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Bamberg
Riesenfossil

Mobbls Auferstehung

Vor 154 Millionen Jahren schwamm Mobbl in einer fränkischen Lagune. Woran starb die Schildkröte, ehe sie mit dem Bauch nach oben im Schlamm versankt?
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Auge in Auge: Matthias Mäuser & Mobbl.
Auge in Auge: Matthias Mäuser & Mobbl.
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Heiß war es in Franken. So heiß wie heute in den Tropen. Flugsaurier kreisten durch die Lüfte, seltsame Knochenfische und große Meeresschildkröten bevölkerten das Wasser. Wo heute Wattendorf liegt - im Nordosten von Bamberg - war vor gut 150 Millionen Jahren eine blaugrüne Lagune. Ein Idyll? Vielleicht. Aber schon damals konnte das Leben schnell zu Ende sein.

Drei Dinge fallen auf, wenn man die Augen über das Skelett wandern lässt, das seit kurzem einen eigenen Raum im Bamberger Naturkunde-Museum bewohnt: Es ist gewaltig. Es ist vollständig erhalten. Und: Etwas stimmt nicht. An seiner linken Hand und an seinem linken Bein sind Knochen verschoben. Was ist dem riesigen Schildkröten-Männchen passiert, damals vor Millionen Jahren? Warum versank es, auf den Rücken gedreht, im Meer - dort, wo heute der Steinbruch Wattendorf liegt? Hatte es einen Unfall? Wurde es angegriffen?

Matthias Mäuser, Leiter des Naturkunde-Museums Bamberg, hält seine Hand neben die Jahrmillionen alten Finger der Schildkröte. Die Hand des Tieres ist länger als seine. Nirgendwo auf der Welt wurde bisher eine größere, komplett erhaltene Schildkröte aus der Jura-Zeit gefunden. Nicht nur das fasziniert Mäuser, sondern die ganze Geschichte, die dahintersteckt. "Da sind noch viele Geheimnisse offen."

Der leidenschaftliche Paläontologe erinnert sich lebhaft an den 25. Oktober 2018, an den Moment, als ihm klar wurde: Im Wattendorfer Plattenkalk liegt eine Sensation verborgen. Mit geschultem Auge hatte Mäuser die Umrisse der riesigen Kröte erkannt. Nicht nur ihn selbst, sondern auch die drei anwesenden Hobby-Paläontologen Wolfgang Claus, Albert Lenze und Helmut Nikol erfasste augenblicklich das Grabungsfieber. Doch das Bergen des Skeletts erwies sich als äußerst nervenaufreibend. Das Gestein war so stark zerbrochen, dass das Fossil in Hunderte Bruchstücke und Splitter zerfiel.

Die komplizierte Bergung, bei der mit Thomas Bechmann, Hartwig Püschel und Adi Weller weitere Ehrenamtliche halfen, zog sich bis zum 11. November hin. Mäuser war nun nicht mehr euphorisch: "Eine erfolgreiche Präparation schien fast unmöglich zu sein."

Doch den erfahrenen Präparatoren Giuseppe "Pino" Völkl und Paul Völkl gelang etwas, das Matthias Mäuser "ein unglaubliches Meisterwerk" nennt: Sie konnten das Gigantenpuzzle lösen. Fast 1000 Stunden, viel Kaffee und noch mehr Nerven brauchten sie dafür. "Das war schon ein extremes Stück", sagt Pino Völkl mit seinem weichen italienischen Akzent. "Allein würde man bei so einem komplizierten Fall die Krise kriegen. Aber wir haben ja zu zweit gearbeitet." Sein Kollege ist zugleich sein Sohn. "Wir haben immer mal einen Witz gemacht und uns immer wieder gegenseitig motiviert."

Angesichts eines ganzen Containers, bis zum Rand gefüllt mit steinernen Kleinteilen, war das sehr nötig. Wie - und wo - fängt man da mit der Arbeit an? "Jeder von uns hat sich eine Schaltafel mit Steinplatten oder ein Tablett mit Miniteilen genommen und einfach geschaut, was zusammenpasst. Zum Glück hatte die Grabungsgruppe alles schön nummeriert." Zusammenpassende Teile verbanden die Völkls mit einem speziellen Kleber. Mit der Zeit ergab sich ein immer deutlicheres Bild.

"Das Fossil war noch größer, als ursprünglich vermutet", berichtet der 73-jährige Präparator. Wie Pino Völkl war auch Matthias Mäuser begeistert. Er denkt gern an die Besuche in der Obereichstätter Werkstatt: "Manchen unserer besonderen Fossilien verleihen wir Spitznamen. Die schiere Größe dieses Reptils legte uns den Namen Mobbl in den Mund."

Mobbl entpuppte sich während der Feinpräparation immer mehr als wahrer Schatz. Mit ruhiger Hand und unendlich viel Geduld befreiten die Völkls die organischen Teile des Skeletts unter dem Stereomikroskop von jahrmillionenaltem Sediment. Sie benutzen spezielle Instrumente, druckluftbetriebene Stichel - winzige Metallstifte -, fein geschliffene Nadeln und Miniatur-Schaber. "Man arbeitet unter UV-Licht, denn das macht die Weichteile sichtbar, die erhalten bleiben sollen." Erfahrene Präparatoren erkennen sogar die Schwimmhäute zwischen Fingern und Zehen und können sie, wie bei Mobbl, erhalten.

Beim Freilegen des rechten Arms der Schildkröte - "wegen des langen Schwanzes gibt es keinen Zweifel: Das ist ein Männchen" - entdeckte Pino Völkl plötzlich eine Unstimmigkeit: Elle und Speiche sind nach oben verschoben, der Knochen ist aus der Pfanne gesprungen.Der gleiche Befund am rechten Hinterbein: Auch hier sieht der Fachmann eine so genannte Luxation, einen auskugelten Knochen. Sein kriminalistischer Spürsinn ist geweckt - zumal Völkl herausfand, dass sich im Bauchpanzer ein seltsames Loch befindet. Bissspuren konnte er nirgendwo erkennen. Was war geschehen?

"Es ist wie ein Krimi", meint der 73-Jährige. Haben die Verletzungen zu Mobbls Tod geführt oder sind die Brüche erst post mortem passiert? "Ein Fachmann der Uni Fribourg wird sich Mobbl demnächst ganz genau anschauen", sagt Matthias Mäuser. "Wer weiß, vielleicht ist Mobbl ja sogar eine neu entdeckte Art oder Gattung?"

Auch wenn nicht: Der neue Star im Naturkundemuseum ist Mobbl auf jeden Fall. Zumindest bis ein noch gigantischeres Skelett gefunden wird. Die Chance dazu besteht in Wattendorf durchaus, denn im fossilreichen Plattenkalk der Jura-Zeit sind schon ein Flugsaurier, ein Krokodil, ein riesiger Quastenflosser, Brückenechsen und Haie ans Tageslicht gekommen.

Viele (Hobby-)Paläontologen träumen davon, einen oberfränkischen Urvogel zu finden, ähnlich dem Archaeopteryx aus Solnhofen - nur dass "unserer" noch ein paar hunderttausend Jahre älter wäre als der älteste bisher bekannte - oder gar einen Dinosaurier. Matthias Mäuser wäre von einem Dino-Fund ebenfalls begeistert oder auch von einem fünf Meter langen Krokodil, wie man es in Painten gefunden hat. "Allerdings habe ich auch ein kleines bisschen Angst davor. Denn: Wo sollten wir so zum Beispiel einen fünf Meter langen Kerl präparieren? Dafür bräuchten wir eine große Halle oder Werkstatt - ohne Mietbelastung, denn sonst wird es zu teuer."

Geschichts- und Kultur-Interessierte können auch im Kleinen helfen, das Fenster in die Jura-Zeit noch ein bisschen weiter aufzustoßen. "Sie können Patenschaften für einzelne Präparationen übernehmen", betont der Wissenschaftler. "Ohne solche Leute und ohne unsere engagierten und kompetenten Ehrenamtlichen könnten wir uns die Grabungen gar nicht leisten."

Besuch: Wer Mobbl, das weltgrößte komplette Schildkrötenfossil aus der Jura-Zeit, mit eigenen Augen sehen möchte, ist ab Mittwoch , 19. Februar, im Bamberger Naturkunde-Museum willkommen.Das Museum in der Fleischstraße 2 hat bis Ende März täglich von 10 bis 16 Uhr geöffnet, montags ist es geschlossen. (Eintritt 3,50 Euro, für Sechs- bis 18-Jährige 1,50 Euro. Alle Infos: www.naturkundemuseum-bamberg.de)

Finanzierung: 34.000 € hat Mobbls Präparation gekostet. Geldgeber waren u.a.: Oberfrankenstiftung, Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern, Stiftung der Sparkasse Bamberg, VR Bank Bamberg-Forchheim, Freunde des Naturkunde-Museums Bamberg e.V., Rotary Club Bamberg und Bürgerverein Bamberg-Mitte e.V.

154 Millionen Jahre ist Mobbl etwa alt. Das 140 Zentimeter lange Schildkrötenmännchen lebte im Jura-Zeitalter, das vor 201 Millionen Jahren begann und vor 145 Millionen Jahren endete.

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