jahr Verkehrssicherheitstage mit den Schulen", erklärt Peter Scheuenstuhl. "Da lernen die Kinder, wie sie richtig Bus fahren." Bei den Trainings arbeitet der Verkehrsbetrieb zum Beispiel mit ADAC, Straßenverkehrswacht, Polizei und dem Kinder- und Jugendtheater Chapeau Claque zusammen.

Unfälle werden analysiert

Außerdem besprechen die Busfahrer einmal im Jahr mit Polizei und Straßenverkehrsaufsichtsamt Unfallschwerpunkte in Bamberg - und Unfälle. Das sind meist "kleinere", wenn sich etwa Menschenim Bus nicht richtig festhalten und beim Bremsen stürzen. Das kommt laut Aussage von Peter Scheuenstuhl pro Jahr etwa 15 Mal vor - "in Relation zu 10,3 Millionen Fahrgästen pro Jahr", ergänzt Pressesprecher Jan Giersberg.
"Schlimmere Unfälle, bei denen es zur Konfrontation zwischen Verkehrsteilnehmern kommt, haben wir sehr wenige", sagt Scheuenstuhl. "In den vergangenen 20 Jahren waren es - mit dem aktuellen Fall - drei."

Sobald ein Mensch verletzt wird, schaltet sich die Staatsanwaltschaft ein. Bardo Backert, Leitender Oberstaatsanwalt in Bamberg, erläutert: "Es handelt sich dabei um Ermittlungen wegen fahrlässiger Körperverletzung. Es geht darum, festzustellen, ob den Busfahrer eine Schuld trifft."

Genau diese Frage stellt sich der betroffene Busfahrer laut Detlef Krapp selbst. "Das ist eine enorme nervliche Belastung für ihn. Nach so einem Unfall macht sich ein Busfahrer viele Gedanken - ,wenn ich eine Sekunde später am ZOB losgefahren wäre, vielleicht hätte ich dann die Ampelschaltung gar nicht mehr erwischt?'"
Krapp sagt: "Die Busfahrer sind jeden Tag froh, wenn sie nach acht Stunden nach Hause gehen und unfallfrei sind. Man denkt sich oft: Hoffentlich rennt da jetzt keiner über die Straße rüber."

Wenn doch etwas passiert, kümmern sich sogenannte Praxisberater - Busfahrer, die den Kollegen als Betreuer zur Seite stehen - wie Detelf Krapp. Zudem werden die Busfahrer psychologisch betreut. Bisher wollten alle wieder hinters Steuer und weiterfahren. So auch der Fahrer, dem der dreieinhalbjährige Junge in den Bus gelaufen ist. "Der Kollege will nächste Woche wieder den Dienst aufnehmen", sagt Krapp. Er wird an seiner Seite sein.



Kommentar von Redakteurin Anna Lienhardt:

Gegenseitige Anteilnahme

Warum diese Geschichte erzählt wird? Weil sie es wert ist. Weil es die Geschichte ist von Menschen, die aufeinander zugehen und miteinander reden, anstatt sich gegenseitig die Schuld zuzuschieben. Für einen Unfall, bei dem alle Beteiligten dankbar sind, dass er nicht schlimmer ausgegangen ist. Ein kleiner Junge rennt plötzlich über die Straße und sieht den Stadtbus nicht. Der Fahrer legt zwar eine Vollbremsung hin, erwischt aber den Fuß des Kindes.

Es geht hier nicht darum, das Leid anderer öffentlich auszuschlachten. Sondern darum, zu zeigen, was so ein Vorfall in Menschen auch bewirken kann: gegenseitiges Verständnis. Und die gemeinsame Hoffnung, dass es nicht nur der eigenen Familie, sondern auch den anderen am Unfall Beteiligten bald besser geht. So ist der Großvater des verletzten Jungen so gerührt von der Anteilnahme des Busfahrers und dessen Kollegen, dass er einen Leserbrief an die Zeitung schreibt - in dem er die Reaktion der Bamberger Stadtbusfahrer öffentlich loben will. Natürlich ist es absolut verständlich, wenn Angehörige von Menschen, die in einen Unfall verwickelt waren, anders reagieren. Es kommt immer auf die Umstände an und darauf, wie jemand persönlich mit so etwas umgeht. Doch im aktuellen Fall hat sich der Großvater eben für die Öffentlichkeit entschieden. Weil er eine Botschaft loswerden wollte: einfach ein Dankeschön in schweren Zeiten.
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