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Bamberg
Interview

Mit Stand-up-Tragedy der Depression huldigen

Stand-up-Tragedy ist sein Metier. Wobei Nico Semsrott keine hohlen Phrasen drischt und dem Publikum kein leeres Wortgeplänkel auftischt. Vielmehr schwimmt der 26-Jährige fundiert frustriert mit einer ganz eigenen Philosophie gegen den Strom.
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Fundiert depri: Nico Semsrott, der am 2. Februar ab 20 Uhr im Bamberger Morphclub gastiert.  Foto: Fabian Stürtz
Fundiert depri: Nico Semsrott, der am 2. Februar ab 20 Uhr im Bamberger Morphclub gastiert. Foto: Fabian Stürtz
Schwarzer Kapuzenpulli, ein Schmierzettel und miese Laune: Nico Semsrott beschränkt sich bei Auftritten aufs Wesentliche. Damit sicherte sich der Querdenker über 100 Poetry-Slam-Siege in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Liechtenstein. Parallel dazu steigerten Formate wie "Neues aus der Anstalt" und "Ottis Schlachthof" seine TV-Präsenz, was zur Frage führt: Inwieweit ist der mit Auszeichnungen dekorierte Star überhaupt noch der Loser und Antiheld, den das Publikum lieben lernte? Wir stellten den 26-Jährigen vor seinem Besuch am 2. Februar im Bamberger Morphclub zur Rede.

Ein "depressiver Depressiver" in Zeiten, in denen die Gesellschaft auf Partystimmung gebürstet ist: Was lässt Sie trotz Ihrer Erfolge weiter verlässlich schwarzsehen?
Nico Semsrott: Ich habe zu viele Ideale, um glücklich zu sein, und die nötige Phantasie, mir eine bessere
Welt vorzustellen. Im Gegensatz dazu dann die Realität: Ein permanenter "Glückswettkampf", in dem's um Macht, Geld und beruflichen Erfolg geht. Schmerz, Trauer, Unglück - all das wird tabuisiert. Was jeden, der unter Einsamkeit und Depressionen leidet, noch einsamer und depressiver macht.

Ja. "Freude ist nur ein Mangel an Information", wie Sie Ihr neues Programm vor diesem Hintergrund nannten. Frustriert es Zuschauer denn wunschgemäß?
Nico Semsrott: Nein, die Resonanz ist deprimierend. "Lustig" finden die Leute das, was ich mache. Es ist bitter, wenn alle nach Auftritten fröhlich den Saal verlassen. Allerdings gibt's Depressive, die sich bei mir für den Tabubruch bedanken. Ich thematisiere eben so einiges, wie Selbstzweifel, die jeder hat, von denen man in den Medien bis hin zu Karriere-Ratgebern aber nichts findet.

Als Demotivationstrainer predigen Sie das Prinzip der Leistungsverweigerung. Was haben Sie gegen Schnellstudierer und andere Effizienzialisten?
Nico Semsrott: Gar nichts. Schließlich sehe ich voller Bewunderung, mit welchem Geschick sie sich ins Unglück manövrieren. Nicht nach rechts und links blicken, den Horizont schmälern - das führt früher oder später in die Depression. Schon in der Kita fängt der Wahnsinn an, wo man dir die erste Fremdsprache einhämmert, in der Grundschule die zweite: Und so lebt der Mensch bis an sein Ende als Leistungsträger, um zu arbeiten.

Wie haben Sie sich dem ab der Kita entzogen?

Nico Semsrott: Ich habe alles mögliche angefangen und wieder geschmissen. Darunter ein Soziologiestudium (sechs Wochen), Praktika beim NDR, beim "Satiremagazin" Spiegel Online und bei Zeit Online. Das frühe Aus brachte nach kürzester Zeit immer die Frage: "Willst du das den Rest deines Lebens machen?"

Und dann doch der unerwartete Erfolg, der Ihnen Engagement abverlangt (wie gerade dieses Interview). Kommen Sie damit klar?
Nico Semsrott: Natürlich ist mir der Erfolg peinlich. Schließlich will ich ein Vorbild im Scheitern sein, muss aber andererseits auch meine Mission fortsetzen: Die Depression zu verdoppeln, die bekanntlich ein Wachstumsmarkt ist.

"Die Depression verdoppeln": Der coole Spruch eines Berufszynikers oder steckt mehr dahinter?
Nico Semsrott: Unzufriedene wollen Veränderung. Das Problem sind demnach die Zufriedenen. Wir leben in einer Gesellschaft, die Profitgedanken über den Menschen stellt. Es gibt kaum Freiräume, in denen man sich ohne Existenzängste ausprobieren kann: Wer nicht mitmacht, ist raus. Dabei ist es wichtig, zu experimentieren und gegebenenfalls zu scheitern. Das erweitert den Horizont und bedeutet eine Selbsterfahrung, die ich nicht missen möchte.

Mit solchen Ansichten sind Sie ein Unikum, ein lebender Anachronismus, denkt man an Ideale der Flower-Power-Bewegung.
Nico Semsrott: Ja, leider gibt's zu wenig Opposition. Darum empfinde ich diese große Ohnmacht. Wir leben in einer Demokratie, also in Freiheit, aber in einem Umfeld, in dem man immer nur "Gefällt mir" und nicht "Find' ich scheiße" klicken kann. Wo bleibt die Wahlmöglichkeit? Uns fehlt eine Alternative zum Leistungsprinzip, das über allem steht. In dieser Hinsicht stimmen mir übrigens einige zu. Vielen ist die Unerträglichkeit des Ganzen nur noch nicht bewusst genug - als erstem Schritt, um neue Ideen zu entwickeln.

Am Samstag reisen Sie aus Hamburg nach Bamberg. Was verbinden Sie mit Franken?
Nico Semsrott: In erster Linie Bamberg, nachdem ich hier zweieinhalb Jahre lang die fränkische Depression studierte. Sie ist der Hamburger sehr ähnlich, wie man auch bezüglich der Mentalität viele Gemeinsamkeiten findet. An der Elbe und der Regnitz nehmen die Leute kein Blatt vor den Mund: "Scheiße" wird als "Scheiße" deklariert. Und man ist einsilbig, jo, zuweilen keinsilbig.

Was vermissen Sie am meisten seit Ihrem Abschied von Bamberg?
Nico Semsrott: Das Bier, die Bierkeller und - die Sonne. Spätestens ab Göttingen ist der Himmel dicht, wolkenverhangen.

Auch frustrierend. Trotzdem: Danke für das Interview!

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