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Scheßlitz
Gesundheit

Mund weit öffnen und hoffen: Einblicke in die Corona-Ambulanz in Scheßlitz

Seit fast zwei Wochen wird in der Corona-Ambulanz in Scheßlitz auf das Virus getestet. Aktuell etwa 100 mal pro Tag. Ein Einblick in die Abläufe.
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Durch eine kleine Öffnung in der Plexiglas-Scheibe nimmt die Ärztin einen Abstrich im Mundraum . Die Testergebnisse kommen nach ein bis vier Tagen.  Fotos: Matthias Hoch
Durch eine kleine Öffnung in der Plexiglas-Scheibe nimmt die Ärztin einen Abstrich im Mundraum . Die Testergebnisse kommen nach ein bis vier Tagen. Fotos: Matthias Hoch
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Neben dem Netto-Markt in Scheßlitz stehen am Mittag etwa 35 Menschen in der Schlange. Jemand hustet, jemand anderes zuckt kurz zusammen und vergrößert den ohnehin großzügigen Abstand um einen Schritt. Ansonsten bleibt es erstaunlich ruhig und besonnen vor der Corona-Ambulanz, die seit 7. März von der gemeinnützigen Krankenhausgesellschaft des Landkreises (GKG) mit Unterstützung der Sozialstiftung Bamberg (SSB) und des Gesundheitsamts betrieben wird.

"Am Anfang war es etwas chaotisch, mittlerweile sind die Leute sehr rational - auch, wenn wir sie wieder wegschicken müssen. Einen Sicherheitsdienst brauchen wir zum Glück nicht", sagt der zuständige Chefarzt Sören Maaß. Wer an der Reihe ist, redet kurz über die Sprechanlage mit einer Ärztin, die Kriterien abfragt. "Die ändern sich gerade recht schnell", erklärt Maaß. "Vor einer Woche haben wir jeden getestet, der aus Südtirol kam und ein bisschen Kratzen im Hals hatte. Aber dafür haben wir jetzt nicht mehr die Zeit und die Ressourcen." Etwa jeden Fünften müsse er wegschicken. Nun gilt: Wurde die Person vom Hausarzt oder Gesundheitsamt geschickt, hat sie Symptome oder direkten Kontakt mit einem bestätigten Fall gehabt? Eine junge Frau erfüllt die Kriterien und wird weiter zu einer Plexiglasscheibe gebeten.

Arbeit hinter der Scheibe

Dahinter herrscht geschäftiges Treiben: Neben dem Chefarzt sind zwei Fachärztinnen und zwei medizinische Fachangestellte an Telefon, Computer und Scheibe im Einsatz. Eine Ärztin in Schutzkittel, Handschuhen, Schutzbrille und Atemmaske bittet die junge Frau um ihre Gesundheitskarte. Die gibt sie dann an eine Helferin weiter, öffnet eine Schublade mit versiegelten Röhrchen, nimmt ein Stäbchen heraus. Zwischendurch desinfiziert sie immer wieder Hände und Material. Dann spricht sie durch die Scheibe: "Den Mund bitte weit öffnen. Das geht jetzt an die Rachenhinterwand und könnte kurz unangenehm werden." Dann streicht sie mit dem Stäbchen durch den Mundraum der jungen Frau. Die bleibt gelassen. Das Stäbchen wandert ins Röhrchen, das beschriftet in einen Korb kommt, der dann an eines der Labore in Bamberg geschickt wird. Schließlich bekommt die Frau noch ein Merkblatt mit Tipps zum Umgang mit der durch das Corona-Virus ausgelösten Krankheit Covid-19. Bei leichtem Verlauf gilt etwa: "Ruhen Sie sich aus, trinken Sie viel und nehmen Sie bei Bedarf Medikamente gegen Fieber oder Schmerzen." Außerdem ist eine Telefonnummer angegeben, unter der die Frau in einem bis vier Tagen ihr Testergebnis erfährt.

"Ganz so einfach und schnell wie beim Burger-Drive-In geht es dann auch nicht", sagt Chefarzt Maaß in Anbetracht kursierender Falschmeldungen. Auch deshalb appelliert er an alle, nur auf Anweisung von Hausarzt oder Gesundheitsamt und nur bei Symptomen zur Corona-Ambulanz zu kommen. "Wir kümmern uns jetzt vor allem um die Kranken." Weil er eine hohe Dunkelziffer an Corona-Infizierten vermutet, "bin ich offengesagt auch froh über jeden positiven Test, den wir hier vor Ort bekommen. So lässt sich das besser kontrollieren", sagt Chefarzt Maaß.

Über 450 Personen wurden laut Maaß bereits in Scheßlitz getestet, aktuell sind es etwa 100 pro Tag. Er hält das Verfahren für sinnvoller als die derzeit durch die kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) durchgeführten Haustests.

Vor allem im Bezug auf die benötigten Ressourcen: Für einen Abstrich zu Hause muss der Arzt jedes Mal die Schutzkleidung wechseln. Diese sei laut einem Fahrer, der sich vergangene Woche an den FT wendete, zudem nicht immer ausreichend - was Mediziner wie Fahrer gefährde (FT vom 16. März).

Noch rechnet die KVB die Test-Stationen aber nicht ab, in der Region Bamberg gehen GKG und SSB in Vorkasse, "dieser Zusammenhalt ist Gold wert und wohl auch der Grund, warum die Zahl der Infizierten hier noch überschaubar ist", lobt Maaß: 27 bestätigte Fälle zählt derzeit das Gesundheitsamt (Stand: 18. März, 15 Uhr). Die Station in Scheßlitz ist durch die reibungslose Zusammenarbeit eine der ersten in Bayern gewesen, der Vorsprung sei von großem Vorteil: "In Ansbach hat kürzlich eine aufgemacht und musste zehn Minuten später wegen des Andrangs wieder schließen", erzählt Maaß. Durch die Mithilfe der für Bamberg zuständigen Sozialstiftung in Scheßlitz, werde diese auch bei der Eröffnung der Anlaufstation in Bamberg in Kürze profitieren. "Aber auch wir sind im Lernprozess und ändern die Abläufe regelmäßig." Jeden Tag gebe es einen Austausch zwischen Landrat, Oberbürgermeister, sozialen Trägern der Kliniken, Sicherheitsdiensten und Medizinern.

Viele helfen freiwillig

Maaß sei täglich von halb acht Uhr morgens bis halb acht Uhr abends im Einsatz. Ansonsten seien jeweils vier Mitarbeiter für Vier-Stunden-Schichten in Scheßlitz vor Ort - montags bis sonntags. Wird das Personal knapp? "Derzeit habe ich keine Probleme, meinen Dienstplan zu füllen", freut sich Maaß. Das liegt auch daran, dass hier viele freiwillig helfen: Eine Ärztin sei eigentlich im Urlaub, habe sich aber zum Dienst gemeldet, weil sie ohnehin nicht reisen könne. Mit müden Augen und mitfühlender Stimme klappert sie die Kriterien von einem Anrufer nach dem nächsten ab.

Auch die Krankenpflegerin Jana Gröger meldete sich auf Eigeninitiative. Sie ist auf der psychosomatischen Station in Burgebrach angestellt. "Ab Mittag helfe ich in Scheßlitz aus", sagt sie. Warum? "Weil ich mutig bin." Der Dank aus dem persönlichen Umfeld hält sich allerdings in Grenzen: "Aktuell meiden mich viele", erzählt Gröger mit einem Lächeln. Andere würden sie mit Fragen löchern. Die Unsicherheit ist nach wie vor groß.

Gegen Nachmittag schrumpft die Schlange auf dem Parkplatz, was Maaß bemerkt. "Lasst uns jetzt mal eine halbe Stunde Pause machen", sagt Maaß zu den Mitarbeitern. Denn zu Tun gibt es in den kommenden Wochen sicher genug.