Bamberg
Interview

Moderne Kunst von Weltrang für Bamberg?

Nach seiner Renovierung könnte im Schloss Geyerswörth ein Museum für zeitgenössische Kunst von Weltrang untergebracht werden. "So eine Chance kriegt Bamberg nie wieder", meint der Bamberger Kunsthistoriker Wolfgang Brassat.
Artikel drucken Artikel einbetten
Werke aus der Ausstellung "Generations Part 3. Künstlerinnen im Dialog" - sie könnten zukünftig in Bamberg zu sehen sein. Foto: Sammlung Goetz
Werke aus der Ausstellung "Generations Part 3. Künstlerinnen im Dialog" - sie könnten zukünftig in Bamberg zu sehen sein. Foto: Sammlung Goetz
+4 Bilder

Schloss Geyerswörth. Ein Schmuckstück im Herzen der Stadt, das jetzt für sehr viel Geld - 17 Millionen Euro - aufwändig renoviert wird, und von dem noch nicht klar ist, wie es in Zukunft genutzt werden soll. Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) kann sich gut vorstellen, aus dem Rathaus Geyerswörth ein Museum für moderne Kunst zu machen. Teile der Münchener Sammlung Goetz sollen in dem Residenzschloss untergebracht werden. Prompt gibt es Kritik. Schon im prachtvollen Alten Rathaus auf der Oberen Brücke sei mit dem Porzellanmuseum "Sammlung Ludwig" eine Ausstellung untergebracht, für die viele Bamberger nichts übrig hätten. Müsse nun auch noch Schloss Geyerswörth als Provinz-Dependance herhalten für eine Sammlung, die es nicht in die Münchner Museen geschafft habe?

"So ist das nicht", widerspricht Wolfgang Brassat, Professor an der Uni Bamberg und Inhaber des Lehrstuhls für Kunstgeschichte, insbes. Neuere und Neueste Kunstgeschichte. Ingvild Goetz, 78, Tochter des Unternehmers Werner Otto (Otto-Versand), habe Kunstwerke von Weltrang gesammelt, von denen die Öffentlichkeit einige noch nie zu Gesicht bekommen habe.

Vorgeschmack 2020?

Von der größten Privatsammlung zeitgenössischer Kunst in Deutschland ist die Rede. Sie umfasst Gemälde und Skulpturen, Fotografien, Arbeiten auf Papier, Installationen, Filme und Videos. "Warum sollte man nicht die sich bietende Gelegenheit nutzen, eine Auswahl aus diesen Beständen dauerhaft, gegebenenfalls auch in Wechselausstellungen, in Bamberg zu präsentieren?", wirbt Brassat.

Es gibt, so Brassat, Überlegungen, die Sammlung Goetz im Sommer 2020 in einer Ausstellung in der Villa Dessauer zu präsentieren, "dann könnten die Bamberger Bürger einen Eindruck von ihrer herausragenden Qualität und Vielfalt gewinnen". Nachfolgend ein Interview mit Professor Wolfgang Brassat.

5000 Kunstwerke, die ausgestellt werden möchten

Herr Brassat, Ihr Kollege Professor Wilfried Krings, Historiker, hält nichts davon, aus Schloss Geyerswörth ein Museum zu machen. Schon gar keines, in dem dann Teile der Münchener Sammlung Goetz zu sehen sein sollen. Für Bamberg als Kulturstadt, so Krings, wäre eine Nebenstelle mit entbehrlichen Werken aus einem Münchener Privatmuseum keine Aufwertung. Bamberg besitze selbst genügend schlummernde Kulturschätze, die nicht angemessen präsentiert würden, und ein neues Museum sei nicht erstrebenswert.

Prof. Dr. Wolfgang Brassat: Dem ist entschieden und mit guten Gründen zu widersprechen. Der kulturelle Reichtum unserer Weltkulturerbe-Stadt steht außer Frage, doch er beruht zum größten Teil auf dem Erbe vormoderner Zeiten. Bamberg, immerhin eine Universitätsstadt mit einer wachsenden Zahl von mehr als 75 000 Einwohnern und dynamischer Wirtschaftsstandort, droht im Kern zu einer Museumsstadt zu werden. Die zeitgenössische Kunst ist hier völlig unterrepräsentiert und vielen Bewohnern war es sicherlich aus dem Herzen gesprochen, als vor einiger Zeit Nora Gomringer in einer öffentlichen Veranstaltung erklärte: "Wir lechzen nach Moderne!" Die Sammlung Goetz in Bamberg wäre ein enormer Gewinn für die Stadt, eine hochkarätige Bereicherung für ihr Kulturleben.

Wovon reden wir bei der "Sammlung Goetz"?

Wolfgang Brassat: Die Sammlung Goetz ist eine Sammlung zeitgenössischer Kunst von internationalem Rang. Ingvild Goetz hat sich nicht nur als Sammlerin, sondern schon mit ihrer 14-jährigen Tätigkeit als Galeristin großes Renommee in Fachkreisen erworben. Zurzeit gehört sie einem vom Kunstministerium berufenen internationalen Expertenrat von drei Personen an, die das Haus der Kunst u.a. bei der Suche nach einer neuen künstlerischen Leitung strategisch und programmatisch beraten. Ihre Sammlung umfasst mehr als 5000 Werke, von denen Frau Goetz bereits 375 Medienarbeiten zusammen mit ihrem Museumsbau dem Freistaat Bayern vermacht hat. Diese exzeptionellen Bestände aber lagern überwiegend in Depots. Sie werden stets nur in bescheidener Auswahl in Wechselausstellungen in dem kleinen, von Herzog & de Meron erbauten Museum in München-Oberföhring - zu besichtigen nach telefonischer Vereinbarung - und regelmäßig auch im Haus der Kunst gezeigt.

Klingt, als wären die Kunstwerke für München nicht gut genug.

Wolfgang Brassat: Nein, ganz und gar nicht! Doch ein Museum, das diese Sammlung angemessen der Öffentlichkeit präsentieren würde, existiert nicht und es ist fraglich, dass man in München, das in jüngerer Zeit die Pinakothek der Moderne und die Sammlung Brandhorst erhalten hat, ein solches errichten würde. Eben darin liegt die große Chance für unsere Stadt. Es ist eine wirkliche Win-Win-Situation, in der Bamberg der Sammlerin als Standort eine historisch bedeutende große Immobilie im Herzen der Weltkulturerbestadt anbieten kann.

Wie kam Bamberg ins Spiel?

Wolfgang Brassat: Schon vor geraumer Zeit haben Matthias Löffelmann, dem sich diese Idee verdankt, und ich im Wissen, dass in Bambergs Zentrum große Immobilien einer neuen Nutzung offenstehen, die Sammlung Goetz kontaktiert. Ingvild Goetz hat auf unsere Initiative und die Aussicht, in Bamberg ihre Werke ausstellen zu können, enthusiastisch reagiert. Nachdem ich später bei einem Telefonat von Toni Schmid, dem Ministerialdirigenten im Kunstministerium, erfahren hatte, dass sie gewillt sei, dies zu tun, wendeten wir uns gemeinsam mit dem Landtagsabgeordneten Heinrich Rudrof, der unser Vorhaben unterstützte, an den Oberbürgermeister. Wir sind erfreut und dankbar, dass Andreas Starke sofort Interesse zeigte und nach Kräften alles für seine Realisierung Mögliche tut.

Wie konkret sind die Pläne für die Goetz-Dependance in Bamberg?

Wolfgang Brassat: In verschiedenen Gesprächsrunden, unter anderem bei einer Fahrt mit Stadträten zur Sammlung Goetz, in denen seither dieses Thema unter dem Vorsitz des Oberbürgermeisters erörtert wurde, fand es überwiegend positive Resonanz. Auch Befürchtungen, wie die von Herrn Krings geäußerten, wurden vorgebracht, insbesondere diejenige, dass eine Sammlung Goetz in Bamberg den vorhandenen Kultureinrichtungen, darunter den notorisch unterfinanzierten Museen, finanzielle Ressourcen und Aufmerksamkeit streitig machen könnte. Das ist vielleicht nicht kategorisch auszuschließen, doch ein neues Museum von diesem Kaliber würde viele Besucher nach Bamberg locken und zweifellos Synergieeffekte für das hiesige Kulturleben erbringen.

Ein Kunst-Museum braucht spezielle Sicherheitsausstattungen, hat bestimmte Klimaanforderungen, braucht fachkundiges Personal, verursacht Unterhaltsaufwand. Über welche Summen reden wir da, sollte Bamberg die Sammlung Goetz präsenteren, und wer soll das bezahlen?

Wolfgang Brassat: Ich kann Ihnen da keine genauen Zahlen nennen, aber der finanzielle Aufwand ist nicht zu unterschätzen. Um dies zu realisieren, bedarf es selbstverständlich der Mittel des Freistaates und ich hoffe sehr, dass unser Oberbürgermeister da Mittel und Wege findet. Bedenkt man aber, dass zur Zeit in München in die Erneuerung des Gasteigs und weitere Kultureinrichtungen tatsächlich Milliardenbeträge fließen, geht es letztlich um überschaubare Dimensionen.

Warum fällt die Wahl auf Schloss Geyerswörth und nicht auf die Reithalle des "Kulturquartiers Lagarde-Campus" oder das Noch-Gefängnis in der Sandstraße?

Wolfgang Brassat: Als wir die Sammlung Goetz kontaktierten, gingen wir davon aus, dass das Gefängnis in absehbarer Zeit in einen Neubau umziehen und sein derzeitiger Standort, der Spitalbau aus dem 18. Jahrhundert, frei würde für eine neue Nutzung. Diese Pläne aber haben sich zerschlagen. Herr Starke hat Frau Goetz bei einem Besuch in Bamberg daher als mögliche Standorte Immobilien im Besitz der Stadt, nämlich die Reithalle der ehemaligen Lagarde-Kaserne und Schloss Geyerswörth, gezeigt. Sie hat sich für das Schloss ausgesprochen. Für dieses spricht seine zentrale Lage mit der nahen Tiefgarage, zudem ist es eine hochwertige, bedeutende Architektur, die mit einer musealen Nutzung der Öffentlichkeit zugänglich würde, was sie als Behördenbau nur in eingeschränktem Maß war. Die Chance, hier im Zentrum von Bamberg - und die Stadt hat die Zusage der Sammlerin - eine Sammlung zeitgenössischer Kunst von Weltrang präsentieren zu können, ist in etwa so, als wenn die Brose Baskets Magic Johnson, Michael "Air" Jordan und Dirk Nowitzki, alle im Alter von 24 Jahren, für einen Schnäppchenpreis verpflichten könnten. Es ist nicht auszuschließen, dass sie ein Traum bleiben wird, aber das Vorhaben zu unterstützen, ist eine Sache der Vernunft - ganz gleich, ob man sich für zeitgenössische Kunst interessiert oder nicht.

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren