Geisfeld
Natur

Mystisch und kolossal: die Wendelinuseiche in Geisfeld

Vor 50 Jahren brachte eine Windböe das tausend Jahre alte Naturmonument zu Fall. Kinder hatten mit einer Brandstiftung den Untergang eingeleitet.
Artikel drucken Artikel einbetten
Die Reste des Naturdenkmals am Fuß des Geisbergs sind bis heute beeindruckend. Foto: Stephan Keilholz
Die Reste des Naturdenkmals am Fuß des Geisbergs sind bis heute beeindruckend. Foto: Stephan Keilholz
+2 Bilder

von Dr. Dieter Heim

Wer auf der lauschigen Forststraße zwischen Geisfeld und Melkendorf wandernd unterwegs ist, wird von einem unscheinbaren, hölzernen Wegweiser in eine feuchte Niederung am Fuß des Geisbergs gelockt. Eine Eiche soll dort zu finden sein, eine Eiche mit Namen sogar: Wendelinuseiche. Nach einigen Metern steht der Wanderer vor einem dunkelbraunen, wie von Riesenhand hingeworfenen Koloss. Eine mannshohe Öffnung tut sich auf und gibt den Blick in das Innere des ehemals 23 Meter hohen Baumstammes frei.

Eintausend Jahre und mehr hat das imposante Gewächs hier alles überragt. Für Hunderte von Schulklassen aus dem Bamberger Raum war die Eiche ein beliebtes Ziel von Wandertagen. Die Kinder nahmen Maß und umringten den Stamm mit ausgestreckten Armen. 13 Meter betrug der Umfang am Boden. Bis in die 1930er-Jahre, erinnert sich der spätere Revierförster Fritz Keilholz, habe er als Kind noch grünes Laub im Kronenbereich entdecken können.

Wie der Riese starb

Das verschwand 1931, als zündelnde Kinder im hohlen Stamm ein Feuer entfachten und damit dessen einseitige Statik weiter schwächten. Ein Blitzstrahl hatte nämlich Jahre zuvor schon einen dicken Hauptast vom Stamm getrennt, so dass in zwölf Metern Höhe das Gegenstück frei in den Raum ragte. Der ca. 50 Kubikmeter Totholz umfassende Torso war jedoch keineswegs tot, sondern wurde von zahlreichen Tieren belebt. So auch von Wildbienen, wie sich Fritz Keilholz erinnert, der von einer trotz Schutzkleidung schmerzhaften Wildhonig-Ernte erzählt.

Das seit dem 19. Jahrhundert in der Literatur als zu den ältesten und auch merkwürdigsten Bäumen Deutschlands gehörende Naturdenkmal "Wendelinuseiche" ergab sich schließlich am 30. Juli 1969 einer schwachen Windböe und stürzte um. Das wurde bedauernd zur Kenntnis genommen und der gefallene Baumriese dem Verfall preisgegeben.

Seitenast im Pfarrsaal

Die Kulturelle Dorfgemeinschaft Geisfeld hingegen wollte sich damit nicht abfinden und verbrachte den noch gut erhaltenen massiven Seitenast in den Vorraum des Pfarrsaals unter der Kirche St. Magdalena, wo er als Erinnerungsstück zu betrachten ist und immer wieder die Diskussion um den Namen der Eiche neu belebt.

Es steht unstrittig fest, dass St. Wendelin, der Schutzpatron von Hirten und Bauern, niemals an diesem Ort gepredigt hat, wie es der Volksmund weiterträgt. Vielmehr gibt es zwei Deutungsmuster: Der Platz um die Eiche könnte eine keltische oder germanische Opferstätte gewesen sein, die nach der fränkischen Landnahme und Christianisierung an Bedeutung verlor. Anstatt den Baum pietätlos zu fällen, könnte er dem Heiligen Wendelin umgewidmet worden sein.

Naheliegend ist auch die Deutung, dass die in diesem Raum lebenden Slawen, sogenannte Wenden, an ihren Bräuchen und Riten trotz der Christianisierung festhielten und der Baum als "Wendeneiche" bezeichnet wurde und schließlich die Umwandlung in Wendelinuseiche erfolgte.

Welch enge Beziehung die Geisfelder zu ihrer Wendelinuseiche hatten und noch haben, zeigt eine Ode mit 31 erzählenden Strophen zu ihr, die der langjährige Oberlehrer Heinrich Schuster in den 30er Jahren in Reimen gefasst hat. Die ersten zwei und die letzte Strophe lauten: 1. Die letzte ihrer Genossen an Jahren überreich, So steht eine alte Eiche wohl einer Ruine gleich. 2. Viel Zeiten sah kommen und gehen sie in der Jahrhundert Lauf, Geschlechter ersteh'n und vergehen und neue ziehen wohl auf.

........................... 31. Mit starken Planken umgeben stell' sie wie schon 1000 Jahr Auch in erstorbenen Formen ein Mal für die Nachwelt dar.

Ein von der Kreissparkasse Bamberg gestifteter Schaukasten am nördlichen Verbindungsweg zur Staatsstraße wurde auf Anregung der Kulturellen Dorfgemeinschaft Geisfeld und unter Beteiligung des Forstamtes Scheßlitz im November 1998 aufgestellt und informiert die Besucher mit Texten und einer präparierten Astscheibe über das Schicksal des gestürzten Riesen.

Ortstermin am Dienstag

Der Forstbetrieb Forchheim mit seinem Leiter Stephan Keilholz nimmt das Datum 30. Juli 1969 zum Anlass, um auf den außergewöhnlichen Baum aufmerksam zu machen. Unter anderem werden Zeitzeuge Fritz Keilholz und der zuständige Leiter des Forstreviers Leesten, Gerhard Rühling, bei den "Betrachtungen zu einem mystischen Baum, zu 50 Jahre Vergänglichkeit und zum Leben in Totholz" dabei sein. Interessierte treffen sich am Dienstag, 30. Juli, um 10 Uhr am Ortsausgang von Geisfeld in Richtung Melkendorf, um zu Fuß das allmählich vergehende Naturdenkmal aufzusuchen.

Der Autor dieses Textes

Dr. Dieter Heim wohnt seit 1967 in Geisfeld. Bis 1975 war er Lehrer am Ort und wechselte nach Zweitstudium zum Diplom-Pädagogen und Promotion zum Dr. Phil. an die Universität Bamberg als Dozent (Akademischer Direktor). Seit 1967 bis heute engagiert sich Dieter Heim in der Kulturellen Dorfgemeinschaft Geisfeld (KDG), deren Ehrenmitglied er 2005 wurde. Das 70-jährige Bestehen der KDG im Jahr 2018 dokumentierte er in einer Chronik. Die Ortschronik von Geisfeld ist in Arbeit. Auch die Geschichte zur Wendelinuseiche hat er aufgezeichnet.

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren