Hallstadt
Handel

Modeladen der Jungbrunnen für 77-Jährige

Seit über sechs Jahrzehnten ist Anni Eichelsdörfer in der Branche aktiv und eigentlich im Rentenalter.
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In ihrem kleinen Modegeschäft in Hallstadt ist Anni Eichelsdörfer vol in ihrem Element. Foto: Anette Schreiber
In ihrem kleinen Modegeschäft in Hallstadt ist Anni Eichelsdörfer vol in ihrem Element. Foto: Anette Schreiber

Zahnarzt? Das lässt das Firmenschild im Vorgarten des Mehrparteienhauses vermuten. Doch dann fällt der Blick schon auf die Fenster und die hier drappierten Klamotten. Vor der Eingangstür ein Modeständer, bei den Briefkästen Schnäppchen und im Treppenaufgang Fashion-Teile. Kein Zweifel, das kann eigentlich nur Eichelsdörfer Moden sein. Das wohl ungewöhnlichste Modegeschäft seiner Art. Bei dem sich die Frage stellt, wer hier eigentlich mehr profitiert: Die Kundschaft oder Inhaberin Anni Eichelsdörfer, die sich seit sechs Jahrzehnten schöner Kleidung verschrieben hat: "Mode ist mein Leben."

Zuerst bewunderte das Mädchen aus einem kleinen Dorf bei Ebern nur die gut gekleideten Altersgenossinnen im Dorf und besuchte die Haushaltsschule. Ein aus dem Ort stammender Kripobeamter, der in Bamberg wohnte, suchte für eine befreundete Familie Hilfe im Haushalt und fragte bei Annis Eltern nach. Das war die Chance ihres Lebens, denn besagte Familie betrieb eine der wohl bekanntesten Bamberger Mode-Adressen: das Mode-Eckerl. Freilich hielt es den Teenager nicht lange im Haushalt, nach gerade zwei Wochen wechselte die 16-Jährige ins Modegeschäft, saugte alles Wissenswerte nur so auf und wurde nebenbei auch noch Teil der Familie. Die verließ sie erst für ihren Mann Rudi, einen Hallstadter. Doch Inge Eichelsdöfer konnte einfach nicht ohne Mode und alles drumherum. Sie kehrte bald zurück und leitete das renommierte Geschäft später über 20 Jahre lang. "Bis Rudi meinte, es ist genug", erinnert sich die 77-Jährige. Doch ihr fiel ohne die Mode und die Kundschaft buchstäblich die Decke auf den Kopf. "Das war kein Leben." Tochter Petra hatte dann die zündende Idee, nachdem bei ihr im Haus eine Wohnung frei wurde: Die Mutter könnte sich doch da einen kleineren Laden einrichten und nur einige Tage arbeiten.

Anni Eichelsdörfer war gerettet und fand bald Unterstützung durch weitere Damen, die sie bereits aus dem Mode-Eckerl gekannt hatte. "Wir wollten dem Mode-Eckerl nie Konkurrenz machen", stand von Anfang an fest. Und so suchte sich Anni Eichelsdörfer andere, neue Partner. Sie hatte aus ihrer aktiven Zeit mit vielen Messebesuchen entsprechende Kontakte und so begann sie vor nun 13 Jahren in ihr kleines Modegeschäft.

Umkleiden in der Speisekammer

Im Gang stehen Telefon und Karten-Lesegerät, im Schlafzimmer stößt man auf große Größen, im Bad lagern modische Jeans unterschiedlichster Ausführungen, Marken und Farben. Das Wohnzimmer bildet sozusagen das Herzstück von Eichelsdörfer Moden: Kleider, Jacken, Blusen, elegante Sache wie für Hochzeiten. In der Küche gibt's Sommerhosen, kleine Größen und Shirts. Die Speisekammer wurde als Umkleide geadelt. In der Wohnung nebenan finden sich Sozialräume, der Keller fungiert als Lager.

Wie viele Modeteile führt Anni Eichelsdörfer? "Viel, viel, viel zu viel, aber es kommt alles auch immer wieder weg." Die Kundenkartei ist inzwischen gut gefüllt, über 600 Kundinnen aus dem ganzen Landkreis und darüber hinaus. "Manchmal haben wir vier bis fünf auf einmal hier." Also auf 70 Quadratmetern. "Das ist dann aber auch wieder schön."

Warum kommt Kundschaft (im Alter zwischen 25 und fast 100 Jahren) zu Anni Eichelsdörfer, wo man anderswo eventuell wesentlich bequemer hinkäme? "Vielleicht liegt es an der Art, wie wir mit der Kundschaft umgehen?" Sie betont auch: "Man fragt nie nach der Größe, nie!" Das bräuchte sie gar nicht, denn aufgrund ihrer Erfahrung weiß sie das. Und: "Ich kenne die Kleiderschränke meiner Kundinnen" - oft besser als die selbst. Sie spricht jede Kundin mit Namen an, und sie bringt sie zu 95 Prozent als erstes Teil gleich das Passende, nachdem sie weiß, was für ein Kleidungsstück gewünscht wird. Ein Erfolgsgeheimnis. Geheimnisse kennt Anni Eichelsdörfer inzwischen viele. Denn neben Mode geht es bei der Kundenschaft um Menschliches. Diese Kombination macht es wohl und ist zu Eichelsdörfers Lebenselixier und Jungbrunnen geworden.

Ehrlichkeit ist wichtig

Jahrzehnte Mode, was hat sich verändert? "Es gibt kein bestimmtes Alter mehr für Mode, Mode ist einfach jünger geworden und es gibt mehr Farben." Obwohl sie selbst am liebsten Schwarz oder Marine trägt. "Ach noch eins, Ehrlichkeit ist wichtig", verrät die erfahrene Verkäuferin. Freilich geht das nicht so weit, dass sie sagen würde, Kundschaft sieht in etwas nicht gut aus. Als echte Verkaufsdame formuliert sie das so: "Das kleidet Sie nicht." Anni Eichelsdörfer könnte stunden- ja tagelang von ihrem Beruf und ihrer Berufung schwärmen. Wie lange macht sie, die an sich im Rentenalter ist, ihr Geschäft noch? "Och, so bis 80 und dann schauen wir weiter."

Was sagen eigentlich andere zu diesem Geschäft? Andreas Friedmann, Vorsitzender des Hallstadter Gewerbevereins, ist froh über jedes Geschäft in Hallstadt. Das von Anni Eichelsdörfer jedoch bezeichnet er als einen versteckten Geheimtipp. "So was gibt es nur in Hallstadt." Freilich würde er sich so ein Geschäft auch an der Hauptstraße wünschen. Froh über dieses Geschäft ist ebenfalls Bürgermeister Thomas Söder (CSU). "Unternehmer zum Anfassen und ein schöner Mosaikstein in Hallstadt", findet er.

Nicht von der Stange

Selbst Nicht-Hallstadter kennen die Adresse. Wie Birgit Baier. Die 56-Jährige lebt in Ebern und arbeitet seit elf Jahren in der Stadtverwaltung. Im Kollegenkreis kam irgendwann das Gespräch auf Eichelsdörfer Moden. Das hat sie ausprobiert und gehört seitdem zum festen Kundenstamm. Warum? "Hier bekomme ich Sachen, die nicht von der Stange sind und ich werde gut beraten."

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